Salzburger Nachrichten am 12. Mai 2006 - Bereich: Kultur
"Bauzaun" an Stelle des Bauzauns

Hans Schabus hat in Salzburg exakt jene Stelle für den "Bauzaun" gewählt, wo jahrelang der Zaun vor der Baustelle der Universität Mozarteum gestanden ist.

Hedwig Kainberger Interview Warum eine Holzwand als "Bauzaun"? Ist das Kunst? Die SN fragten Hans Schabus, der im Vorjahr den Österreich-Pavillon auf der Biennale von Venedig und nun am Rande des Mirabellgartens in der Stadt Salzburg eine so genannte Intervention gestaltet hat. Diese ist seit gestern, Donnerstag, fertig.

Sind Sie zufrieden mit der Umsetzung Ihrer Idee? Schabus: Es ist so, wie ich es mir vorgestellt habe.

Es wird gesagt, Sie hätten den so genannten Postkartenblick verbaut. Was war Ihre Absicht dabei? Schabus: Ich habe den Blick nicht verbaut. Wenn Sie da stehen, sehen Sie die Festung, wenn Sie weiter hinten stehen, sehen Sie auch den Dom. Wenn, dann sind es die Bäume, die den Blick versperren.

Man hat die Achse des Gartens, die auf Festung und Dom gerichtet ist. Da nun ein Regelwerk dazwischen geschoben ist, werden diese Bedeutungen und Perspektiven akzentuiert. Man sieht die Dinge anders. Ja, vielleicht ist auch der Blick jetzt akzentuiert. "Mirabell" hat ja mit "schöner Aussicht" zu tun.

Was hat es mit der Wand auf sich? Schabus: Roland Rainer, der große Städteplaner und Architekt, hat einen Aufsatz über die Qualität der Mauer geschrieben, wie man sie zum Beispiel in der profanen Architektur im Burgenland oder im Waldviertel findet. Dort sind die Häuser zur Straße hin alle geschlossen, nach hinten hin sind Höfe.

Da macht man von der Straße aus die Türe auf und plötzlich steht man in einem anderen Zusammenhang, mitunter in einem grünen Paradies. Das ist interessant: dass man Räume akzentuiert, indem man sie voneinander trennt.

In einem Haus geht man auch von Zimmer zu Zimmer, macht die Tür auf und kommt in neue Raumzusammenhänge. Dieser Moment des Eintritts ist essenziell.

Ist dieser Gedanke so stark, dass die Wand auf Dauer bleiben könnte? Schabus: Nein. Denn der öffentliche Raum ist eine schwierige Angelegenheit. Es ist ein historisch gewachsener Raum, es hat sich das Leben in und mit diesem Raum arrangiert. Es ist schwierig, da mit etwas hineinzufahren, das langfristig bleiben soll. Aber für ein befristetes Projekt kann man lustvoller, intensiver und spontaner arbeiten.

Und wie ist die Linie dieses "Bauzaunes" zu erklären? Schabus: Diese Balustrade mit den Statuen aus der griechischen Mythologie definiert die Grenze des Parks. Ich wollte das als Schnittachse hin zum Stadtraum.

Da die Skulpturen nun in diese Wand schauen, hat man plötzlich ein anderes Naheverhältnis zu ihnen. Schauen Sie, zum Beispiel dort rechts der Zeus, der ein Kind zerreißt. Man stelle sich die Probleme vor, wenn man so eine Skulptur, die derart Grausames zeigt, heute als zeitgenössisches Werk hinstellte! Aber wir haben uns damit arrangiert, weil es eine historisch gewachsene Geschichte ist, die unter dem Nostalgie- und Historismuskitsch irgendwie entschärft wird.

Warum sind die Bretter nicht gleich hoch? Schabus: Zunächst ist die unterschiedliche Länge der Bretter interessant, weil sie so etwas wie ein Provisorium akzentuieren.

Außerdem hat es mit Musik zu tun, die Form der Bretter steht für die Melodie der "Demolierer-Polka" von Johann Strauß. Denn Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Wien die große Stadtmauer und die Basteien niedergerissen. Man hat sich quasi von Altwien verabschiedet, um Neuwien zu ermöglichen. Letztlich war das eine Modernisierung. Verschiedene Künstler haben auf diesen Umbruch reagiert, Johann Strauß hat die Polka geschrieben.

"Bauzaun" steht auch deshalb für für Modernisierung, weil mit und an dieser temporären Abgrenzung eine Veränderung passieren könnte. Hier passiert zwar keine effektive Bauarbeit, aber vielleicht passiert etwas in den Köpfen - vielleicht ein Veränderungswille, ein Veränderungsgedanke und eine Reflexion.

Es geht da nicht um gebaute Räume, sondern auch um Denkräume. Mir kommt vor, dass die Denkräume in den letzten Jahren enger und enger werden, dass eine Öffentlichkeit auch immer radikaler reagiert gegenüber Denkräumen.

Was ist an diesem "Bauzaun" Kunst? Warum ist das Kunst? Schabus: Ich bin der Letzte, der erklären kann oder will, was Kunst ist.

Sind Sie Künstler?

Schabus: Ich bin Bildhauer. Und das ist eine Skulptur, eine räumliche Intervention, eine räumliche Dringlichkeit, eine räumliche Vehemenz, ein skulpturales Anliegen in einem Verhältnis mit einem historisch gewachsenen Ensemble, und diese Reflexion darüber ergibt so etwas wie eine Gesamtinstallation.

Sie können nicht sagen, ob es Kunst ist, weil Sie nicht definieren können, was Kunst ist?

Schabus: Sind Gewürzsträußchen Kunst oder nicht? Sind diese Statuetten Kunst oder Skulptur oder Kunsthandwerk oder Dekoration? Ich will mich nicht in so eine Begrifflichkeit hineinstürzen.

Natürlich weiß ich, dass ich Künstler bin, dass ich als Künstler agiere, Ausstellungen bestreite und mir Gedanken mache. Aber ich kann nicht von dem, was ich mache, sagen, es sei Kunst. Das sagt der andere, der Betrachter, das Gegenüber.

Ob der "Bauzaun" interessant ist, hängt nicht davon ab, ob er als Kunst gilt, sondern oder ob er Gedanken, Gefühle, Zweifel, Fragen auslöst.

Schabus: Genau! Ich war ja vor mehr als einem Jahr in Salzburg, um diesen Platz anzuschauen. Da war entlang eines Großteils der Balustrade ein Bauzaun vor der Baustelle der Universität Mozarteum. Der war auf derselben Stelle, genau vor den Skulpturen. Der wirkliche Bauzaun war zwei, drei Jahre da, dahinter waren zwei Container, es war eine Riesenbaustelle. Das hat niemanden interessiert, niemand hat gekräht.

Heute steht über dem Ding "Kunst" oder "Bauzaun" zwischen Anführungszeichen. Jetzt ist plötzlich diese große Aufregung, diese große Öffentlichkeit, diese Vehemenz und dieser Wahnsinn, der da abgeht, nur weil etwas anderes drübersteht. Das ist sehr interessant. Siehe Internet www.salzburg-kontra.com