Frischer Wind aus dem Norden

Unberührte Natur, klares Licht, Einfachheit und Ursprünglichkeit - das sind gewöhnlich die Klischees vom Norden Europas. Auch die Kunst ist von solchen Stereotypen nicht verschont geblieben - wie die Ausstellung "Norden" in der Kunsthalle Wien beweist.
Von Roland Schöny


Kultur aus dem Norden boomt. Nicht nur seit der dänische Regisseur Lars von Trier mit dem Film "Dancer in the dark", in dem die isländische Pop-Sängerin Björk die Hauptrolle spielt, die Goldene Palme von Cannes erhalten hat. Dennoch: Das Regionale oder gar Nationale als Unterscheidungskriterium in der bildenden Kunst einzusetzen erscheint immer wieder problematisch. Denn gerade in der Kunst verlaufen die Debatten quer zu solchen territorialen Feldern stets international. Die Sprachen beeinflussen einander gegenseitig.

Trotzdem kann man immer wieder überraschende Entdeckungen machen, die auf gegenteilige Aspekte verweisen. Etwa in einem Video der boomenden schwedischen Künstlerin Eija-Liisa Athila. Da hat ein junges Paar Beziehungsschwierigkeiten, im Laufe der Handlung versinken die beiden in einem vereisten See und werden von unterirdischen Geistern zum Guten aufgerufen.

Sagenhafter Norden

Also sogar in neuesten Produktionen wird der Norden als Territorium der Sagen, Elfen, Trolle und Waldschrate thematisiert; in diesem Fall auf ironische Weise. Einfluss haben da vor allem die literarische Tradition, das Klima und natürlich die Landschaft. Immer wieder lassen sich solche Bezüge auch in der Ausstellung "Norden" in der Kunsthalle Wien finden, wie die Kuratorin Brigitte Kölle erklärt: "Es geht um die Spannungsfelder, die sich da auftun. Der hochtechnologisierte Norden einerseits, jener Bereich des Rationalen und Kontrollierten also, und auf der anderen Seite gibt es immer wieder auch mythische Elemente."

Verkorkstes Verhältnis zur Natur

Peter Land / ©Bild: Katalog
Peter Land / ©Bild: Katalog
Somit direkt in die Ausstellung. Der in Kopenhagen lebende und 1966 geborene Peter Land hat einen kleinkinoartigen Raum konzipiert, in dem ein poetisch-absurdes Video zu sehen ist. Peter Land - mit gelber Krawatte - geht durch den Wald, so wie in einer Fernsehserie. Die Vögel zwitschern und der Himmel ist blau. Doch in der Hand hält er ein Gewehr, und er weiß nicht so recht, was er damit anfangen soll. Schließlich schießt er ein Loch in das Boot, in das er später einsteigt und in Union Mystica mit der Natur friedlich untergeht.

Außen und innen

Immer wieder finden sich eigentümliche Szenarien wie diese in der Ausstellung "Norden", die derzeit in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz zu sehen ist. Der isländische Künstler Hreinn Fridfinnsson hat in den 70er Jahren sein so genanntes "Haus-Projekt" gestartet, das er auf Fotografien dokumentiert hat. Brigitte Kölle erklärt: "Er hat ein Haus gebaut, wo die Tapeten, Bilder und Vorhänge außen angebracht waren, das Blechdach aber innen. Dabei bezieht er sich auf eine literarische Vorlage, eine Erzählung von Gudmansson, der so ein Haus geplant hatte, es aber nie fertigstellen konnte, weil er für verrückt erklärt wurde."

Hreinn Fridfinnsson: Haus-Projekt / ©Bild: Katalog
Hreinn Fridfinnsson: Haus-Projekt / ©Bild: Katalog

Somit erzählt die Ausstellung "Norden" von der Transformation traditioneller Erzählformen in die Gegenwart. An solchen Veränderungen, Klappungen und Verdrehungen war die Avantgarde der 60er und 70er Jahre, die mit Fluxus, Pop-Art und Konzeptkunst einiges durcheinandergewirbelt hat, mitverantwortlich. Dieter Roth oder Öyvind Fahlström sind u.a. als historische Beispiele in der Ausstellung vertreten.

Aber auch klassisch Anmutendes kann man zwischendurch entdecken. Wenn man einen Blick auf Jussi Kivi wirft, einen Kartographen der besonderen Art, der sich in die finnischen Wälder begibt und jede Handlung, die er dort setzt, mit Wegmarken, etwa mit Tagebuchaufzeichnungen, markiert.

So gesehen bringt die Ausstellung "Norden" ein breites Spektrum an Ideen und Konzepten. Comicartige Bilder von Marie Louise Eckmann. Fotoarbeiten von Kari Motvjeit, wo plötzlich Geister auftauchen, wie zufällig ohne erkennbare Funktion, erotische Collagen von Arthur Köpcke oder ein Internet-Projekt der dänischen Gruppe Superflex, für Ausstellungsbesucher, die zu aktuellen Fragen - wie etwa zur kulturpolitischen Situation in Österreich - Stellung nehmen wollen. Aber auch der Gruppe Superflex geht es nicht definitiv um Österreich, sondern um allgemeine Fragestellungen zu Kultur, Ökologie und Demokratiepolitik.

Tipp:

Die Ausstellung "Norden" in der Kunsthalle Wien ist bis zum 17. September geöffnet, und zwar täglich.

Radio …sterreich 1