Vom Krieg zurück zur Normalität
Aufarbeitung. Das Museum Moderner Kunst Kärnten zeigt, wie zeitgenössische serbische Kunst auf das Milosevic-Regime reagiert.
MARTIN BEHR KLAGENFURT (SN). Wie lässt sich auf den Zerfall einer Idee, auf Kriegsgräuel, ethnische Säuberungen und Zerstörung reagieren? Sicher mit Zynismus und Überhöhung. „Gott liebt die Serben“, nennt Rasa Todosijevic sein 1993 begonnenes und 2002 abgeschlossenes Projekt, mit dem er die Vorfälle in Ex-Jugoslawien beißend kommentiert. Das Mitglied der Belgrader Avantgardeszene baut aus alten Koffern Hakenkreuze und lässt den Spruch „Es lebe der Tod“ auf einer roten Fahne im künstlich erzeugten Wind flattern. Eindringlich verweist Todosijevic auf die praktizierten Vertreibungen, auf Totalitarismus, Größenwahn und Massenmord.Kollektive Katastrophe „Gott liebt die Serben“ ist ein zentrales Werk der Ausstellung „On Normality – Kunst aus Serbien 1989–2001“, die derzeit im Museum Moderner Kunst Kärnten Station macht. 2005 im Museum zeitgenössischer Kunst Belgrad (MoCAB) erstmals gezeigt, ist „On Normality“ immer noch ein spannendes Dokument über zeitgenössische serbische Kunst nach der Ära Milosevic. 18 Künstlerinnen und Künstler zeigen subjektive Aufarbeitungen einer kollektiven Katastrophe sowie Rückkehrversuche in die Normalität.
Eine der bewegendsten Arbeiten ist die Fotografie „Herzlich willkommen im Hotel Hyatt Belgrad“ von Vesna Pavlovic, die – in einem Spiegelbild – zwei internationale Journalisten im abgesicherten Luxusambiente während eines NATO-Bombardements 1999 zeigt. Ein Journalist blickt aus dem Fenster, der andere arbeitet am Computer. Eine kühle, sachliche Szenerie, die doch ob ihrer Botschaft ungemein verstört: Krieg als dem Leid entrückte „normale“ Arbeitsrealität. „Tatsächlich war die Normalisierung des Krieges auch eine vom Regime bewusst eingesetzte Strategie“, erklärt der Ausstellungskurator Dejan Sretenovic.
Der Künstler Zoran Naskovski wiederum thematisiert mit seinem Video „Death in Vegas“ ein Sterben, das medial große Wellen geschlagen hat: den Tod des US-Präsidenten John F. Kennedy. Der Ton zu den hinlänglich bekannten TV-Bildern wird aber von einem traditionellen Gusla-Spieler aus Bosnien-Herzegovina in epischer Weise vorgetragen. Durch diese Vermengung des Weltereignisses mit lokaler Folklore stellt Naskovski die – gerade im Jugoslawienkonflikt – drängende Frage von Wertigkeiten.
Stiller, reduzierter agiert da vergleichsweise Milan Aleksic mit seinen Fotografien, die den Titel „Aus der Serie Schlechte Instandhaltung“ tragen. Ob die löchrig gewordene Decke eines Appartments in Jagodina oder das in die Jahre gekommene Hotelbadezimmer in Soko Banja: Aleksic zeigt den während einer Serbienreise dokumentierten Verfall von Architektur. Sich aufdrängende Parallelen zum Niedergang der Humanität dürften durchaus beabsichtigt sein.Parteinahme für Roma Die von der Ausstellung „On Normality“ umfasste Zeitspanne reicht von der Machtübernahme durch Slobodan Milosevic bis zum Ende des Regimes und den ersten demokratischen Parlamentswahlen. Schon kurz nachdem sich Milosevic 1989 auf dem historischen Schlachtfeld Amselfeld zum neuen Führer der serbischen Nation hatte inthronisieren lassen, malte Zoran Marinkovic das Bild „Miki, Natalija und Milica, bevor Miki Alkoholiker wurde“. Der Künstler zitiert den Stil des sozialistischen Realismus, um mit Augenzwinkern für die vom Regime offiziell diskriminierte Gruppe der Roma Partei zu ergreifen.
Ebenfalls auf die Stilmittel der Propagandakunst greift Biljana Durdevic zurück, wenn sie „Die Zahnärzte“ großformatig in Szene setzt: Vier Männerfiguren, teilweise maskiert und mit sexuellen Anspielungen versehen, symbolisieren die Ohnmacht angesichts der Bedrohung durch (maskuline) Gewalt. Noch expliziter geißelt Milica Tomic den staatlichen Terror. Ihr Video „XY ungelöst – Rekonstruktion des Verbrechens“ ist eine symbolische Nachstellung einer verdrängten und vergessenen Ermordung von 40 albanischen Demonstranten durch die serbische Polizei. (Bis 13. September.)
