"Die Kunst kann nicht durch das Wort ersetzt werden. Aber
es geht bei der documenta 11 nicht um eine reine Kunstausstellung.
Wir stellen viel eher die Frage: Was diese Ausstellung versucht zu
erreichen", soweit Okwui Enwezor, der künstlerische Direktor in Kassel auf
der Pressekonferenz zwei Tage vor der Eröffnung.
Die im Fünfjahrestakt abgehaltene internationale
Riesenausstellung für zeitgenössische Kunst in der knapp 200.000 Einwohner
zählenden deutschen Stadt ist ab diesem Samstag dem Publikum zugänglich,
und bleibt - traditionell - hundert Tage lang geöffnet. Für die
documenta 11 wurde allerdings ein wenig geschummelt. Nur auf der
sogenannten "Plattform 5" wird es demnächst jene hundert Tage lang
etwas zu sehen geben.
Vier "Plattformen" haben bereits stattgefunden und dort
regierten das Wort und der Diskurs. Galt es doch zu versuchen, wie es Ute
Meta Bauer, eine der sechs von Enwezor engagierten Kokuratoren,
formulierte: "Theorie und Praxis noch weiter zu verschränken".
Vier Symposien daher im Vorfeld, wobei Wien und seine
Akademie der bildenden Künste im März 2001 den Anfang machten: "Demokratie
als unvollendeter Prozeß" wurde hier diskutiert. In Neu Delhi ging es mit
"Experimente der Wahrheit: Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der
Wahrheitsfindung und Versöhnung" weiter, auf der Karibikinsel St. Lucia
hatte man sich die "Kreolisierung" und den Versuch, für diese eine neue
Lesart zu initiieren vorgenommen. Die letzte Station vor Kassel hieß
Lagos, das Thema "Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte, Freetown,
Johannesburg, Kinshasa, Lagos".
Nun hebt Plattform fünf an, auf der endlich die bildende
Kunst das Sagen haben wird. Enwezor möchte diese letzte Veranstaltung
dabei gar nicht als Abschluß verstehen, sondern hofft, daß sich die von
ihm eingeschlagene Kunst-Diskurs-Richtung auch nach Ende der documenta
fortsetzen wird.
In Kassel stehen für die Präsentation seit heuer fünf
verschiedene Gebäude zur Verfügung. Zu den traditionellen Schauorten
Museum Fridericianum, documenta-Halle, Orangerie und dem für die
letzte documenta geschaffenen Kunstbahnhof kommt heuer erstmals die
als neuer Schauplatz adaptierte Binding-Brauerei hinzu.
Um die Globalisierung und die Globalisierung der Kunst,
die Kunst einmal nicht aus einem westlichen Blickwinkel gesehen, soll es
also gehen.
Enwezor wurde in Calabar in Nigeria geboren - und ist
somit der erste nichteuropäische documenta-Leiter. Auch sein Kuratorenteam
hat er sich aus der ganzen Welt ausgesucht. Am Presse-Konferenz-Podium
fallen artig die Schlagworte: "Neue Geographie der Kultur", "Versuch einer
neuen Topologie der Kunst", "Internationalisierung der documenta",
"Migration und Emigration", "Die Menschen als transnationale Objekte".
118 Künstler wurden nach Kassel eingeladen. Rund 450
Objekte sind zu sehen, rund 70 Prozent davon - auch das konnte keine
frühere documenta bieten - wurden extra für das Ereignis
geschaffen. 140 Guides hat man eingeschult, um dem Publikum bei Führungen
und in Vorträgen das Gezeigte näherzubringen.
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