


Schaufenster in New Yorks Lower Eastside. Im Einzelbild offenbart sich die Nostalgie des fotografischen Auges:Zoe Leonards 412-teilige "Analogue" -Serie (1998-2009).
Wien - Allie's Beauty Salon in der Lower East Side, das Ein-Stunden-Fotolabor und die kleine Werkstätte, die sich auf Fernsehgeräte spezialisiert hat. Sie haben alle eines gemein. Sie waren. Massive Rollläden und Gitter verbarrikadieren die Läden der kleinen Nahversorger. Ein globales Phänomen.
Über Jahre hinweg hat Zoe Leonard Schaufensterfronten in Manhattan dokumentiert: Auslagen, Produkte, handgeschriebene Angebotsschilder oder auch nur die Schmutzränder, den einzigen bleibenden Spuren, wenn letztendlich auch die Schriftzüge über den Geschäften verschwinden. Und immer wieder: kleine Fotoläden. Auch sie, wie die analoge Fotografie, werden sich nach und nach verlieren.
Im Mumok ist derzeit die erste internationale Retrospektive der 48-jährigen amerikanischen Fotografin zu sehen. Ein wenig erinnert Leonards "Analogue" an Martha Roslers Serie "Die Bowery in zwei unzulänglichen Beschreibungssystemen", 1974/75 im gleichen Viertel aufgenommen: Fotos von geschlossenen Ladenlokalen kombinierte Rosler mit einer „Poesie der Trunkenheit" und erzählte so eine Geschichte der Abwesenden, also den Obdachlosen in dieser heruntergekommenen Gegend, die einst eine Prachtstraße war. Einzige Zeugen ihrer Gegenwart: leere Flaschen.
Leonards 412-teilige Serie, die in etwas kleinerem Umfang bei der Documenta 12 zu sehen war, geht jedoch über den lokalen Bezug hinaus, verfranst sich in der globalen Geschichte allerdings ein bisschen: Sie verfolgt etwa die zu dicken Ballen geschnürten Altkleider bis nach Afrika. Dort finden nicht nur die Klamotten, sondern auch Uralt-Röhrenfernseher und Bakelit-Telefone sowie analoge Filme wieder den Weg auf den Markt.
Mit Nüchternheit getarnt
Ebenso wie die Waren hat Leonard ihre hunderten Fotos zu streng formalen Kapiteln gebündelt. In objektive Ordnungssysteme gepackt, tarnen sich die Aufnahmen mit Nüchternheit. Als Einzelbilder verbreiten sie jedoch sehr wohl morbide Sentimentalität. Leonard sensibilisiert den Blick, lenkt ihn auf stille Alltagsmomente. Statt grell und laut zu sein, ist sie der Langsamkeit der analogen Fotografie verpflichtet.
Bekannter ist Leonard jedoch für ihre frechen feministischen Perspektiven. Man denke an ihren "Bearded Lady"-Kalender von 1997 oder an die Documenta IX (1992), als sie in der Neuen Galerie in Kassel alle Männerantlitze auf der edlen Seidentapete durch explizite Vagina-Fotos ersetzte.
Leonard interessiert die Grenze der Fotografie: Der schwarze Rand, der beim Belichten entsteht, bleibt daher stets Teil des Bildes. „Ich will zeigen, dass da ein Rahmen ist. Dass jede Fotografie ein bearbeitetes, subjektives Bild ist." Auch Staub und Kratzer am Negativ werden nicht retuschiert, sondern erinnern ebenfalls an die Bedingungen des Mediums. Zunächst einmal haben ihre Bilder also nichts Allgemeingültiges. Es sind ihre: "Der Blickwinkel, im wörtlichen und theoretischen Sinn, entscheidet, wie und was man sieht."
Mehr als die "Analogue"-Serie unterstreicht diese Zugänge der retrospektive Ausstellungsteil. Er folgt einem, den Arbeiten zuträglichen Raumrhythmus. Unauffällige architektonische Eingriffe, die der Betrachter bestenfalls spürt. Am schlüssigsten erscheint jener Saal, der dem inszenierten, zurechtgerückten Körper - ob toten Plastikpuppen im Museum oder lebendigen am Laufsteg - gewidmet ist. Da variiert sie die Betrachterperspektive: Sie fotografiert den Models zwar unter den Rock, nimmt dabei aber einen sehr wahrhaftigen Standpunkt bei einer Modenschau ein. Die Aufnahmen der bärtigen Frau im Glas präsentiert sie, ebenso wie andere anatomische Objekte, auf Augenhöhe. Der Betrachter soll gar nicht in die Verlegenheit kommen, auf ein "Objekt des Interesses" herabzusehen; Leonard zwingt ihn auf Augenhöhe.
Nicht so bei ihren Luftaufnahmen, die die Welt als Ornament und Raster zeigen. Leonard interessiert solche Augenschmeichlerei aber wenig. Mehr interessiert sie auch hier der ordnende, hierarchische Blick des Menschen, die Systeme in die er seine Städte zwängt oder die Fesseln, die er den Bäumen im urbanen Raum anlegt. Zarte Argumente für das Sprengen einengender Korsette. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe 15.12.2009)
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