Quer durch Galerien
Claqueure in jedes Wohnzimmer?
Von Claudia Aigner Picasso hatte eine blaue Periode. Natürlich
hatte er die, er war ja ein Bub. Und musste vermutlich auch diese
hellblauen Strampelhoserln anziehen. Praktisch jeder männliche Säugling
hat eine blaue Periode. Was soll an der vom Picasso so besonderes sein?
(Das meine ich selbstverständlich nicht ernst. Denn wie ließe sich dann
Picassos anschließende rosa Periode begründen? Als Fahnenflucht? Als
Desertion aus dem Patriarchatsblau?)
Picasso hatte also eine blaue Periode, Harald
Juhnke hatte gleich mehrere blaue Perioden (aber quasi vom Typ II, der
weder nach Ölfarbe riecht, noch Babypatscherln geschlechtstypischer
Couleur anhat). Die Antike besaß gar einen Gott für "blaue Perioden":
Bacchus. Und der Planet Erde macht gerade auch eine blaue Periode durch.
Schließlich heißt er ja "der blaue Planet". Aber nicht weil der
Alkoholrausch ein so beliebtes Hobby der Weltbevölkerung wäre oder so
viele Leute Bluejeans, die Globalisierungshosen, tragen. Oder weil die
Welt von denen regiert wird, die aus blauen Strampelanzügen
herausgewachsen sind und nicht aus rosaroten. Ob es trotzdem etwas für die
Gleichberechtigung im Lande zu bedeuten hat, dass für 26 Prozent der
Österreicher Blau die absolute Lieblingsfarbe ist, aber Rosarot nur für 3
Prozent? Russland wiederum leistete sich von 1917 bis Anfang der
neunziger Jahre eine rote Periode, und die braune Periode in Europa wurde
1945 endlich von ihrem Ablaufdatum ereilt. Bei Andy Warhol, der plötzlich
das künstlerische Talent seiner Harnblase entdeckte (wahrscheinlich in
einem schwachen Moment, in dem er von seinen Körperfunktionen überwältigt
wurde - oder von seinem Reviermarkierungstrieb), deswegen gleich von einer
gelben Periode zu sprechen, wäre freilich etwas vermessen (wegen der paar
Bilder, für die er den "gelben Aggregatzustand" seines Körpers bemühte).
Und manche Farben arbeiten ja auch wirklich unter einem Künstlernamen:
Tizianrot, Van-Dyckbraun, und womöglich existiert auch ein "Adolfbraun"
(das allerdings keine Malerfarbe im engeren Sinn wäre, woran auch ein
Flüsterwitz aus der Zeit der "braunen Periode" nichts ändern kann: Ein
Deutscher begrüßt einen Schweizer mit "Heil Hitler!" Sagt der Schweizer:
"Heil Hodler! Wir haben auch einen Maler!"). Aber "Maoblau"? Gibt es
diesen Farbton überhaupt, wie Norbert Brunner apodiktisch behauptet, der
auch noch selbstbewusst blaue Bilder malt? Oder begann mit dem Maoismus
nicht vielmehr Chinas rote Periode?
Galerie Senn: Auch
Blümchentapeten sind Ikonen
Die chinesische Fahne ist alleweil
noch rot, ebenso die Mao-Bibel, die wie die christliche Bibel gefüllt ist
mit den "Worten des Vorsitzenden". Aber nein, der Norbert Brunner (bis 26.
Februar in der Galerie Senn, Schleifmühlgasse Nr. 1) muss den Mao Tse-tung
unbedingt in Blau malen. Nebst den ebenfalls penibel "eingebläuten"
Heiligenbildern von Marilyn Monroe und Tante Moidl (was "Maria" auf gut
Tirolerisch heißt und eventuell eine vertrauliche Anrede für die
gleichnamige Muttergottes sein soll, als würde man zum Johannes Baptista
halt Onkel Schani sagen - andererseits soll der Künstler in der Tat eine
Tante haben, die Maria heißt). Und auf dem handelsüblichen Buntstift war
sicher nicht die Farbbezeichnung "Maoblau" eingraviert. Mao, Marilyn,
Moidl: Kommunismus, Kapitalismus und Katholizismus? O. k., Mao hat die
Arbeiter im Land des Lächelns blau angemalt, mit dem Proletarierblau
beziehungsweise dem Mao-Anzug. Aber der Kapitalismus, der ist doch
wirklich rot, jedenfalls die Flagge seiner Esskultur ist es, die vor
seinen Botschaftsgebäuden weht: pommes-frites-gelbes M vor ketchuprotem
Grund. (Und Fastfood ist ja auch so etwas wie eine Kulturrevolution: Die
Formung eines neuen Menschen, des Homo hamburgensis, durch Einübung eines
neuen Essverhaltens.) Gut, Blau ist die Farbe der Götter und der
Himmelssehnsucht, und Spaceshuttles sind wohl nur deshalb nicht
himmelblau, weil ihnen eine Himmelfahrt nicht weit genug geht und sie in
die Unendlichkeit wollen, die tiefschwarz ist. Die Himmelsfahrerin Maria
trägt seit dem Mittelalter einen blauen Mantel, und wenn MM keine Göttin
ist, eine moderne Magna Mamma äh Mater (Große Mutter), eine Hüterin zweier
supranormaler Reize, zweier "magnae mammae", dann weiß ich auch nicht.
Brunners Mao klatscht vierhändig, die Applausorgane kommen ihm nämlich
auch aus dem Kragen. Beifallklatschen ist eben wie das Beten in der Kirche
eine Gleichschaltung der Hände und der Massen, und Mao geht hier als
Claqueur mit gutem Beispiel voran. Und die Moidl betet sechshändig. Ihr
Gesicht und ihre Frisur beten demütig mit. "Lasst 1.000 Blumen blühen"
- diesem Befehl, angeblich von Mao, leisteten schon viele Tapeten Folge,
so auch diese, auf der die drei Andachtsbilder hängen. Oder ist's die
blaue Blume, die Sehnsuchtspflanze der Romantik, die hier wuchert und zum
Tapetenmuster, zur dekorativen Blumenwiese, verkommen ist, weil Sehnsucht
Massenware ist wie ein Big Mac, der Erfüller der Cholesterin- und
Arteriosklerose-Sehnsucht? Wie auch immer: Die ganze Wand gibt's gleich
zweimal. Ikonen sind ja "gottgegebene Bilder" und dürfen bloß durch Kopien
weitergegeben werden. (Tapeten zählen da ja auch in gewisser Weise dazu.)
Und Brunner schafft die nötige ironische Distanz zu dieser geballten
Ladung ideologischer, sexueller, religiöser und romantischer Sehnsucht
fürs Wohnzimmer. Nicht zuletzt durch die selbstaufopfernde Akribie der
Buntstiftzeichnung, die beinah schon ein Gottesdienst ist. Sein
Ikonen-Triptychon ist auf überzeugend kompakte Art komplex.
Galerie Contact: Weil die Erde Fieber hat
Maria
Moser (bis 19. Februar bei Contact, Singerstraße 17) ist nicht so eine,
die daheim alle ihre Herdplatten einschaltet und wartet, bis sie glühen,
um sich daran zu ergötzen. Das tun ja höchstens Kettenraucher, die ihr
Feuerzeug nicht finden und sich selber eins basteln müssen aus den Dingen,
die sie zuhause haben. Eine kleine "Höllentouristin" ist sie aber schon.
Und besucht die irdischen Feueröfen (etwa die Voest in Linz) und
inspiriert sich. Ihre farbwuchtigen Bilder, die voller Spannungen und
Aufwallungen sind, sind gewissermaßen Heizkörper, an denen man sich
aufwärmen kann (durch Empathie mit dem hitzigen Rot, das sich wie
zähflüssige Lava vorwärtsschiebt oder seinen ganzen Willen zur Form
zusammennimmt und ein Würfel wird, der Fieber hat wie die Erde in ihrem
Innern). Und Mosers Blau kann sich mitunter noch mehr in die Augen
einbrennen als ihr Rot. Neuerdings mischt sie auch noch Aluminiumpulver
ins archaische Geschehen hinein und lockert die konzentrierte, dichte Form
immer mehr auf. Die "brodelnde Ruhe" bleibt dabei ihre Stärke.
Erschienen am: 28.01.2005 |
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