VON WALTER FINK
Eine illustre Tafelrunde war vergangenes Wochenende in Salzburg
von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel geladen. Politiker,
Wirtschaftskapitäne, Wissenschafter und Künstler kamen zusammen, um
über "Unsicherheit in einer unsicheren Welt" zu plaudern. Es war ein
Gedankenaustausch, kein Symposion mit einem konkreten Ziel. Ein
Gespräch unter Menschen, die etwas wissen und die etwas zu sagen
haben. Es stellte sich allerdings auch heraus, daß es zum
angesprochenen Thema nicht so viel zu sagen gibt.
Zumindest nicht viel Konkretes. Zu unsicher ist die Lage. So gab
es denn auch manche Äußerung, die eher locker gemacht wurde, manche,
über die man sich auch einige Tage Zeit lassen mußte, um sie -
möglicherweise - richtig einordnen zu können.
Jiri Grusa, seit seiner Eröffnungsrede bei den Bregenzer
Festspielen auch in Vorarlberg bekannter Botschafter Tschechiens in
Österreich, machte das Problem deutlich: "Die See ist rauh und die
Navigation fällt schwer, weil wir keinen Heimathafen haben. Auch das
Ziel fehlt. Die Karte zeigt nur den Weg, den wir hinter uns gelegt
haben." Jürgen Flimm, Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele,
ergänzte das Bild: "Wir sind aus den Häfen ausgelaufen und unsere
Schiffe waren stark. Manche trugen sogar Kanonen. Doch plötzlich
zeigt sich, daß unsere Gesellschaft unfähig geworden ist, ihre
Prinzipien aus sich heraus zu erneuern." Peter Sloterdijk, auch bei
uns durch das "Philosophicum Lech" bekannter Philosoph, wurde unter
Verweis auf die "Genesis" fast biblisch: "Wir sind alle enttäuschte
Christen. Weil Gott sah, daß es gut war, glaubten auch wir, daß die
Welt in Ordnung sei. Doch die Unordnung ist heute die Norm. Gott
müßte daher sagen: Das, was ich geschaffen habe, ist nicht wirklich
gut. Die Schöpfung geht weiter. Wir leben erst in ihrer zweiten
Woche."
Solche Unsicherheit wiederum sieht der berühmte italienische
Kaffeefabrikant Riccardo Illy, früher Bürgermeister von Triest und
heute Präsident der Region Friaul-Julisch-Venetien, durchaus
positiv: "Unsicherheit stimuliert die Kreativität des Menschen." Und
der designierte Intendant der Bregenzer Festspiele, David Pountney,
ging noch weiter: "Lernen wir, die Unsicherheit zu lieben."
Viele Botschaften also, die da in der Runde weitergegeben wurden,
viele Botschaften vor allem für jemanden, der sich aufgemacht hatte,
ein Land neu zu formen. Kein Wunder, daß sich Bundeskanzler Wolfgang
Schüssel erfreut zeigte. Erstaunlich allerdings, daß Schüssel aus
der Fülle von Anregungen vor allem auf Kunst und Wissenschaft
einging, daß er meinte, die Politik könne vor allem von diesen
Bereichen viel lernen. In Kunst und Wissenschaft habe die Skepsis,
habe die Unsicherheit Methode, weshalb es besonders wichtig sei, auf
Strömungen hier zu achten. "Die Politik muß lernen, mit der
Nichtnormalität zu leben. Auch die Bürger müssen das tun." Dieses
Lernen werde vor allem in Kunst und Wissenschaft vorgelebt.
Die Logik aus solchen Überlegungen wäre klar: Kunst und
Wissenschaft müßten in Zeiten wie diesen besonders gefördert, müßten
auch finanziell besonders berücksichtigt werden, um Fragen der
Zukunft auch für die Gesellschaft abhandeln zu können. Man glaubt
Wolfgang Schüssel dieses Anliegen. Die Botschaft hört man wohl. Das
mit dem Glauben ist dann allerdings eine andere Sache. Denn nimmt
man die Budgets der vergangenen und der kommenden Jahre als Maßstab,
dann hat man nicht den Eindruck, daß unsere Politik auf Kunst und
Wissenschaft als wesentliche Elemente für die Bewältigung der
Zukunft setzt. Die Universitäten kämpfen, wenn man den Rektoren
glauben kann, aufgrund verringerter Budgets ums Überleben. Die
staatlichen Zuwendungen an die Kunst sind ebenso seit Jahren im
Sinkflug, bestenfalls zwischendurch im Gleitflug. Wie also kann man
die Erkenntnis des Bundeskanzlers teilen?
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Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener der
Redaktion übereinstimmen. Auf Wunsch des Autors erscheint sie in der
alten Rechtschreibung.