07.03.2003 21:13
Investigationen in Kohle und Grafit
Robert Longos "The Freud Drawings" eröffnen neben Munch und historischer
Fotografie die Albertina
Er war nie dort, und trotzdem war ihm, als würde er sich
genau erinnern. Auch daran, einmal dort gewesen zu sein, zur richtigen Stunde
zwischen drei und vier Uhr nachmittags. Er war verabredet, und doch war niemand
da, der Professor nicht, keine seiner Schwestern, kein Personal. Und so ging er
durch die Räume, hatte unendlich Zeit, das Inventar zu sichten, die antiken und
etruskischen Figuren aus der Sammlung zu studieren, zu beobachten, wie das Licht
von außen in die dunkle Wohnung in der Berggasse 19 dringt, und wie es wieder
zurückgeworfen wird - von den polierten Möbeln, vom gewachsten Boden, von
Messingbeschlägen und Bilderrahmen.
Alles war in Ordnung: Der
Schreibtisch voll der gewohnten Utensilien, die Bibliothek sortiert, da lag das
weiße Kissen auf dem Sofa mit der stark ornamentierten Decke, die Tulpen in der
Vase waren noch frisch, die mit Bandstahl bewehrte Tür war unbeschädigt. Nichts
gab auch nur den geringsten Hinweis darauf, was passiert sein mochte, warum die
Räume tadellos in Ordnung, aber ohne Leben waren.
Der Amerikaner Robert
Longo war nie in Sigmund Freuds Wohnung in der Wiener Berggasse. Er betrat die
legendären Räume durch einen Band von Schwarz/Weiß-Fotografien. "Sie
ermöglichten mir, sechzig Jahre später und einen Kontinent entfernt, ,der
Patient' zu werden." Ein Freund schenkte Longo 1998 das Buch Berggasse 19
(Verlag Christian Brandstätter, Wien 1993). Der Fotograf Edmund Engelman
erwirkte, wenige Tage vor dem 4. Juni 1938, von Sigmund Freud die Erlaubnis, die
Wohnung zu dokumentieren. Unmittelbar danach wurden Wohnung und Praxis
geschlossen, die Möbel und die Sammlung nach London verschickt, ging Freud nach
Leistung der "Reichsfluchtsteuer" ins Exil.
Freud dienten die Fotos zum -
gescheiterten - Versuch, sich in London Wien zu rekonstruieren. Werner Spies
verweist im Katalog zur Präsentation des Freud-Zyklus in der Albertina auf einen
Brief Freuds an Margaret Stonebrough-Wittgenstein: " Alle unsere Sachen sind
unversehrt angekommen, die Stücke meiner Sammlung haben mehr Platz und machen
viel mehr Eindruck als in Wien. Freilich ist die Sammlung jetzt todt, es kommt
nichts mehr dazu, und fast ebenso todt ist der Eigentümer."
1968 halfen
die Fotos bei der Rekonstruktion der Wiener Wohnung - Sigmund Freuds erstem
Sterbezimmer. Robert Longo waren die Bilder Material, eine Möglichkeit
nachzuerleben, medial vermittelt teilzuhaben. "Der Aspekt, der mich schockierte,
war das Bewusstsein, dass in dieser Wohnung dieser Mann - Freud - saß und sich
mit den tiefen, dunklen Abgründen unserer Seele beschäftigte, während draußen
die Nazis herumliefen und diese dunklen Dinge wirklich taten." Longo begann -
ohne je vor Ort gewesen zu sein, selbst ohne Wien zu kennen, am Tatort Berggasse
19 zu recherchieren, via die Spuren, die Engelman gesichert hat, "eine
Psychoanalyse von Freuds Wohnung" vorzunehmen. Er begann auf riesigen, bis 244 x
152 cm großen, Formaten mit Kohle und Grafit Interpretationen von Engelmans
Blick anzustellen. Begann aus den Aufnahmen, die - um die Gestapo, die Freuds
Haus überwachte, nicht zu alarmieren - ohne künstliches Licht zustande kommen
mussten, seine Sicht des Geschehenen aus einer Analyse der verbliebenen Dinge
und ihrer Ordnung abzuleiten.
Longo verschärfte die Kontraste noch,
verzichtet zum Teil nahezu vollständig auf Grauwerte, ließ ganze Aufnahmen in
Unschärfe zergehen, steigerte andere zu hyperrealer Präzision, ließ halbe Räume
in der unendlichen Tiefe des kaum fixierten Kohlestaubs zugunsten scheinbar
nebensächlicher Details verschwinden. Und Robert Longo leerte Prof. Freuds
Schreibtisch, löschte die Skulpturen und Schreibgeräte, verbannte die Papiere
und Notitzbücher. Bis bloß das streng funktionale Arbeitsmöbel übrig blieb, und
davor, als wäre Freud es selbst, des Professors Stuhl - ein bizarres,
maßgeschneidertes Sitzmöbel, ein Thron, der jeder Verwandtschaft mit dem übrigen
Hausrat entbehrt.
Und mitten in der Bestandsaufnahme, nachdem schon
dutzende Skulpturen Freuds exzessives Sammeln belegten, fand Longo den Schlüssel
zum Fall, den Angelpunkt seines Nacherlebens: Der Spion in der Tür, die Linse,
um gebetene von ungebetenen Gästen zu scheiden, erscheint ihm umgedreht, ist
plötzlich Kamera, die dem feindlichen Außen Einblick gewährt, Kontrolle
verschafft, Wissen, um den mörderischen Übergriff, durch die nutzlosen
Eisengitter hindurch, zu rechtfertigen. Die Hausfassade mit den Hakenkreuzen,
die Treppen hoch zu Wohnung, die Tür Nr. 6 mit dem berühmten Schild "Prof. Dr.
Freud 3-4", der phallisch gelängte Kamin, die gelöschten Inschriften auf den
Buchrücken dienten Robert Longo "bloß" noch als Motive, seine Erzählung vom
Untergang der Vernunft fertig zu bauen. Und vor das samtige, alles
verschluckende Schwarz kommt wieder Glas. Nicht nur, um die empfindlichen
Zeichnungen zu schützen, auch, um klar zu machen, dass ein aktiver Einstieg, ein
unmittelbares Teilhaben - und somit womöglich der Versuch zu Verhindern,
rückgängig zu machen, unmöglich ist.
Die Verwendung vorgefertigter Bilder
und Materialien aus unterschiedlichsten Kontexten, ist charakteristisch für das
Werk des 1953 in Brooklyn geborenen Künstlers. Auch in seiner Filmarbeit steht
die Erfahrung, dass Bilder Bilder provozieren, sich vermischen, sich in der
Masse jeder Hierarchie entziehen, bisweilen sogar lebensgefährlich werden
können, an zentraler Stelle. Explizit in Johnny Mnemonic aus 1995, den Robert
Longo mit Keanu Reeves, seiner Lebensgefährtin Barbara Sukowa
drehte.
Besprechungen der weiteren Schauen zur Albertina-Eröffnung -
Edvard Munch: Thema und Variation und Auge und Apparat, lesen Sie demnächst.
(DER STANDARD Printausgabe, ALBUM, vom 8./9. März 2003)