Realität als Spektakel

Die 31-jährige Kiki Seror gehört bereits heute zur internationalen Kunst-Elite. Sie fiel durch ihren direkten Zugang zur sexuellen Sprache und zum Unbewussten auf.
Von Katharina Menhofer.


"Public Seduction" - öffentliche Verführung - so heißt die neue Arbeit der jungen amerikanischen Medienkünstlerin Kiki Seror, die Donnerstag Abend erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Im Rahmen der Zürich Kosmos Laser Art ist Kiki Seror nach Robert Wilson, Sarah Morris und der Architekturklasse von Wolf Prix die nunmehr vierte Künstlerin, die ihre multimedialen Projekte im öffentlichen Raum verwirklichen.

Bei Einbruch der Dämmerung ist das Spektakel auf der Videowand auf dem Zürich-Kosmos-Gebäude zu sehen. Die in New York und Amsterdam lebende Künstlerin bezieht ihre Inspirationen aus Erotik-Chats und setzt sich künstlerisch mit der Anonymität und dem Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz im Internet auseinander. Das Projekt "Public Seduction" hat Kiki Seror speziell für Wien entwickelt, es basiert auf zehn Fragen von Sigmund Freud.

Serors Fragen an die Welt

"Was war Ihr erster sexueller Gedanke?", "Was haben Sie bisher noch nie zugegeben?", "Gibt es etwas, was Sie nicht über sich wissen?" Diese und viele weitere Fragen stellte Sigmund Freud 1901 seiner 19-jährigen Patientin Dora in der Wiener Berggasse. 100 Jahre später stellt die Künstlerin Kiki Seror genau die selben Fragen der ganzen Welt - auf einer Webseite im Internet. Und auch die Antworten bleiben nicht geheim, sondern werden als Laserkunstwerk vom Dach des Zürich-Kosmos-Gebäudes visuell in die Welt posaunt.

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Realität als Spektakel

Die Realität als Spektakel ist im Zeitalter von Erotik-Chats und "Big Brother" für Kiki Seror zum Leitmotiv ihrer Arbeit geworden. Obwohl die Teilnehmer nicht wussten, dass ihre Antworten Teil eines Kunstprojekts wurden, ist es kein psychologisches Experiment. Kiki Seror hat sich sehr ernsthaft mit der Psychoanalyse, mit Freud und mit Lacant auseinandergesetzt.

"Ich würde sagen, das ist eine seriöse Auseinandersetzung und Verbindung von Psychoanalyse, zeitgenössischer Kunst und dem Internet, wo anonyme Gespräche möglich sind. Das ist ähnlich wie in der Psychoanalyse, wo der Analytiker den Patienten nicht sehen sollte und eine Offenheit der Interpretation besteht", meint Kuratorin Barbara Steffen.

Der "Fall Dora"

Kiki Seror hat sich viele Jahre mit dem Fall Dora beschäftigt. Das 19-jährige Mädchen war über drei Monate Freuds Patientin. Über sie verfasste er seine erste Fallstudie zum Thema Hysterie. Als Seror das erste Mal nach Wien kam, beschloss sie am Weg ins Freud Museum aus Dora ein Projekt zu machen und mit jenen Fragen zu arbeiten, mit denen Freud seine Patientin konfrontierte.

"Die Herausforderung für mich war, diese Fragen in ein neues Format zu stellen, sie in einen heutigen Kontext zu bringen. Die Mittel, die ich auch sonst für meine Arbeit nutze - Internet, Chat-Rooms, Websites - schienen mir am geeignetsten und natürlichsten für dieses Projekt. Meine Rolle hinter dem Bildschirm war die des Analytikers. Unsichtbar stellte ich die Fragen. Man konnte auch nur die Antworten der anderen lesen, einfach Voyeur sein. Ich glaube, mein Projekt zwingt uns sogar, zu Voyeuren zu werden. Ich schließe mich da auch selbst mit ein, denn auch ich stehe außerhalb der Arbeit. Es sind nicht meine Fragen, sondern die Sigmund Freuds ans Dora", erklärt die Künstlerin.

Visuelle Umsetzung

Kiki Serors eigentliche Arbeit begann erst in der visuellen Umsetzung der Internet-Dialoge. Ausgewählte Antworten hat Kiki Seror mit Hilfe von 3D-Computer-Programmen und dem Laser animiert. Den Text verwandelt sie in ein bewegtes buntes Schriftbild aus Fragen und Antworten.

"Es ist nicht mehr nur Text, den man lesen kann, es ist Text mit einem Körper. Ich habe ihn belebt, ihm einen architektonischen Körper verliehen, es war mein Wunsch, dass man ihn sehen kann, nicht nur lesen. Es soll für den Betrachter eine sinnliche Erfahrung werden", so Kiki Seror.


Privates öffentlich präsentiert

Dieser öffentliche Kontext schaffe ein Forum, wo private Gedanken öffentlich präsentiert würden. Und zwar so, dass es nicht real, sondern fiktiv wirke, sagt Seror. Es sei, als würde man seinen eigenen Namen an einem Broadway-Theater aufleuchten sehen. Nun wartet man gespannt, wie die Wiener auf die Laser-Installation reagieren werden, die dazu verleitet stehen zu bleiben und intime Geständnisse zu verfolgen.

"Ich hoffe für jeden, dass er den selben Zugang zu dem Projekt findet, wie ich ihn gefunden habe, nämlich sich selbst in einem fremden Text zu erkennen. Ich hoffe auf diese Projektion, dass Menschen damit in Beziehung treten, sich damit auseinandersetzen. Außerdem soll es auch witzig sein. Man soll sehen können, dass sich Identitäten ständig ändern und verrücken", erklärt Kiki Seror.

Drei Ausstelungsorte

An drei Ausstellungsorten wird "Public Seduction" gezeigt: jeden Abend auf der Videowand am Zürich-Kosmos-Gebäude in der Lasallestraße, untertags im Sigmund Freud Museum sowie in einem Container vor der Votivkirche. Dieser Container ist für sich selbst schon ein Kunstwerk: Robert Wilson hat ihn für seine Arbeit vor zwei Jahren bemalt, die Klasse von Wolf Prix hat ihn voriges Jahr zu einem architektonischen Möbelstück umgewandelt. Im Innenraum ist bis zum 16. Dezember Kiki Serors Arbeit zu sehen.

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