07.09.2003 20:36
Kontrapunkt zur Ars Electronica
Keine technologischen Neuerungen oder materialintensiver
Unterhaltungskunst im Kunstraum Goethestraße - Foto
Wie schon im Vorjahr mit "Female Takeover" positioniert sich der
Kunstraum Goethestraße kontrapunktisch im Ars-Großbetrieb: In der Ausstellung
"Not to Scale" wird man vergeblich nach technologischen Neuerungen oder
materialintensiver Unterhaltungskunst suchen. Isabelle Comaro, Heman Chong und
Daniel Kluge nähern sich dem allbestimmenden Code mit konventionellen Mitteln.
Die Französin Comaro hat eine Senatspräsidentin des Linzer Oberlandesgerichtes
nach ihren Definitionen von Codes und Gesetzen gefragt und sucht dabei nach
Momenten des Übergangs von individuellem Sein in kollektives Handeln und
Funktionieren. Sie zeigt z. B. eine Militärärztin in voller Montur und
vorbildlicher Haltung. Überlebensgroß in den kleinen Raum projiziert, zwingt sie
den Betrachter, der Autoritätsperson ungewohnt nahe zu kommen, in devoter
Haltung in deren Intimsphäre einzudringen.
Daniel Kluge und Heman Chong
reflektieren die "ACI/SCI worlds of sierra online", recht simple
Computer-Abenteuerspiele, in die sie sich als Handelnde, als Helden einklinken.
In den einfachen Welten folgen sie dann ebenso einfachen Anweisungen: Brot
nehmen! Türe öffnen! Orange auf den Boden legen! In einer weiteren Installation
Kluges lässt sich ein virtueller Häftling - je nach Laune und Erfahrung im
Umgang mit "Pressuremates" - füttern oder misshandeln. Ein altes Spiel zum Thema
Mitschuld. Die Mauern des Gefängnisses definiert Kluge als Korsett von
kulturellen und psychosozialen Codes, in dem wir stecken.
Heman Chongs
Video "Hand Job" bietet 600 Handbewegungen, die auf alltägliche Handlungen
verweisen, Codes ähnlich denen der Adventuregames, die Hinweise verbergen, wie
Aufgaben bewältigt oder Belohnungen entgegengenommen werden können. (mm, DER
STANDARD, Printausgabe vom 8.9.2003)