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Ausstellung: Die Abgründe von Rollenspielen

05.08.2011 | 18:11 | ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Im Salzburger Museum der Moderne variieren rund 100 Künstlerinnen und Künstler den Blick auf ihren Körper und dessen Verstellungen.

Wenn selbst zwei einander skeptisch begegnende Gattungen wie der Kurator und die Kunstkritikerin gemeinsam den Elvis herunterreißen und ein herzhaftes „I can't help falling in love with you“ durch die Ausstellung schallt, dann kann nur ein Künstler schuld an derlei Peinlichkeiten sein: Gleich am Beginn der großen Sommerausstellung „Rollenbilder Rollenspiele“ des Museums am Mönchsberg steht die Pandora-Box, Christian Jankowskis roh gezimmerte Karaoke-Kiste.

Gemeinsam mit dem Marktführer für Karaoke-Videos, einer koreanischen Firma, hat der deutsche Konzeptkünstler neue Kitschfilmchen gedreht, die die ausgewählten Lieder optisch untermalen. In den Hauptrollen er selbst und eine Schauspielerin. Egal, welche Nummer man wählt, man wird die beiden auf dem Bildschirm nicht los. Singen darf man trotzdem. Einmal Pop-Artist sein! Gratis! Lassen Sie sich das nicht entgehen! Elvis lebt!

Derlei wildes Manegen-Geschrei ist für diese Ausstellung, die eher eine Vorstellung ist, durchaus angemessen. Sie ist nach Langem wieder eine würdige Begleiterin zum opulenten Geschehen zu Füßen des Mönchsbergs, den Salzburger Festspielen, weltweit führend in der verwirrenden Dichte von Paraderollen auf der Bühne wie auf dem Gesellschaftsparkett. Ähnlich die Ausstellung: Rund 100 Künstler und Künstlerinnen testen mit über 400 Arbeiten die Hauptgründe für und die Abgründe von Rollenspielen aus.

 

Frühe Tage der Fotografie

Beginnen lässt man das Treiben zwar nicht mit Dürers berühmtem Selbstporträt als Schmerzensmann, das darf man sich dazu denken, sondern mit dem Beginn der Fotografie im 19.Jahrhundert. Die Tradition der lebenden Bilder, des Nachstellens von berühmten Kunstwerken von höheren Damen, ist bekannt, auch die Attitüden der Lady Hamilton. Weniger geläufig sind die Kreuzstationen von Fred Holland Day, einem Freund von Oscar Wilde und Verfechter der Fotografie als Kunstform: Er hungerte sich 1898 in die Figur von Christus am Kreuz, drückte sich den Dornenkranz in die Stirn und fotografierte sich als Märtyrer für die damals wenig angesehene neue Technik: „It is finished“, so die erwartbare Bildunterschrift des letzten Fotos.

Zu Ende gekommen sind die insgesamt vier Kuratoren und Kuratorinnen (Direktor Toni Stooss, Esther Ruelfs, Tina Teufel, Veit Ziegelmaier) mit dem ausladenden Thema allerdings nicht. Man kam vom Hundertsten ins Tausendste, formulierte 14 thematische Kapitel, vom religiösen zum sozialen zum theatralen zum geschlechtlichen zum ethnischen zum politischen zum kriegerischen zum interaktiven Rollenspiel. Wie eine Widergängerin begleitet einen dabei die Meisterin des postmodernen Rollenspiels: Cindy Sherman. Ihre Selbstporträts als Passagier eines Busses, als Schauspielerin in erfundenen Filmstandbildern oder als Figuren eines Kriminalfalls findet man in verschiedenen Kapiteln wieder.

Ein eigener Raum zeigt sogar nur Künstler(innen), die sich auf Shermans Arbeit beziehen: Yasumasa Morimura porträtiert sich selbst als Cindy Sherman in der Rolle eines Mädchens. Aneta Grzeszykowska zeigt, wie es ausgesehen hätte, wenn Sherman Polin gewesen wäre. Und Slawomir Elsner porträtiert nur die Räume, die Hintergründe von Shermans Selbstporträts, ganz fein, mit Bleistift, ohne Menschen. Wem jetzt der Kopf schwirrt, sollte diesen Irrgarten der Identitäten genießen. „Ich ist ein anderer“, wird an der Wand Arthur Rimbaud zitiert. Gilbert & George, Eva & Adele, Andy Warhol – Künstler lieben es, in Rollen zu schlüpfen. Vor allem in die anderer Künstler. Da verliert man leicht den Überblick. Und wacht gerade im Kapitel „Fiction und Fantasy“ wieder auf: Mit einer 3-D-Brille auf der Nase und Sängerin Björk gegenüber, durch einen wirklich wilden Wildbach auf einem seltsamen Flussgetier reitend. Ein Musikvideo oder ein Kunstvideo? Archiviert ist es erst einmal als Letzteres, es stammt aus der Sammlung der jungen deutschen Videosammlerin Julia Stoschek, die sich selbst ebenfalls sehr cool zu inszenieren versteht. Welchen Avatar würde sie wohl wählen in der Cyberwelt? Der englische Künstler Robbie Cooper hat einige Alter Egos entlarvt: Er fotografierte die reale Person wie auch die Figur, die sie sich fürs Second Life erschaffen hat. Der Bankbeamte als steile Kriegerin, wir haben es immer schon gewusst?

 

Durchs Leben wie durch ein Kriegsspiel

Eine unheimliche Aktualität hat die Arbeit Yan Duyvendaks durch den Massenmord in Oslo bekommen: Der Niederländer übte für eine Performance 2003 die pathetischen Bewegungen eines „Helden“ eines Ego-Shooter-Videospiels ein und bewegte sich im realen Leben wie durch ein Kriegsspiel – „You're dead!“. Im Museum nimmt es uns nur kurz den Atem. Das Spiel mit dem Tod, in Salzburg kennt es jedermann, jedefrau. Auch die Möglichkeit des Rollenspiels als Therapie, wie sie die Amerikanerin Suzanne Opton andeutet: Sie gab Kriegsveteranen eine schlichte Decke und bat um Selbstdarstellung. Wie eine Madonna hüllte sich eine ehemalige Irak-Soldatin ein. Es fällt schwer, wieder zurückzukehren in die Karaoke-Box. „Killing Me Softly with His Song“ läuft über die Bilder des Liebespärchens. Nur singen will jetzt niemand mehr. Bis 30. 10.


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