Murren gegen M&M
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Auch im Leben eines Kulturpolitikers gibt es einsame Momente.
Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) erlebte einen solchen unlängst in
Brüssel. Sein Chef, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, macht in
Begleitung des belgischen Ministerpräsidenten einen Rundgang durch die
Ausstellung "Wiener Werkstätte und das Palais Stoclet". Im Foyer wartet
sein Stellvertreter Morak dann mit einer besonderen Überraschung auf.
Eine Delegation des Wiener Tanzfestivals Impulstanz hüpft über drei
eigens für diesen Anlass aufgebaute Bühnen. Schüssel trinkt ein Bier,
schaut ein paar Minuten der Aufführung zu und verlässt dann, gefolgt
von Politikern und Diplomaten, den Raum. Zurück bleibt der für Medien
und Kunstförderung zuständige Staatssekretär. Etwas verloren schlendert
er, mit den Händen auf dem Rücken, durch die Säulenhalle.
Doch der Schein trügt. Der Brüssel-Auftritt gehört zu den Höhepunkten
von Moraks Arbeitsjahr. Entspannt plaudert er mit den Tänzerinnen, gibt
den Journalisten Interviews. Er hat sich als Botschafter
zeitgenössischer Kultur bewiesen, den Belgiern gezeigt, dass die
Kulturnation Österreich nicht nur Mozart und Jugendstil im Angebot hat.
Hier ist er Mensch, hier darf er's sein.
Schon ein paar Wochen vor Moraks einsamem Glücksmoment, Anfang Januar,
erlebt auch sein Wiener Kollege, Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny
(SPÖ), eine Sternstunde. Es gilt, eine der größten kulturpolitischen
Entscheidungen Wiens der letzten Jahre zu feiern: die jahrzehntelang
geforderte Rückwidmung des Theaters an der Wien von der Musical- zur
Opernbühne. In seiner Eröffnungsrede stellt Mailath das Engagement der
Stadt Wien in scharfen Kontrast zum "Sparkurs an der Kultur in vielen
anderen Städten in Europa und auch auf Bundesebene in Österreich" - ehe
er mit Bürgermeister Michael Häupl und Bundespräsident Heinz Fischer
zwei prominenteren Festrednern das Mikrofon überlassen muss.
Der Alltag der beiden Kulturpolitiker schaut etwas anders aus. Wenn
Franz Morak aus Brüssel nach Wien zurückfährt, warten dort bereits 600
Künstlerinnen und Künstler, die sauer auf ihn sind. Stinksauer. Denn
sie haben von ihm einen Brief erhalten, dass sie Geld zurückzahlen
müssen. Der sogenannte Pensionsversicherungsbeitrag der
Künstlersozialversicherung ist der zungenbrechende Stein des Anstoßes.
Diesen Beitrag erhalten Kunstschaffende, die nicht zu viel verdienen,
aber auch nicht zu wenig. 600 Künstler haben 2001 tatsächlich zu wenig
verdient und müssen nun ein paar hundert Euro retournieren. Denn laut
Gesetz muss ein gewerblicher Selbstständiger (und als solcher gilt auch
ein Künstler) nur dann in die Pensionskasse einzahlen, wenn er ein
Mindesteinkommen hat, das ihn versicherungspflichtig macht. Wenn nicht,
kann ihm auch kein Beitrag gewährt werden. Ein "Husch-Pfusch-Gesetz"
nennt der Autorenvertreter Gerhard Ruiss das
Künstler-Sozialversicherungsfondsgesetz. "Seit vier Jahren versuchen
wir mit ihm zu reden. Er sagt, es ist ein gutes Gesetz, und basta."
Die Qualität eines Kulturpolitikers zeigt sich eben nicht am Feiertag,
sondern im grauen Alltag der Subventionsvergabe. Und diesbezüglich
treffen Morak und Mailath - unabhängig von allen ideologischen
Unterschieden - mittlerweile ganz ähnliche Vorwürfe ihrer Klientel.
Während Mailath im Theater an der Wien einen weithin unumstrittenen
Erfolg für die sogenannte Hochkultur feiert, ist der Großteil der
freien Wiener Theaterszene seit Monaten in hellem Aufruhr. Mailaths
Prestigeprojekt, die Theaterreform, hat nicht nur zur absehbaren Kritik
ihrer Opfer geführt, sie ist derzeit auch noch weit von ihren
selbstgesteckten Zielen entfernt.
Seit Monaten etwa monieren die Betroffenen, dass eigens ausgelobte
Förderungen für Kindertheater oder den Tanznachwuchs noch ausstehen.
Und auch die Verhandlungen mit einigen alteingesessenen Leitern von
Off-Bühnen, die zustimmen sollen, dass ihre Posten künftig alle vier
Jahre neu ausgeschrieben werden, sind noch weit von einem Abschluss
entfernt. Geplant war das bereits für Ende 2005. Mailaths
ambitioniertes Großprojekt kämpft derzeit gegen die Mühen der Ebene und
gegen die Uhr.
Vom Fernsehen mögen Moraks und Mailaths rare Lichtmomente wie die
Brüssler Ausstellung oder die Rückwidmung des Theaters an der Wien
dankbar aufgegriffen und abgefeiert werden. Das Gros der eigentlichen
Klientel aber ist dadurch nicht zu beeindrucken. Natürlich glaubt
beinahe jeder Kunstschaffende oder Institutionsleiter, zu wenig
Subvention zu bekommen, obwohl von Bund und Stadt in Summe alles andere
als wenig Geld verteilt wird. 86 Millionen Euro stehen der von Morak
geleiteten Kunstsektion des Bundeskanzleramtes jährlich zur Verfügung,
bei der Stadt Wien sind es heuer gar über 195 Millionen Euro.
Doch die beiden großen Ms der heimischen Kulturpolitik plagen sich mit
den Fesseln der Budgetbindung. Rund zwei Drittel von Moraks Budget
werden von fünfzig großen Institutionen geschluckt. Jeder, der einmal
eine Subvention erhalten hat, steht im nächsten Jahr wieder mit offener
Hand vor der Tür. Der kulturpolitische Gestaltungsspielraum ist dadurch
minimal - und beschränkt sich meist auf publicityträchtige Aktionen,
die von vielen Kunstschaffenden eher als werbewirksamer, zwischen
Peinlichkeit und Großmannssucht pendelnder Eventismus wahrgenommen
werden. Eine knappe Million Euro kostete etwa Moraks Lieblingsprojekt
"Kunst gegen Gewalt", von dem nichts in Erinnerung blieb außer einem
untergetauchten Projektmanager, der Künstler und Autoren ohne Honorar
zurückließ. Auch Moraks Versuch, dem Grazer Filmfestival Diagonale ein
eigenes Konzept überzustülpen, endete in einem Fiasko. Die bestellten
Intendanten warfen bei der nächstbesten Gelegenheit das Handtuch.
Auch Andreas Mailath-Pokorny hat sich schon mit einigen kostspieligen
Prestigeprojekten in der Szene unbeliebt gemacht. Theaterschaffende,
die monatelang - und oft vergeblich - um ein paar hundert Euro kämpfen
müssen, wurden etwa vor den Kopf gestoßen, als Mailath Mitte 2004
bekannt gab, das durch die Außenbezirke wandernde Wiener Lustspielhaus
des Schauspielers Adi Hirschal ohne jedes Bewerbungsverfahren mit
jährlich 363.000 Euro zu subventionieren. Zur gleichen Zeit mussten
alle anderen Theater aufwendige Konzepte einreichen, um überhaupt einen
Subventionsantrag fürs Folgejahr stellen zu können.
Der Vorwurf, für manche prominenten Projekte aus dem Stand fette
Sonderbudgets aufzustellen, während am Existenzminimum
dahinvegetierende Künstler und Minivereine für minimale Förderungen von
Pontius zu Pilatus rennen müssen, trifft Morak und Mailath also
gleichermaßen. Was ist geblieben vom einstmals bewährten
Schwarz-Weiß-Schema "Gutes Rathaus - böser Bund"?
Im Winter 1999 beschloss Wolfgang Schüssel, mit der FPÖ eine
Bundesregierung zu bilden. Der Kultursprecher der ÖVP, Franz Morak, war
bis dahin strikt gegen eine Koalition mit den Rechtspopulisten. Über
Nacht änderte er seine Meinung - und wurde damit zur Symbolfigur der
geächteten und später von der EU mit Sanktionen bedachten Regierung.
"Lassen Sie uns arbeiten!", rief er im Februar 2000 in einer
Diskussionsrunde in die mit Regierungsgegnern gefüllten
Burgtheater-Ränge. Vor lauter Pfiffen war der Ruf des ehemaligen
Burgtheater-Schauspielers kaum zu hören.
Als Erstes bekam der Sektionschef der seit 1997 beim Bundeskanzleramt
ressortierenden Kunstsektion die mit Trotz gepaarte Verzweiflung Moraks
zu spüren. Es war kein anderer als Andreas Mailath-Pokorny. Morak
schaltete ihn sofort auf Stand-by, "Dead Man Walking" war sein interner
Spitzname. Doch 2001 wechselte Mailath als Kulturstadtrat in die rote
Wiener Stadtregierung, begann umgehend damit, sich von der schwarzen
Kulturpolitik des Bundes abzugrenzen und erntete dementsprechend
reichlich Vorschusslorbeeren. Bis heute wird Mailath nicht müde zu
betonen, dass sein Kulturamt 1,5 Millionen Euro pro Jahr an Förderungen
ausgleicht, die Morak für Wiener Institutionen wie etwa die Festwochen
gestrichen hat. Dass sich dabei die Animosität zwischen den ungleichen
Ms zu einer kulturpolitischen Kain-und-Abel-Beziehung ausgewachsen hat,
ist noch weniger als ein offenes Geheimnis. Sinnvolle Kooperationen der
beiden sind die Ausnahme, obwohl es durchaus positive Ausnahmen gibt.
"Die beiden hauen sich einfach gern justament das Hackl ins Kreuz",
berichtet etwa ein Leiter einer Kulturinstitution, der mit beiden
Politikern viel zu tun hat. Eine Kollegin hat Ähnliches beobachtet:
"Vor allem bei Morak hat man den Eindruck, dass er ex negativo
entscheidet und sich fragt: Wem kann ich eine reinhauen, wie kann ich
mich rächen?" Wie angespannt das persönliche Verhältnis zwischen Morak
und Mailath ist, wurde bei einem ihrer seltenen gemeinsamen Auftritte
in der ORF-Fernsehsendung "Treffpunkt Kultur" im Mai 2003 deutlich: Die
beiden konnten sich während der Diskussion über Moraks Streichung der
Festwochen-Subvention kaum in die Augen schauen. Moderatorin Barbara
Rett war von der frostigen Stimmung sichtbar genervt.
Bei seinen eigenen öffentlichen Auftritten gibt Mailath freilich nicht
ohne Talent den jovialen Kumpel. Sein launig betontes "Hállo!", mit dem
er auf Pressekonferenzen und Eröffnungen alles um sich herum grüßt,
haben ihm bereits seinen Spitznamen eingetragen. Deutlich anders soll
es allerdings im Kulturamt der Stadt Wien zugehen, wo Mailath laut den
übereinstimmenden Beobachtungen einiger Subventionsansucher eher
isoliert sei. "Seine Beamten mögen ihn nicht besonders", berichtet eine
regelmäßige Besucherin der MA 7. "Er umgibt sich gern mit Höflingen und
schwimmt so permanent in der Blase der eigenen Bedeutsamkeit." Moraks
kommunikative Funkstörungen hingegen betreffen sowohl den Dialog mit
den Künstlern als auch mit dem eigenen Beamtenapparat. Das Verhältnis
zu dem von Morak als Nachfolger Mailaths bestellten Sektionschef Klaus
Wölfer ist auf Minusgrade abgekühlt.
Beim Abfeiern von Erfolgsmeldungen der subventionierten
Kultur-Stadt-Nation wird dann aber im Gleichtakt abgenickt. Nach der
Auszeichnung des Films "Grbavica" bei der Berlinale gratulierten beide
Ms im Abstand weniger Stunden. Morak freute sich über die
"österreichische Co-Produktion", über das Lebenszeichen des
"österreichischen Filmschaffens" und den Erfolg des Produktionsteams
Coop99, dem "österreichischen Mehrheitspartner". Mailath wiederum war
begeistert über den Erfolg der von ihm mit Geld ausgestatteten Wiener
Filmförderung, und Coop99 ist bei ihm, selbstredend, auch eine "Wiener
Produktionsfirma". Dass es um den Film der bosnischen Regisseurin
Jasmila Zˇbanic´ geht, der in Sarajevo spielt und in Berlin
ausgezeichnet wurde, war dabei nur lästige Nebensache.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.





