
In den Sechziger- und Siebzigerjahren stand Italien in seiner Blüte. Architekten und Designer lehnten sich weit aus dem Fenster und hielten Ausschau nach der Zukunft. Gelegentlich zwackten sie ihr ein Stückchen ab. Auf diese Weise entstanden etliche futuristische Werke, die lange Zeit als moderne Aushängeschilder der Industrienation galten. Alles vorbei. Der österreichische Architekt Martin Feiersinger wagte einen sentimentalen Blick in die Historie und machte sich mit seiner Kamera auf den Weg nach Norditalien: "In dieser Gegend hat die baukünstlerische Auseinandersetzung besonders viele eigenwillige und charakteristische Bauten hervorgebracht", sagt er.
In der Kleinstadt Ivrea stieß Feiersinger auf den Gebäudekomplex La Serra. Das technoide Ding von Iginio Cappai und Pietro Mainardis war einst ein Boarding House für die Mitarbeiter der Firma Olivetti. Die 55 Alu-Wohnboxen mitsamt Wintergarten und Studierkemenate ragen aus der Fassade, als hätte man amerikanische Wohnmobile übereinander gestapelt. Die abgerundeten Ecken und Kanten schreien sich lautstark den Zeitgeist aus dem Hals. Noch glücklicher ist Feiersinger jedoch über seinen architektonischen Fund in Mira. Gleiche Architekten, gleiche Zeit. In unverändert kräftigem Gelb blitzt in der Hauptstraße ein Geschäftshaus hervor. "Mit Stolz hat uns der Hausherr erzählt, dass sein Gebäude auch schon auf der Titelseite eines Buches abgebildet war", erinnert sich Feiersinger, "für die Aufnahmen am nächsten Tag hat er veranlasst, dass das Haus speziell herausgeputzt wird." Allein, da war das Objekt der Begierde schon längst in den Film gebannt.
Martin Feiersinger, "Détours. 1960s Architecture Italy, Ten Modern Buildings Revisited". € 15,00/ 64 Seiten. Schlebrügge Editor, Wien 2008.
740 km: Hamburg
Hamburg kann man mögen oder nicht. Die beiden Designer und Fotografen Nicole Keller und Oliver Schumacher haben ihre Begeisterung in einen feinen Fotoband geschnürt und erklären "Täglich Hamburg" zu einer unaufdringlichen Liebeserklärung an die Stadt. Inmitten von quietschenden Schiffskränen und kreischenden Möwen, von Backsteinhäusern und Friedhöfen fangen sie immer wieder Blicke ein, die sie zu Bildpaaren kombinieren und sie so in einen überraschenden Kontext stellen.
Ganz ohne Worte erzählt das Buch kleine, aber feine Alltagsgeschichten: vom Wäschewaschen und Kaffeetrinken, vom schnellen Fortbewegen und speicherstädtischen Wohnen, vom blühenden Leben und stillen Sterben. "Wir wünschen uns, dass es solche Bücher bald auch zu allen anderen deutschen Städten gibt", hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Wie einzigartig ist eine Liebeserklärung, wenn sie bald schon jeder Stadt gilt? Auf nach Hamburg.
Nicole Keller, Oliver Schumacher, "Täglich Hamburg". € 20,50/196 Seiten. Junius Verlag, Hamburg 2006.
1.540 km: Bretagne Sieht man einmal von japanischen Mangas ab, sind Comics für Erwachsene ein seltenes Lesevergnügen. Einen besonders hohen Seltenheitswert haben Bildgeschichten für Architekten und Baumeister. Der 1957 geborene Bretone Bruno Le Floc’h wollte dieses Manko beheben und präsentierte jüngst das knapp 100-seitige Comic Der Leuchtturm. Nicht fröhlich oder gar lustig sind die Bilder, sondern von einer getragenen Dramaturgie. Der Strich fängt die zeichenhafte Sprache jener Jahre ein, in denen die Handlung des Leuchtturmbaus angesiedelt ist.
April 1911. Vierzehn Stunden dauert die Reise an die bretonische Küste, wo der Ingenieur mit Hilfe der Bevölkerung einen Leuchtturm errichten soll. Die Arbeit geht nur mühsam voran, das Wetter ist rau, bisweilen zerstört die stürmische See die Arbeit von mehreren Wochen. Briefe sind die einzige Bindung in die Hauptstadt Paris: "Herr Technischer Direktor, da meine Mittel erschöpft sind, sehe ich mich außer Stande, die mir anvertraute Aufgabe zu erfüllen", klagt der Ingenieur seinem Vorgesetzten im Ministerium, "ich bin daher gezwungen, Sie um die Aufkündigung meines Vertrages nachzusuchen." Wie das Leben so spielt, kommt es jedoch anders. Ausgelesen ist der "Der Leuchtturm" in einer knappen Stunde. Doch man kann es nicht lassen: Immer wieder greift die Hand nach den historischen Bildern, nach der schönen Sprache des Ingenieurs, nach der rauen See in wenigen gekonnten Strichen.
Bruno Le Floc’h, "Der Leuchtturm". € 16,50/96 Seiten. Carlsen Verlag, Hamburg 2007.
6.790 km: New York
Die Stadt aus Glas ist der erste Teil der New Yorker Trilogie, die den amerikanischen Schriftsteller Paul Auster 1987 bekannt machte. Die Handlung: Eines Nachts erhält der Krimiautor Daniel Quinn den Anruf eines Unbekannten. Um einen Mord zu verhindern, schlüpft er in die Rolle eines Privatdetektivs und macht sich auf durchs labyrinthische New York. Die Geschichte kann beginnen.
Die beiden Comiczeichner und Autoren Paul Karasik und David Mazzucchelli verknappten die Stadt aus Glas zu einem einzigen Schwarz-Weiß-Comic. Die Bilder variieren von dramatischen Zeichnungen über simple Bleistiftskizzen bis hin zu eigens entwickelten Piktogrammen und knausrigen Kopien berühmter Werke aus der bildenden Kunst. Die Mischung könnte nicht heterogener sein. Dennoch gelingt es Karasik und Mazzucchelli, inmitten dieser architektonischen, bisweilen beklemmenden Bilder einen Kriminalroman in mehreren Strängen zu erzählen. "New York war ein Labyrinth von endlosen Schritten, und so weit er auch ging, es hinterließ in ihm immer das Gefühl, verloren zu sein. Alle Orte wurden gleich, und auf seinen besten Gängen vermochte er zu fühlen, dass er nirgends war. Das war alles, was er je verlangte: nirgends zu sein." Paul Karasik, David Mazzucchelli, "Paul Austers Stadt aus Glas". € 14,40/128 Seiten. Reprodukt, Berlin 2006.
7.470 km: China
Der Bauboom in China ist nicht zu überhören, schon gar nicht ist er in den Buchhandlungen zu übersehen. Ein China-Buch jagt das andere, im Dickicht der dargestellten Architektur verliert man leicht den Überblick. Um den euphorischen Drill nach Superlative ein wenig einzubremsen, sei an dieser Stelle auf eine Architektin verwiesen, die sich schon vor vielen Jahrzehnten den Kopf über den Aufstieg Chinas zerbrochen hatte. Als Margarete Schütte-Lihotzky 1956 von ihrer zweiten Chinareise zurückgekehrt war, berichtete sie von der Aufbruchstimmung in Peking, Nanking, Shanghai und Wuhan: "Dieses kleine Buch versteht sich als Beispiel dafür, wie sich Europäer und Asiaten näher kommen und voneinander lernen können." Ein Reisebegleiter ins Reich der Mitte.
Karin Zogmayer (Hg.), "Millionenstädte Chinas. Bilder und Reisetagebuch einer Architektin (1958). Margarete Schütte-Lihotzky". € 24,95/138 Seiten. Springer Verlag, Wien 2007.
9.540 km: Brasília
Letztes Wochenende feierte der brasilianische Architekt Oscar Niemeyer seinen 100. Geburtstag. Quietschvergnügt und mit reichlich Caipirinha. Wir feierten im Rahmen unserer Möglichkeiten mit und stöberten aus dem Archiv ein feines Büchlein über die neue brasilianische Hauptstadt, über den Vogel wie man sagt, über den Plano piloto, den Niemeyer einst zu Papier gebracht hatte. Brasília Stories verlässt die Pfade der großen Architektur, die aus der großen Entfernung Rio de Janeiros geplant wurde, und lässt jene Leute zu Wort kommen, die am Bau und am beginnenden Leben der neuen Kapitale unmittelbar beteiligt waren: den Bauarbeiter des neuen Parlaments, den ersten Chefkoch des Präsidenten, oder aber den Laubmann, der immer den Rasen pflegte.
Gespickt sind die Brasília Stories mit allerlei historischen Aufnahmen aus den Sechzigerjahren, als die Stadt allmählich zur Hochblüte aufquoll: künstlich bewässerte Wiesen in einer Grünheit, wie man sie noch nie zuvor zu Gesicht bekam, ästhetische Stadtperspektiven mit breiten Straßen, die in die Zukunft führen, fröhliche Menschen in Badeanzug und Schwimmhose, die am Pool die politische und soziale Renaissance ihres eigenen Landes zelebrieren.
Kleiner Tipp von Rosental Ramos da Silva, der einst Präsident Juscelino Kubitschek bekochte: "Wenn Sie Fischeintopf Mariscada Carioca machen, dann lassen sie die Soße so lange kochen, bis sich die Fischköpfe zerkleinern lassen. Gehirn und Augen machen die Soße nämlich dicker." Feliz Natal.
Carmen Stephan, Gleice Mere, "Brasília Stories. Leben in einer neuen Stadt". € 20,50/160 Seiten. Blumenbar Verlag, München 2005.
(Wojciech Czaja, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.12.2007)