New York aus der Diogenes-Perspektive

Zur Voröffnung der neuen Räumlichkeiten im Muqua zeigt die Kunsthalle die erste Personale des britischen Künstlers Steve McQueen. Wenn die Technik mitspielt.
Von Sabine Oppolzer.


Der 32-jährige Steve McQueen gilt als Antistar. Mit 12 Kunstfilmen und einer Reihe von Fotografien und Skulpturen ist er im vergangenen Jahr zu einer Kultfigur geworden, er war auch Teilnehmer der Documenta X in Kassel und wurde 1999 mit dem renommierten Turner-Prize ausgezeichnet. Von der Londoner Kunstszene, der jungen Brit-Art, mit deren Vertretern er gemeinsam am Goldsmiths College studiert hat, hält sich der heute in Amsterdam lebende Künstler fern.

Zur Eröffnung seiner Ausstellung am Dienstag in der Kunsthalle im neuen Museumsquartier (Halle 3) ist er aber gekommen. Nur: Die Premiere der Kunsthalle Wien in ihren neuen Räumen im Museumsquartier ist von Pannen begleitet. Nicht nur, dass die laufenden Arbeiten im Hof den Zugang für die Besucher erschweren, ist durch einen unerwarteten technischen Defekt an zwei Spezialvideoprojektoren die Präsentation zentraler Arbeiten des Briten Steve McQueen kurzfristig unmöglich geworden. Die Eröffnungs-Schau "Steve McQueen" ist daher in den nächsten Tagen für das Publikum nicht zugänglich.

"Drumroll"

Wenn alles wieder nach Plan läuft, zeigt Steve McQueen in Wien vier Rauminstallationen. Für seinen wilden, rhythmischen Film "Drumroll", den er New-York-Musical nennt, lässt er eine alte Tonne durch Manhattan rollen. Drei Kameras sind fix montiert, an den Seiten und in der Mitte. Steve McQueen treibt die Tonne durch die Straßen, 22 Minuten lang. Zu hören sind die Straßengeräusche: Autolärm und das Gepolter der Tonne.

"Drumroll", 1998

In Echtzeit und mit Originalsound sind die drei Filme nebeneinander an eine Wand der Kunsthalle projeziert. Der Betrachter sieht die Welt aus der Diogenesperspektive und gerät ins Taumeln. Keineswegs unbeabsichtigt, wie Steve Mc Queen meint: "Man steht dort und gleichzeitig macht man eine Reise mitten durch New York. Man rattert die Straßen entlang, und die Dinge fliegen vorbei. Das ist eine sehr körperliche Erfahrung, wie man sich da durch die Landschaft bewegt", so McQueen.

Girls Tricky

Den Film "Girls Tricky" hat der Künstler eigens für die Ausstellung in der Kunsthalle fertig gestellt. Er handelt von Tricky, einer Ikone des Trip-Hop, dessen erklärter Fan Steve McQueen ist. Jenseits aller MTV-Bilder hat er die Arbeit seines Idols dokumentiert. Mit ganz wenigen Schnitten ist diese Arbeit fast die Antithese zu gängigen Videoclips.

"Girls Tricky", 2001

Reduktion und Entschleunigung sind generell die Kennzeichen der Kunst von Steve McQueen. Ein experimenteller Ansatz, mit dem der Künstler an der Filmakademie in New York nicht punkten konnte: "Dort wurden eher traditionelle, narrative Hollywoodfilme gemacht. Experimente wurden nicht so gefördert. Das merkte ich, als ich einmal einen Film plante mit einer Kamera, die ich in die Luft werfen und dann wieder auffangen wollte", erinnert sich McQueen. Nach einem Jahr verließ der die Akademie. Begründung: "Alle Streifen, die dort rauskommen, sehen irgendwie ähnlich aus."

Kampf oder Erotik

Sehr minimalistisch sind auch ältere Arbeiten von Steve McQueen, die er ganz ohne Farbe oder Sound gestaltet hat. So zeigt der Film "Bear" aus dem Jahr 1993, der in der Tate Gallery in London zu besichtigen ist, zwei junge Schwarze, die sich stumm umkreisen und belauern. Offen bleibt dabei, ob zwischen ihnen ein harter Kampf oder eine erotische Annäherung stattfindet. In Schwarz-Weiß hat er drei Filme gemacht, die alle ohne Sound sind. Auf diese Weise wollte McQueen, wie er sagt, die skulpturalen Elemente des Films untersuchen.

"Bear", 1993

Gewalt und Zärtlichkeit

Diese Ambivalenz zwischen Gewalt und Zärtlichkeit, zwischen Verlangsamung und Schnelligkeit macht das Wesen der Arbeiten von Steve McQueen aus. Die Magie, die Kritiker seinem Werk nachsagen, könne er aber nicht einfach auf Knopfdruck herstellen, wie er meint: "Das ist eine Frage, die mich vor drei Jahren sehr beschäftigt hat. Manchmal geht das ganz schnell und ist einfach so da. Dann dauert es wieder länger. Man weiß nie, wann es passiert. Das ist genau so, wie wenn man sich verliebt."

"More", 2001

Streikende Projektoren

Zur Pressebesichtigung trug Steve McQueen einen blauen Arbeitsanzug. Das ist wohl nicht als Anspielung auf die Baustelle im Museumsquartier gedacht, wo noch an allen Ecken Bauarbeiten stattfinden, sondern als eine Art Blue-Collar-Statement.

"Da die Kunsthalle Wien keine künstlerischen Kompromisse eingehen möchte, wird die Ausstellung ab Montag, dem 14. Mai, wieder geöffnet", hieß es am Mittwoch in einer Aussendung der Kunsthalle. Ersatz für die defekten Projektoren muss nämlich aus London eingeflogen werden. Danach soll die Schau täglich von 10.00 bis 19.00 Uhr, Donnerstag von 10.00 bis 22.00 Uhr, in der neuen Kunsthalle Wien im Museumsquartier geöffnet sein.

Tipp:

Steve McQueen. Ausstellung in der Kunsthalle Wien bis 19. August.

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