Religiöse
Bettler und fromme Obdachlose bevölkern die „heilige Stadt“ Jerusalem.
Kinder aus der Westbank und Hebron tragen Einkaufskörbe, packen Gemüse
oder verkaufen Feuerzeuge, weil ihre Eltern ihr Gebiet nicht verlassen
dürfen. In der Galerie „Barbur“ in Jerusalem wurden Kunstprojekte für
arabische Straßenkinder durchgeführt. Eine Reportage von Kerstin
Kellermann.
„Wollen Sie nicht mehr geben?“, fragt der stolze Bettler mit
Kippah und Löckchen auf der breiten Treppe, die hinunter zur Klagemauer
führt. „Ich sammle nicht für mich, sondern für arme Familien.“ Unter
den Arm hat er sich eine große gläserne Dose geklemmt, die bis oben hin
voll ist mit Dollarscheinen. Für eine Spende schenkt er rote
Woll-Fädchen her. Zwei orthodoxe Juden mit Hut und Anzug verkaufen
Glücksbringer aus einem Plastiksackerl. Wie von Zöllnern oder
Wegelagerern wird auf jedem Treppenabsatz bis hinunter um Geld gefragt.
Weit ist der Blick über die Hügel, in der Ferne leuchtet die Kuppel des
Felsendoms auf dem Tempelberg, unten stehen die Betenden vor der Mauer.
Über dem Berg wirken die dunklen Wolken so, als ob eine freundliche
Macht quer über dem Geschehen thront, obwohl hier in 3000 Jahren Ströme
an Blut vergossen wurden.
Nach der Sicherheitskontrolle, die wie viele der Sicherheitsjobs von
äthiopischen Juden und Jüdinnen durchgeführt wird, steht man auf der
breiten, abschüssigen Rampe, die hinunter zur Klagemauer, zur berühmten
Westmauer führt. Hier wurde 1968 im Auftrag von Verteidigungsminister
Moshe Dayan ein dicht besiedeltes Viertel abgerissen, seine
moslemischen BewohnerInnen hatten drei Stunden Zeit, um auszuziehen. Im
Frauensektor, der kleiner ist als der der Männer, bettelt eine Frau mit
rotem Leiberl Touristinnen an, ihre Kinder hüpfen fröhlich um sie
herum. Dicht gedrängt stehen Frauen direkt an der Mauer, während über
ihnen Spatzen in den von der Sonne beschienenen alten Steinen sitzen.
Rückwärts geht eine Reihe Mädchen von der Wand weg. Oben bahnt sich ein
alter, schwarz gekleideter Mann mit Bart laut schimpfend seinen Weg
durch eine afrikanische Touristengruppe. In dem bunten Gemisch an
Menschen, die die Altstadt bevölkern, lösen sich Zu- und Einordnungen
auf. Bewertungen und Werturteile verschwinden zwischen den hupenden
Autoschlangen und weiß leuchtenden Steinhäuschen vor den Toren. Es
bleibt allein der optische Eindruck.
Am Yaffa-Tor kletzelt ein Junge mit eifrigem Gesicht ein
Plastiksackerl mit den Fingern auseinander. Er steht neben einem
offenen Wagen, auf dem Gebäckkringel verkauft werden.
„Im Mahane-Yehuda-Markt tragen arabische Jungen den Leuten die
Einkäufe nach Hause oder packen Gemüse ein oder aus. Sie stammen aus
geschlossenen Gebieten (closed neighbourhoods), wie der Westbank. Ihre
Eltern dürfen nicht rauskommen, um selbst arbeiten zu gehen. Sie werden
die Körbe-Kinder genannt“, erzählt der Programmierer Denis Mashkevich,
der Fotoworkshops mit den Acht- bis Vierzehnjährigen durchführt. „Das
sind Kinder von Arabern mit permanenter Aufenthaltsgenehmigung, die dem
Staat egal sind. Sie unterstützen ihre Familien mit jeder Art von
schlechten Jobs. Zur Schule gehen sie offensichtlich nicht.“ Dass
Kinder aus Hebron in der Altstadt auch Feuerzeuge um zwei Shekel
verkaufen, erzählt später Adina, die Djane Latifa Punk. Mit Kindern aus
Hebron konnten aber keine Workshops gemacht werden, obwohl es Denis und
seine Gruppe immer wieder versuchten. Es war nicht wirklich möglich,
sie zu gewinnen.
Denis ist einer der Gründer des Stadtteilzentrums „Barbur“, das
ursprünglich eine Galerie werden sollte, damit nicht alle
AbsolventInnen der Jerusalemer Kunstuniversität Bezalel nach Tel Aviv
abwandern. „Wie baut man eine Szene für sich selbst? Du tötest dich
selbst professionellerweise, wenn du als Künstler in Jerusalem
bleibst“, sagt Denis, der dreimal betont, selbst kein Künstler zu sein,
und seine Tage mit seinem Laptop im Lokal Nocturno verbringt. Die
KünstlerInnen Masha Zusman, Hagit Keysar, Yanai Segal, Avi Sabah und
Denis lernten 2005 Uri Amedi kennen, einen Sozialarbeiter, der rührig
Dinge in Angriff nimmt, um die sich eigentlich die Stadt kümmern
sollte. Örtliche Parks, örtliche alte Leute oder die Wiederbelebung des
alten Marktes, des Shuk im Viertel Nachlaot. Amedi will das Zentrum der
Stadt entwickeln, er interessiert sich für die Community, die
Gemeinschaft. Er stellte auch einen Sozialarbeiter an, der mit den
Marktstandlern verhandelte, um die Körbe-Kinder z. B. für Ausflüge
freizukriegen. Uri Amedi vertraute der Gruppe Räumlichkeiten in einem
Kindergarten an, die sich schnell zu einem Treffpunkt entwickelten.
„Das Zentrum der Stadt sollte wieder belebt werden, denn als
die Altstadt jordanisch war und es Schießereien gab, siedelte der Staat
z. B. in Musrara Juden aus Marokko an. In Nachlaot lebten aber schon
lange vor der Staatsgründung Israels jemenitische Juden, eine schwache
und arme Bevölkerung“, berichtet Denis. „Wir befürchteten, dass sich
die Menschen nicht für Kunst interessieren, und begannen mit linken
Kinofilmen. Die ultraorthodoxen Ashkenasi in Nachlaot, die in
geschlossenen Enklaven leben, denken sowieso, dass wir uns im Krieg
befinden, also zeigten wir einen Dokumentarfilm, in dem es darum geht,
was mit den Leuten im Kopf passiert, wenn eine Stadt geschlossen oder
verschlossen wird. Nach zwei Monaten des Eingesperrtseins werden neue
Killer produziert.“ Heftige Diskussionen mit Rechten folgten, aber die
Leute kamen immer wieder, zu neuen Filmen und Diskussionen, zu
Ausstellungen und in letzter Zeit auch zu Workshops. „Die bloße
Tatsache, dass du dein Kulturzentrum in diese schwierige Nachbarschaft
setzt, bedeutet, dass du dich mit ihr auseinander setzen musst. Sonst
würden sie dich rausschmeißen und total feindlich sein. Wir erwarteten,
dass die Leute unser Haus abfackeln würden, und es drohten wirklich
radikale Religiöse damit, einen Gartenschuppen abzubrennen, weil wir
ein Fensterkreuz aus Holz befestigten, das wie ein religiöses Kreuz
aussah.“ Denis weigerte sich auch, an der Tür des Zentrums ein Metsusah
anzubringen, ein Schutzsymbol: „Vor 2000 Jahren waren die Juden Sklaven
in Ägypten, der Pharao nutzte sie als Sklavenarbeiter für den
Pyramidenbau aus. Dieses Türzeichen bedeutet, dass der Todesengel nicht
in dieses Haus geht, sondern nur in die der Ägypter. Mit dem Metsusah
wäre Barbur nur ein Haus für Juden gewesen und nicht für alle anderen,
die ebenfalls zu uns kommen.“
Mit Dank an Karin Schneider und Friedemann Derschmidt vom Rites Institute