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"Wer Katzen mag, ist erotisch"Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, über die Farbe Schwarz, Füchse im Garten und Wiener Katholizismus
laus Peymann hat gute Laune. Es ist Herbst, es ist kalt, es scheint die
Sonne. Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, früher Theaterdirektor
in Stuttgart, Bochum und Wien, sitzt in seiner Villa in Berlin-Köpenick,
in direkter Nähe zur Dahme, einem Nebenarm der Spree. Das Haus mit dem
wilden, riesigen Garten wirkt von außen größer und imposanter als es ist,
was daran liegt, daß der Dachboden nicht ausgebaut ist. Die Wohnung ist
spartanisch eingerichtet, selbst die Bilder, eine Beuys-Zeichnung, Bilder
von Xenia Hausner oder von dem Bühnenbildner Achim Freyer, stehen
angelehnt an den Wänden. Peymann serviert Kaffee. Das Service hat ihm der
Mann geschenkt, dessen Stücke er uraufgeführt hat und mit dem er berühmt
wurde: Thomas Bernhard. Welt am Sonntag: Ich bin ein bißchen
verwirrt, Sie im Pullover zu sehen. Wenn Sie wissen, daß Sie fotografiert
werden, haben Sie doch immer drei Hemden dabei. Claus Peymann: Ich bin eben ein Profi! Und ich
mach das, weil ich ja nie weiß, wie der Fotograf mich haben will: pastoral
mit einfachem weißen Hemd und schwarzem Pullover. Oder vergreist, dann
ziehe ich Yamamoto an. Oder jugendlich-elegant, dann wähle ich Comme des
Garçons. Wie viele schwarze Hemden haben Sie überhaupt? Peymann: Meinen Sie Oberhemden? Nur zwei oder
drei. In erster Linie aber trage ich T-Shirts. Und die sind ... Peymann: ... schwarz. Schwarz ist die
klassische Farbe der Theaterleute. Sie sind schwarz, damit man sie im
Dunkeln nicht sieht. Die Farben gehören der Bühne. Ist Ihnen außer der Farbe egal, was Sie tragen? Peymann: Natürlich nicht. Ich kaufe meine
Sachen ja immer bei Thomas I-Punkt in Hamburg - übrigens genau wie
Elfriede Jelinek. Ihnen zu Ehren habe ich heute extra diesen
Rollkragenpullover von Jil Sander angezogen. Der Pullover ist total gut,
der macht mich schlank. Sie sind der einzige Theaterregisseur, dem ein Stück gewidmet wurde, in
dem es schon dem Titel nach um Konsum geht: Thomas Bernhards Dramolett
"Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen". Peymann: Ich war mit Bernhard, kurz bevor ich
1986 Burgtheaterdirektor wurde, tatsächlich in Wien in einem Geschäft
namens "Die englische Flotte" und habe einen braunen Anzug gekauft.
Einen braunen? Peymann: Ja, katastrophal. Aber Bernhard fand
ihn so unbeschreiblich schön und hat mich zum Kauf gezwungen. Der Anzug war doch bestimmt eher rustikal, wie Bernhard es schätzte ...
Peymann: Er hatte einen eher kräftigeren Stoff.
Das hat mich auch an ihm gestört. Ich habe ihn als Devotionalie immer brav
mit mir herumgetragen, aber nie angezogen. Nie! Irgendwann habe ich dann
den Anzug dem Fundus des Burgtheaters übereignet. Wahrscheinlich läuft
jetzt ein Techniker des Burgtheaters mit diesem Anzug herum - und weiß gar
nicht, welches Kleinod er besitzt. Lassen Sie sich eigentlich beim Kauf beraten? Peymann: Nein, aber ich schenke meiner Freundin
gern einmal ein schönes Kleidungsstück. Darf's dann auch mal bunt sein? Peymann: Schön wär's, ich mag bunte Frauen
neben mir - müssen ja nicht aussehen wie Papageien. Aber letztlich sind
doch alle immer schwarz. Dabei halte ich mich selber für einen positiven,
bunten Mensch - eher hellblau oder rosa. Sie müssen als Intendant viel reisen. Auf was können Sie in einem Hotel
nicht verzichten? Peymann: Das wird ja hier ein richtiges
Stil-Gespräch! Ich bin vollgeladen mit Theateranekdoten, etwa über die
neuesten Berliner Kulturkatastrophen, hab die ganze Nacht nicht
geschlafen, um mir Bosheiten zu Flierl, Hein und Schindhelm auszudenken,
und jetzt kommen Sie mit diesen Fragen! Was wollten Sie wissen? Auf was Sie im Hotel nicht verzichten können. Peymann: Ich bin ja eigentlich immer im
Theater, aber wenn ich reise, gebe ich viel Geld für Hotels aus. Ich
selber, nicht das Theater. Schon klar. Peymann: Nein, nein, ist es nicht. Vor zwei
Jahren waren wir mit "Richard II." in Tokio eingeladen. Die ganze Truppe
wohnte in einem Hotel, einem sehr guten natürlich. Ich aber habe mich
besser einquartiert, im "Park Hyatt", die Woche hat mich privat
unvorstellbar viel Geld gekostet. Übrigens wurde in diesem Hotel der Film
"Lost in Translation" gedreht, und ich hatte praktisch genau das Zimmer
wie dieses Mädchen im Film. Als ich den dann sah, war ich natürlich
hemmungslos stolz. Lassen Sie sich bei der Hotelwahl beraten? Peymann: Also der Bernhard hat mir viele
Hotel-Tips gegeben, etwa das "Reids" in Madeira, in dem ich sehr gern
wohne. Oder das "Waldhaus" in Sils Maria. Fahren Sie noch ins "Waldhaus"? Peymann:: Ja, jeden Sommer für 14 Tage. Ich war
da oft mit Christoph Ransmayr und Christoph Marthaler wandern. Das soll ein skurriles Haus sein. Peymann: Es ist ein völliger Anachronismus.
Anna Viebrock, die Bühnenbildnerin von Marthaler, baut ja seit Jahren
immer nur das "Waldhaus" nach. Wer das "Waldhaus" kennt, weiß, daß ihre so
unverwechselbaren Theatersäle entweder aussehen wie der Speisesaal im
"Waldhaus", die Hotelhalle, der Keller oder der Festsaal. Nun haben Sie dieses schöne Haus. Werden Sie jetzt seßhaft? Peymann: Wenn wir es drauf ankommen ließen,
wäre ich hier in vier Stunden wieder ausgezogen. Das einzige
Verpackungsproblem wären die Bücher. Ich will niemals von einem Ort
abhängig sein. Wenn die Politiker die Berliner Kultur endgültig ruiniert
haben, dann bin ich am selben Tag weg. Ist das Ihr Haus? Peymann: Nein, ich wohne zur Miete - natürlich
viel zu teuer. Warum sind Sie dann eingezogen? Peymann: Weil ich endlich einmal in einem Haus
mit einem riesigen Garten wohnen wollte. Ich bin in einem Reihenhaus in
Bremen aufgewachsen, aber immerhin mit Schrebergarten. Mit Obstbäumen,
Gänsen und Misthaufen. Hier habe ich im Garten sogar einen Fuchsbau.
Sehen Sie die Füchse öfter? Peymann: Nachts manchmal. Die Füchsin ist hier
die heimliche Königin. Vergangenes Frühjahr sah ich nachts erst einen,
dann zwei, dann drei, schließlich vier kleine Füchse. Ich habe wochenlang
jede Nacht am Fenster gesessen und ihnen zugeschaut. Gegen die Spielfreude
der jungen Füchse ist das Berliner Ensemble aber gar nichts. Der
Schauspieler Gert Voss hat mir dann geraten, sie mit Kitekat zu füttern.
Haben sie das gefressen? Peymann: Ja, das ging wunderbar, bis ich den
Förster hier fragte, ob das in Ordnung wäre. Der hat die Hände über dem
Kopf zusammengeschlagen: "Sind Sie verrückt geworden. Das sind doch wilde
Tiere!" Ich habe es dann gelassen. Der kleinste Fuchs saß noch nächtelang
im Mondschein auf der Wiese und wartete auf sein Futter. Also sind Sie tierverrückt? Peymann: Ich liebe Tiere. Eigentlich bin ich
ein Hundetyp, habe mich aber - weil ich zwanzig Jahre lang Katzen hatte -
zum Katzentyp entwickelt. Und beides geht nicht. Was ist der Unterschied? Peymann: Ich würde sagen: Wer Katzen mag, ist
auch erotisch. Wer Hunde mag, nicht unbedingt. Ihre Wohnung ist sehr leer. Hängen Sie überhaupt an Dingen? Peymann: Nein, gar nicht. Mit den Beziehungen
sind immer auch die Möbel gegangen. Besser: Die Möbel sind geblieben und
ich bin weitergezogen. Hermann Beil, seit 30 Jahren Ihr Mitstreiter, ist berühmt für seine
Torten. Was ist Ihre Spezialität? Peymann: Ich koche nicht, gehe aber sehr gern
gut essen. Außerdem kocht Jutta Ferbers, mit der ich seit vielen Jahren
zusammen bin, sensationell. Wenn sie in Berlin ein Lokal aufmachen würde,
dann verdiente sie das Zehnfache von ihrem Dramaturgenlohn und hätte einen
Stern im "Michelin". Sie sagen gern, Theater sei wie eine Kirche. Gehen Sie da hin? Peymann: In Kirchen! Viel. Weil Sie gläubig sind? Peymann: Nein, wegen der Atmosphäre. Für mich
sind die Kathedralen in Reims oder Chartres Meditationsräume,
Theaterräume. Sind Sie, der Bremer Protestant, durch Wien katholischer geworden?
Peymann: Ich bin durch Wien eher antikatholisch
geworden. Wien hat mir die Augen geöffnet in bezug auf die Macht der
katholischen Kirche in diesem durch und durch katholischen Staat. Das kann
man hier in Deutschland gar nicht verstehen. Ich habe sogar viele Jahre
mit dem Kardinal Schönborn Silvester gefeiert. Wie muß man sich das vorstellen? Peymann: Heiß. Wir waren immer beim damaligen
Kunstminister Scholten eingeladen, 14 Leute. Da saßen der Kardinal, der
Kunstminister, der Innenminister, André Heller, Peter Turrini, Kirsten
Dene, Claus Peymann, plus Freundinnen oder Frauen. Das ist eben auch das
katholische Wien. Eine echte Arthur-Schnitzler-Gesellschaft. Welche Rolle spielten Sie darin? Peymann: Ob Sie es glauben oder nicht: eine
stille, bescheidene. In diesen Kreisen gibt es eine Form von Eloquenz,
Charme und Boshaftigkeit, inklusive Kardinal, da klemmen uns Deutschen die
Ohren. Das ist Österreich, das hat - in Gottes Namen - Stil. Artikel erschienen am 21. November 2004 |
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