Quer durch Galerien
Dr. Seltsam lernt die Bohnen lieben
Von Claudia Aigner
Sie lauern in der überfüllten Straßenbahn oder einem
vollbesetzten Wartezimmer oder einem Lift, der bummvoll ist wie eine
Konservenbüchse. Und es gibt kein Entrinnen. Die Rede ist von den
"Gelegenheitsimperialisten", die plötzlich, ohne Vorwarnung, die
Lufthoheit genau dort beanspruchen, wo wir uns gerade aufhalten. Sobald
uns die ersten Schwefelkomponenten anwehen, bemühen wir andern uns
redlich, die von besagten Leuten eroberte Luft nicht mehr zu atmen, machen
ihnen "ihre" Luft also nicht mehr streitig. Suchen eventuell gleich ganz
das Weite, wenn uns zum Beispiel der rettende "Dosenöffner" (das Erreichen
des nächsten Stockwerks, ergo: des nächsten sich vor uns öffnenden
Fluchtwegs) aus dem Lift befreit, aus der nach oben und unten fahrenden
Konservendose für stiegenfaule Personen. Denn: Gut gebläht ist halb
verweht. Eine Bohnenweisheit. Es ist freilich nicht so, dass die, die
mutmaßlich nicht nur ein paar Döschen, sondern gleich ein paar Barrel
Serbische Bohnensuppe daheim haben (dazu hat mich jetzt mein Exfreund G.
inspiriert, der tatsächlich so ein Barrel sein Eigen nannte und am 31.
Dezember mit den Silvesterkrachern konkurrierte), unseren Aufenthaltsort
stürmen würden und sogleich das Stinken eröffnen, uns einfach "wegpusten"
würden. Nein, sie terminieren die atembare Luft in der Regel still aus dem
Hinterhalt. Eine Guerillataktik. Nun jedoch könnten gar noch massivere
Bohnenzeiten auf uns zukommen. Wenn der Menschheit endlich das Erdöl
ausgegangen ist. Das Atelier van Lieshout (gegründet 1995 von Joep van
Lieshout) hat nämlich herausgefunden, dass auch eine friedliche Nutzung
der Windenergie möglich ist. Und präsentiert bis 7. August in der Galerie
Krinzinger (Seilerstätte 16) so etwas wie eine (vielleicht nicht ganz
ausgereifte, aber immerhin sehr ambitionierte und die Welt möglicherweise
vor der nächsten Energiekrise bewahrende) Biogasanlage.
Galerie
Krinzinger: Bohnen essen bis zum Weltuntergang
Zuerst dachte
ich ja, den vier Männern, die sich da hündisch devot auf alle viere
niedergelassen haben, wird soeben Respekt in den Hintern eingeflößt, also
ein Klistier verabreicht bzw. eine, wie die feineren Leute dazu sagen:
"Bouillon piquant." Dann kam mir aber der dringende Verdacht (zumal der
Mensch undicht ist, also hinten ein Leck hat, aus dem ihm dann und wann
die Luft ausgeht), dass es sich vielmehr um "Gasmänner" handelt, die das
tun, was wir in der Badewanne tun, um uns einen Whirlpool zu suggerieren.
Und die Schläuche, die in ihrem "Auspuff" stecken, sind Gasleitungen, die
davon profitieren, dass das Gedärm an sich ein Windkanal ist, ein
natürlicher Luftkompressor, sprich: Drucklufterzeuger. (Selbstverständlich
sind die Arbeitsplätze in dieser Biogasanlage, einer verdammt lebensnahen
Installation, vorerst noch mit Dummys besetzt.) Doch wie geht's
weiter? Was geschieht mit der alternativen Energiequelle dann am andern
Ende der Schläuche? Das verschweigt van Lieshout. Und das werfe ich ihm
und seinen Kollegen vor. Dass seine Vorschläge, die Welt zu retten, etwas
halbherzig sind. (Oder die Welt zu vernichten, denn immerhin ist Methan,
das ja ebenfalls in den Serbischen-Bohnensuppenwinden vorkommt, ein
Treibgas. Nicht auszudenken, wenn die Maschine in falsche Hände gerät,
quasi: "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bohnen zu lieben." Dann
schmelzen die Polkappen noch früher als ohnehin, der Meeresspiegel steigt
und schwemmt die menschliche Zivilisation weg.) Zugegeben: Vier Därme
machen noch keinen Windpark. Im größeren Maßstab gedacht, wäre die
Gewinnung von elektrischem Strom aus der Strömungsenergie der Winde, wenn
man beispielsweise ein paar Windräder damit antreibt, hingegen nicht
gänzlich auszuschließen. Oder ein Heizkraftwerk. (Die Fernwärme Wien hat
begreiflicherweise aber noch kein sonderliches Interesse bekundet.) Oder
etwa eine Billignarkose, wo das Bewusstsein, das auf dem OP liegt, vom
Winde verweht wird? Oder könnten die Brisen musikalisch sein und die
Saiten einer Äolsharfe in Schwingungen versetzen (wenn der Überdruck des
Leibes schon nicht von sich aus vertretbar melodisch abgebaut wird, in Dur
oder Moll)? Wie auch immer: Jener Wissenschaftler aus Cambridge, der an
der Entwicklung von "windstillen" Bohnen arbeiten soll, ist so gesehen ein
Saboteur und kein Erlöser. Dass das gemeinsame Essen etwas ist, was
eine Familie zusammenhält, wissen bereits die Ferkel an den Zitzen der
Muttersau. Nicht unähnlich dieser Schweinestallszene (mit der
Gleichschaltung des Appetits, die der Individualvöllerei abhold ist) ist
die, nennen wir es vorsichtig: "Küchenmaschine" vom Atelier van Lieshout.
Ein ehrfurchtgebietendes Ding voller Leitungen, Kessel und Trichter, das
die nebeneinander liegenden, sozusagen im Kadavergehorsam kasernierten
Konsumenten säugt. Die nährende "Große Mutter" als sadistische Perversion
vom Schlaraffenland. Eine Magenabfüllanlage, die stopft und stopft (das
"Hänsel-Prinzip"). Und was kommt oben in die Trichter rein? Pürierte Happy
Meals? Oder von Mixern "vorgekaute" und zu einem Einheitsbrei vermanschte
Fünf-Gänge-Menüs von Hipp? Ist das eine noch funktionellere, schnellere
McDonald's-Filiale, wo das Essen den Gast noch reibungsloser ereilt?
Eine zumindest konsequente Vision von einem gesellschaftlichen
Zwangssystem. Bleibt nur noch anzunehmen, dass "AVL Ville", van Lieshouts
autonomer Staat im Rotterdamer Hafen, mit eigener Verfassung, nicht eine
Kidney-Bohne auf der Staatsflagge hat. Als Symbol für ein totalitäres
Blähregime. Dagegen nehmen sich die gigantischen Modelle von Därmen oder
von der mittleren unteren Extremität der Männer wie harmlose "gefährliche
Drohungen" aus. (Eine größenwahnsinnige Gurgel musste übrigens mit einem
Kran beim Fenster hereingehievt werden. Das ist ja wiederum lustig.)
Galerie Insam: Ein Gesicht wie ein
Ikea-Regal
Erkenne dich selbst - in einem Mondrian. Wie bitte?
Soll ich vielleicht ungebremst in ein Ikea-Regal laufen und hinten sehr
gerastert wieder rauskommen? Nein. Es reicht ja, in einen Spiegel zu
schauen, der vom Gerold Tagwerker dementsprechend diszipliniert worden
ist: durch exakte Schnitte und eingelegte bunte Spiegelflächen. Apropos
Ikea-Regal. So eines, der Inbegriff des "brauchbaren Rasters", hat er auch
in einen Spiegel verwandelt, mit Alu überzogen. Damit die nähere Umgebung
sich dort optisch hineinräumt. Und schließlich hat er noch quadratische
Deckenleuchten zu einem Würfel vereint, zu einer Licht- und
Nervositätsquelle, deren einzelne Flächen nervös flackern. Nervosität, die
von einem Zufallsgenerator gesteuert wird. Maximaler Minimalismus. Sehr
"pur". Tagwerker balanciert auf spektakulär schlichte, gesittet sinnliche
Art zwischen angewandter und "künstlerischer" Kunst. Bis 20. August bei
Grita Insam (im Heiligenkreuzerhof).
Erschienen am: 30.07.2004 |
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