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"Wien! Schlimmste Provinzialität"

07.02.2007 | 18:32 | BARBARA PETSCH UND ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Edelbert Köb, Direktor des Mumok (Moderne-Museum), und Peter Noever (MAK) leiden an zu wenig Platz, zu wenig Geld und zu wenig Kunstsinn.

Die Presse: Herr Köb, Sie haben einen Vertrag bis 2010, jener von Herrn Noever läuft bis 2009. Was ist danach? Wie soll sich die Suche nach einem Nachfolger gestalten?

Peter Noever: Ich möchte darüber jetzt nicht sprechen. Geben Sie mir noch ein Jahr Zeit. Was die Suche nach einem Nachfolger angeht: In jedem anständigen Museum, ob es sich um das Guggenheim handelt oder um das Kunsthaus Zürich, werden 10 bis 15 Leute zu Gesprächen eingeladen und dann wird ein Vorschlag gemacht. Z.B. von einer Findungskommission, wobei es natürlich darauf ankommt, wer da drinsitzt. Die unanständige Praxis ist leider, dass Parteien ihre Kandidaten favorisieren. Die Politik sollte Gremien finden, die so eine Sache unabhängig in die Hand nehmen.

Edelbert Köb: Wenn wir den Neubau auf der Donauplatte bekommen, würde ich um einen Sondervertrag bitten. Wenn nicht, gehe ich 2010. Ich wäre schon froh, wenn es mir gelingt, die Notwendigkeit einer Erweiterung des Mumok im Bewusstsein einer qualifizierten Öffentlichkeit zu verankern. Wir sind auf gutem Wege dahin. Ausschreibungen eines Direktorenpostens haben nur dann Sinn, wenn man Ziele formuliert. Bei mir ist damals nichts darüber in den Unterlagen gestanden. Meiner Ansicht nach bin ich geholt worden, weil man Angst hatte, dass die Direktoren der Vollrechtsfähigkeit (Autonomie) nicht gewachsen sind. Man dachte, ein Vorarlberger wie ich wird wenigstens die Konten nicht überziehen. Visionen, das Wichtigste, waren nicht gefragt.

Wie sind Sie Direktor geworden, Herr Noever?

Noever: Ich habe zwei Ausstellungen im damals so genannten Österreichischen Museum für angewandte Kunst kuratiert. Dann habe ich erfahren, dass die Position ausgeschrieben ist. Eine Woche vor Ablauf der Frist dachte ich plötzlich: Das mach ich. Es war ziemlich schwierig, Informationen über das Haus zu bekommen. Ich habe es dann doch geschafft und war der Erste, der ein Papier abgegeben hat: 30 Seiten Konzept. Die meisten anderen haben nur ihre Biografien geschickt. Ich fuhr dann in die USA. Eine Journalistin hat mich angerufen und mir gesagt, dass ich Direktor bin. Es war mitten in der Nacht. Ich habe es nicht geglaubt und einfach aufgelegt.

In letzter Zeit ist viel über Doppelgleisigkeiten in den Museen geklagt worden. Jeder macht alles. Jeder konkurrenziert jeden. Wie könnte man dieses Problem langfristig lösen?

Noever: Ich verstehe die Frage nicht. Vor fünf, sechs Jahren gab es in New York drei Mies-van-der-Rohe-Ausstellungen: im MoMa, im Whitney-Museum und in einer Galerie. Jede hatte einen eigenen Zugang. Da spricht niemand von Konkurrenzierung. Das MAK hat eine klare Position. Eine Trennung zwischen Ausstellungen und Sammlung gibt es nicht. Wir wollen die Tradition neu interpretieren. Das MAK war immer das einzige Haus in Wien, das an die Gegenwartskunst angekoppelt war. Zeitgenössische Künstler setzen sich intensivst mit dem MAK auseinander: Elke Krystufek z.B., aber auch Erwin Wurm, der jetzt im Mumok präsentiert wird, hätte ins MAK-Programm gepasst. Im Oktober zeigen wir Padhi Frieberger. Er ist 75, hat kein Bankkonto, keine Galerie, war nie auf Kunstmessen präsent, ist aber dennoch ein wichtiger Künstler. Wenn sich der Staat immer mehr zurückzieht, bleibt nur mehr ein funktionierender Kunstmarkt und ein schillerndes Galeriewesen zurück. Klar, es gibt die Quote. Aber man muss auch Positionen zeigen, die nicht von Erfolg gekrönt sind. Das ist Aufgabe des Museums. Ich suche die ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kunst und nicht mit irgendeinem anderen Museumsdirektor. Das interessiert mich überhaupt nicht.

Köb: Alle Betrachtungsweisen haben für sich gesehen etwas für sich. Mit derselben Flüssigkeit argumentiert der Direktor der Albertina, dass Zeichnungen allein heutzutage keinen Sinn mehr haben, man muss sie mit Bildern verbinden. Warum dann aber nicht mit Skulpturen, Fotografie, Architektur? Das spartenübergreifende Universalmuseum für alle ist eine schöne Vorstellung, aber leider nicht realisierbar. Ebenso ist es mit berechtigten Erweiterungswünschen. Nehmen Sie das Völkerkunde-Museum, das jetzt mit verdoppelter Fläche eröffnet wird. Das ist genauso groß wie das Mumok, das eine Entwicklungs- und Zukunftsperspektive braucht. Das neue Völkerkunde-Museum wird mehr Personal, mehr Energie, mehr Geld benötigen. Die öffentlichen Budgets können aber nicht so schnell wachsen wie die Wünsche, die wohl kaum zu einem Zehntel erfüllt werden. Letztendlich wird es daher strategische Entscheidungen geben müssen. Man muss die Profile der Häuser schärfen. Die politische Praxis schaut aber oft ganz anders aus: Nehmen Sie etwa die Stadtentwicklung. Früher hat es eine Stadtentwicklungsgesellschaft gegeben, heute gibt es mehrere. Sie engagieren sich gegenseitig die Investoren weg, kämpfen um U-Bahn-Stationen, Infrastruktur, Kultureinrichtungen. Die Politik müsste Prioritäten setzen. Stattdessen überlässt sie die Stadt dem Zufall und der Tüchtigkeit der Manager. Bei den Museen ist es ähnlich.

Eine Hauptforderung der Kunst ist das Geld. Wie viel mehr fordern Sie, soll es zu einer Neuverteilung des Budgets kommen? Sie, Herr Noever, das sagen Kollegen, haben besonders erfolgreich verhandelt...

Noever: Keineswegs! Ich habe schlecht verhandelt und bin beim Ausstellungsbudget über den Tisch gezogen worden. Wir hatten nachweislich mehr Geld, bevor wir ausgegliedert wurden. Ich fordere drei Millionen Euro zusätzlich. Wir haben 1,2Mio. weniger allein durch die Nicht-Indexierung. Von allem anderen rede ich jetzt gar nicht.

Köb: Wenn ich in der Zwangsjacke (Mumok im MQ) bleiben muss, brauchen wir nur die Inflationsabgeltung. Wir sind alle grundsätzlich nicht schlecht dotiert. Unser Problem ist der Raum. In Warschau bauen sie ein Museum für Gegenwartskunst auf 14.000 Quadratmeter, die lettischen Länder haben alle 10.000, in Bukarest gibt es 20.000 Quadratmeter für zeitgenössische Kunst, in Berlin 27.000. Wir haben 4.700!

Noever: Auch die kleinste Institution kann sich durchsetzen, wenn sie ein klares Profil hat. Eine Picasso-Ausstellung kann jeder machen. Die Frage ist der Kontext. Österreich braucht kein Global-Museum. Das Spannende ist, dass es diese Unterschiedlichkeit gibt. Ich erwarte mir von der neuen Ministerin, dass sie die Balance zwischen Tradition und Moderne wieder herstellt. In diesem Land finden Kunst und Kultur gar nicht statt. Es gibt ein paar Galerien. Aber in Wahrheit hat man in Wien nix anderes im Sinn, als den Klimt, einen durchschnittlichen Maler, zurückzukaufen. Alle, auch die Medien, fahren immer nur rückwärts. Diese Stadt leidet unter der schlimmsten Provinzialität! Erst wenn was 35 mal woanders gemacht worden ist, sagt man, jetzt machen wir es hier in Wien auch. Das ist grausam.

Köb: Egal von wo ich zurückkomme, es muss nicht Ostasien sein, ich denke immer: Was ist das für eine stagnierende Stadt! Alle Museen sind aus der Gründerzeit oder Barockbauten, auch das MQ ist kleinmütig eingesperrt in Barockarchitektur. Ich würde diese museale Stadt gerne verlassen und dorthin gehen, wo das neue Wien entsteht!

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2007)

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