| Salzburger Nachrichten am 7. April 2006 - Bereich: Kultur
Jungsein ohne Alterslimit Künstler von heute
untersuchen Jugend von heute. 160 dieser Diagnosen sind in einer neuen
Ausstellung in Frankfurt zu entdecken.
Hedwig Kainberger Interview Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt eröffnet
heute, Freitag, eine ungewöhnliche Ausstellung: 160 Werke von 50 Künstlern
befassen sich mit der "Jugend von heute", also mit den Girlies, Greasers,
Hooligans, Rappern, Ravern, Streetballern, Trainsurfern, Traceurs oder
Ymakasis. Die SN sprachen mit dem Kurator der Ausstellung, Matthias
Ulrich. Wie alt sind Sie selbst? Wie alt sind die Künstler, deren Werke Sie
ausgewählt haben? Matthias Ulrich: Ich gehöre zu den so genannten
postadoleszenten 30-Jährigen. Ich bin 36. Die meisten Künstler, deren
Werke wir zeigen, sind zwischen 20 und Mitte 30. Der älteste ist der
Amerikaner Joe Andoe, 1955 geboren, die jüngste ist Alex McQuilkin,
Jahrgang 1980. Und wie alt sind die Jugendlichen, die in diesen Werken
dargestellt sind? Ulrich: Der Begriff "Jugend" ist schwieriger als früher
mit einem Lebensalter einzugrenzen. Jugend ist weniger eine Altersklasse
als vielmehr ein Lebensstil, mit dem sich auch Ältere identifizieren.
Woran ist dies zu erkennen? Ulrich: Es gibt 30- oder 40-Jährige, die nach
wie vor in Musikklubs gehen, die die gleiche Musik wie 20-Jährige hören,
die in ihrer Kleidung ähnliche Codes verwenden wie Teens und Twens. Da
vermischen sich die Generationen. Madonna und ihr Publikum sind eines der
populärsten Beispiele dafür. Die Grenze zwischen Jung und Alt - erkennbar an Musik, Kleidung,
politischem Protest - hat sich offenbar in den 50er und 60er Jahren
herauskristallisiert und ist in den 80er und 90er Jahren wieder
verschwommen. Ulrich: Ja. Eine große Jugendbewegung, wie sie sich zuletzt in den
68ern manifestiert hat, ist nicht mehr zu erwarten. Es gibt partielle
Bewegungen oder Gruppen, etwa die Klubkultur. Doch eine Gemeinsamkeit
aller Jugendlichen, eine Art gemeinsamen Protest gegen bürgerliche
Traditionen oder das politische System gibt es nicht mehr. Das Ende der Jugendzeit ergibt sich ja eigentlich mit Abschluss einer
Ausbildung oder Beginn des Berufs. Ulrich: Das Erwachsenwerden in dem Sinne, dass man sich um Beruf,
Heirat, Familie oder Kind kümmert, verliert an Bedeutung. Auch diese
Grenze existiert nicht mehr. Heute ist es normal, Familie zu haben und
sich in Klubs aufzuhalten und das ganze selbstständig zu finanzieren.
Außerdem gibt es ein Phänomen, das der deutsche Gesellschaftskritiker Paul
Nolte in seinem jüngsten Buch "Riskante Moderne" mit "Aufschubmentalität"
umschrieben hat: Jugendliche wollen eigentlich nicht mehr erwachsen
werden, sondern sie möchten sich aus einer Verantwortung heraushalten und
sich den Erwartungen der Gesellschaft oder des Marktes widersetzen.
Ähnlich argumentiert Claudius Seidel in seinem Buch "Schöne junge Welt.
Warum wir nicht mehr älter werden".Ist dies in der Kunst zu erkennen? Ulrich: Diese Ausstellung hat ein melancholisches Moment. Zum einen
wird die oberflächliche Schönheit jugendlicher Gesichter gezeigt - etwa in
den Modefotografien von Bommers und Schumm. Zum anderen wird etwa in den
Cut Outs von Amie Dicke diese Schönheitspropaganda ins Destruktive
übersetzt: Körper werden von verschiedenen Kräften konstruiert, sie sind
nicht mehr persönliches Eigentum. Es gibt das Klischee: Jungsein ist schön, vorteilhaft und soll auch
noch ewig haltbar sein. Die Ausstellung hat für diese Vorstellung wenig
übrig. Ihr geht es um ein Bild von Jugend, das sich in Widerspruch zu
diesem Klischee setzt. Welche Erwartungen der Jungen sind in den Kunstwerken zu lesen? Ulrich: Teil dieses Klischees ist es, dass Jugendliche keine
Zukunftsängste hätten. Doch wie auch immer deren Zukunft aussehen mag, ist
ein präziser Blick auf die Gegenwart von größerer Evidenz. Beispielsweise
in der großartigen Installation "The Dark Hearts" von Sue de Beer. Sie
beschreibt in ihrem Video eine lakonische Liebesgeschichte, die für die
Protagonisten in einem wenig aufgeregten ersten Kuss und dem Austauschen
der Halsketten mündet. Nüchtern, nicht auf-, sondern abgeklärt, cool eben
und verschlossen - vielleicht lässt sich diese Charakterisierung auf die
heutige Jugend übertragen. Warum so unromantisch? Ulrich: Diese
Nüchternheit ergibt sich aus der heutigen Gesellschaft. Es gibt nicht mehr
die großen Ideale, auch nicht für Erwachsene. Die Freude, der
Enthusiasmus, das Neue sind nicht mehr so zu erleben und zu genießen,
nicht so ehrlich, so authentisch wie noch in früheren Zeiten. Heute ist
die Aufklärung so weit, dass man sie nachmittags im Fernsehen wieder und
wieder vorgehalten bekommt. Jedes Beziehungsproblem eines noch so
unbedeutenden Menschen wird dort mitgeteilt und trivialisiert. Sie meinen sexuelle Aufklärung?Ulrich: Nicht nur, das gilt auch für
Politik und anderes. All dies erzeugt so eine Nüchternheit, und der
Zauber, der dahinter stecken könnte, wird nicht wahrgenommen. Gibt es in
dieser Ausstellung etwas über Männer oder Frauen, etwas, das Sexualität
thematisiert? Ulrich: Fotografien von Collier Schorr zeigen junge Wrestling-Sportler,
die auf den ersten Blick homosexuell erscheinen und so das Klischee über
homosexuelle Männer bedienen. Tatsächlich sind diese Wrestling-Kämpfer
nicht in einer sexuellen Handlung gefangen, sie kämpfen nicht, sondern sie
spielen miteinander. Dieses körperliche Spiel der jungen Männer ist nicht
freudvoll. Es drückt eine diffuse Traurigkeit aus. Dann gibt es von Tracey Emin den Film "Top spot". In ihm sind
jugendliche Mädchen zu sehen, die von älteren Männern sexuell missbraucht
worden sind. Sie werden in einer Idylle gezeigt. Man hat das Gefühl, sie
müssten aggressiv sein, da sie anfangs frei darüber sprechen, was ihnen
zugestoßen ist. Eigentlich müssten sie gekränkt von den Männern oder der
Gesellschaft sein. Aber sie sind das nicht in der Weise, wie man es
erwartet, sondern sie geben sich mit dem Erlebten ab, sie verheimlichen es
teilweise vor den Eltern oder der Schule. Tracey Emin hat hier einen sexuellen Übergriff thematisiert, wie er
zuhauf vorkommt. Gleichzeitig ist dies nicht ein Aufruf an eine
Veränderung der Verhältnisse, sondern es wird dargestellt, als wäre es
eine unabänderliche Realität unserer Zeit. Interessieren sich heutige
Jugendliche selbst für Kunst? Ulrich: Wir werden sehen, ob sie in die Ausstellung strömen oder nicht.
Wir haben versucht, entsprechende Plakate zu machen, die die Codes der
Jugendlichen enthalten. Was sind das für Codes? Ulrich: Auf diesem Plakat ist ein kreiertes
Logo, eine Art Wappen. Darauf befinden sich verschiedene Zeichen: ein
Plattenspieler, ein Skateboard, Highheels, eine junge Frau, die sich
frivol wälzt, ein Totenkopf, zwei Pistolen, eine Gitarre, eine
Schmuckkette. Diese Zeichen sind übernommen von den fünf Kapiteln unserer
Ausstellung, also jenen Themen, die für Jugendliche und ihr Verhalten
äußerst relevant sind: Politik/Revolte, Existenz/Sein, Musik/Club,
Körper/Sex und Stadt/Raum. |