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07.06.2002 - Ausstellung
documenta: Die liebe Kunstfamilie an der Weltkulturtafel
Die "documenta" macht in ihrer 11. Ausgabe ab Samstag das deutsche Kassel wieder zum Nabel der Kunstwelt.
VON STEFAN MUSIL


"Die Kunst kann nicht durch das Wort ersetzt werden. Aber es geht bei der documenta 11 nicht um eine reine Kunstausstellung. Wir stellen viel eher die Frage: Was diese Ausstellung versucht zu erreichen", soweit Okwui Enwezor, der künstlerische Direktor in Kassel auf der Pressekonferenz zwei Tage vor der Eröffnung.

Die im Fünfjahrestakt abgehaltene internationale Riesenausstellung für zeitgenössische Kunst in der knapp 200.000 Einwohner zählenden deutschen Stadt ist ab diesem Samstag dem Publikum zugänglich, und bleibt - traditionell - hundert Tage lang geöffnet. Für die documenta 11 wurde allerdings ein wenig geschummelt. Nur auf der sogenannten "Plattform 5" wird es demnächst jene hundert Tage lang etwas zu sehen geben.

Vier "Plattformen" haben bereits stattgefunden und dort regierten das Wort und der Diskurs. Galt es doch zu versuchen, wie es Ute Meta Bauer, eine der sechs von Enwezor engagierten Kokuratoren, formulierte: "Theorie und Praxis noch weiter zu verschränken".

Vier Symposien daher im Vorfeld, wobei Wien und seine Akademie der bildenden Künste im März 2001 den Anfang machten: "Demokratie als unvollendeter Prozeß" wurde hier diskutiert. In Neu Delhi ging es mit "Experimente der Wahrheit: Rechtssysteme im Wandel und die Prozesse der Wahrheitsfindung und Versöhnung" weiter, auf der Karibikinsel St. Lucia hatte man sich die "Kreolisierung" und den Versuch, für diese eine neue Lesart zu initiieren vorgenommen. Die letzte Station vor Kassel hieß Lagos, das Thema "Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte, Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos".

Nun hebt Plattform fünf an, auf der endlich die bildende Kunst das Sagen haben wird. Enwezor möchte diese letzte Veranstaltung dabei gar nicht als Abschluß verstehen, sondern hofft, daß sich die von ihm eingeschlagene Kunst-Diskurs-Richtung auch nach Ende der documenta fortsetzen wird.

In Kassel stehen für die Präsentation seit heuer fünf verschiedene Gebäude zur Verfügung. Zu den traditionellen Schauorten Museum Fridericianum, documenta-Halle, Orangerie und dem für die letzte documenta geschaffenen Kunstbahnhof kommt heuer erstmals die als neuer Schauplatz adaptierte Binding-Brauerei hinzu.

Um die Globalisierung und die Globalisierung der Kunst, die Kunst einmal nicht aus einem westlichen Blickwinkel gesehen, soll es also gehen.

Enwezor wurde in Calabar in Nigeria geboren - und ist somit der erste nichteuropäische documenta-Leiter. Auch sein Kuratorenteam hat er sich aus der ganzen Welt ausgesucht. Am Presse-Konferenz-Podium fallen artig die Schlagworte: "Neue Geographie der Kultur", "Versuch einer neuen Topologie der Kunst", "Internationalisierung der documenta", "Migration und Emigration", "Die Menschen als transnationale Objekte".

118 Künstler wurden nach Kassel eingeladen. Rund 450 Objekte sind zu sehen, rund 70 Prozent davon - auch das konnte keine frühere documenta bieten - wurden extra für das Ereignis geschaffen. 140 Guides hat man eingeschult, um dem Publikum bei Führungen und in Vorträgen das Gezeigte näherzubringen.



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