Einstürzende Neubauten
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Der 14. Juni 1955 ist für viele ein Freudentag: für den Architekten
Erich Boltenstern, dessen Hochhaus am Schottenring eröffnet wird. Für
den vor acht Jahren aus Amerika zurückgekehrten Direktor der Wiener
Städtischen Versicherung Norbert Liebermann, der die Idee dazu hatte
und sie gegen die allgemein verbreitete Hochhausskepsis durchsetzte.
Für den "Wochenschau-Reporter", der den Büroturm mit den Worten
akklamiert: "Das ist nicht Amerika, das ist Österreich ..." Nur für
eine Hand voll junger Architekten gibt es an diesem Junitag keinen
Grund zum Jubeln. Sie sehen in Boltenstern eine jener Figuren, die den
Faden zur internationalen Entwicklung verloren und jenen zur Wiener
Moderne vor dem Anschluss 1938 nicht mehr aufgegriffen haben. Auch
gegen das Hochhaus gibt es Vorbehalte. Der Architekt und Kritiker
Friedrich Achleitner, der bei Boltenstern an der Bildenden studiert
hatte, sieht die Silhouette der Ringstraße zerstört. Den ebenfalls von
Boltenstern geplanten Gartenbau-Komplex (das Kino selbst wurde um 1960
von Robert Kotas gestaltet) wird er sieben Jahre später gar als
"steinernes Krebsgeschwür" bezeichnen.
Das Werk Boltensterns ist das Thema einer Ausstellung im Wien Museum.
Es hätte zum Heimspiel werden können, wäre Boltenstern 1953/54 aus dem
Wettbewerb für den Neubau des Museums am Karlsplatz als Sieger
hervorgegangen. Als einer der wenigen Dableiber, die nicht zu
Parteigängern der Nazis wurden, war er nach dem Krieg über jeden
politischen Verdacht erhaben. Mit Boltenstern steht auch die
Architektur des Wiederaufbaus auf dem Prüfstand, die von der Kritik
lange Zeit als halbherziger Moderneabklatsch in die Besenkammer der
Architekturgeschichte verbannt wurde. In deren Vitrinen glänzten Le
Corbusiers Kirche in Ronchamp oder Mies van der Rohes und Philipp
Johnsons Seagram Building in New York.
Nach Österreich blies der frische Wind einer architektonisch
vermittelten Modernisierung mit geringer Stärke. Notgedrungen baute man
sparsam, pragmatisch. Die Ideologie dahinter war jene der Neutralität,
politisch wie ästhetisch. Boltensterns Ringturm, bei der
Grundsteinlegung noch als Freiheitsturm an die Grenze zum Sowjetsektor
platziert, wurde das Symbol des Jahrzehnts. "Integer, schlicht, ohne
großen Gestus", versucht der Architekturhistoriker Adolph Stiller eine
Ehrenrettung. Der vom Ringturm (und der Opernpassage) symbolisierte
"Aufstieg zur Weltstadt" fand in einem von einem zähen Konservativismus
geprägten Klima statt. Die Kuratorinnen der Ausstellung im Wien Museum
Judith Eiblmayr und Iris Meder nennen den Zeitgeist "moderat modern".
Erst mit dem Bau von Roland Rainers Stadthalle (1955-58) und dem
Österreich-Pavillon Heinrich Schwanzers auf der Expo in Brüssel 1958,
dem späteren "Zwanziger Haus", wurde die provinzielle Selbstbescheidung
beendet.
Am 14. Juni 1955 gibt es noch einen weiteren Gewinner, den Wiener Oskar
Wittinger. Unter 6502 Einsendungen wurde sein Vorschlag prämiert, das
Gebäude "Ringturm" zu nennen. Er erhält als Preis hundert Schilling,
was immerhin einer Monatsmiete in einer Type-C-Neubauwohnung (56
Quadratmeter) der Gemeinde Wien entsprach. 33.000 neue Wohnungen
entstanden in den zehn Jahren nach Kriegsende. Dabei ging es nicht um
den großen architektonischen Wurf, sondern um die Anzahl nach
Normgrößen errichteter Wohneinheiten. "Das Leben und seine klare
Einfachheit" sei auf die Dauer stärker als "das Pathos repräsentativer
Bauten des 18. und 19. Jahrhunderts", aber auch der Superblocks des
Roten Wien, schrieb Rudolf J. Böck, Chefredakteur der Zeitschrift
aufbau, im Rückblick auf zehn Jahre sozialen Städtebaus. Diese
humanistisch-paternalistische Ideologie lag auch der seriellen
Produktion billiger Möbel zugrunde, die Mitte der Fünfzigerjahre durch
die öffentliche Hand initiiert wurde. Die mit buntem Kunststoff
beschichteten, mit dem Label "SW-Möbel" ("Soziale Wohnkultur")
markierten Küchenschränke zeigt derzeit das Hofmobiliendepot in einer
Ausstellung über Möbeldesign der Fünfzigerjahre.
Statt "billiger Wiederaufbauerfolge" (Böck) gab die Stadt Wien dem Bau
von Straßen, von Strom-, Gas- und Wasserleitungen, den Vorzug. So
entstanden einfache Wohnanlagen im Grünen wie die
Per-Albin-Hansson-Siedlung (1947-51, 1954-1955). Diese notgedrungene
Bescheidenheit kippte bald in öden Funktionalismus. "Man weiß, wie
elend die Gemeinde damals gebaut hat. Und was wurde gebaut außer
Gemeindebauten?", erinnert sich der Architekt und Boltenstern-Schüler
Karl Mang. Nicht Ideen gesellschaftlicher Veränderung, sondern die
strengen Bauvorschriften der Gemeinde führten die Hand der Entwerfer.
1955 ist Mang 33 Jahre alt. Sein erstes Bauprojekt, die Ausstattung
eines Herrenmodegeschäfts, liegt drei Jahre zurück. Es war so
erfolgreich, dass einige Geschäftsleute sagen: "Das will ich auch." So
kann er sich durchschlagen, auch ohne Gemeindeaufträge. Er ist froh,
dass er nicht im Büro Boltensterns landete, der ihn 1948 nach der
Staatsprüfung auf der Technischen Hochschule für den Wiederaufbau der
Oper engagieren wollte. "Ich dachte mir, drei Jahre Operndetails
zeichnen, das halt ich nicht aus." Der Wiederaufbau der Oper gehört
neben der Rekonstruktion des Parlaments und des Burgtheaters zu den
Symbolprojekten des Wiederaufbaus. Als Sohn einer Opernsängerin und
Mitglied des Staatsopernchors war Boltenstern für die Aufgabe
prädestiniert. Seine demokratische Idee eines ausschließlich aus Rängen
bestehenden Hauses fand keinen Anklang. Nur keine Experimente! Das alte
Logentheater musste wieder her. Die Opernbühne weihte der Architekt
persönlich ein, indem er vor den Mitarbeitern eine Arie trällerte.
Sein Student Mang beschreibt ihn als sehr präzisen, zurückhaltenden
Lehrer, der stets für seine Stundenten ansprechbar war. Achleitner
nennt ihn rückblickend einen Sir. Typisch für die von Boltenstern
repräsentierte Wiener Moderne-Melange, in der sich das Neue wie ein
Milchschaumhäubchen auf das Alte setzt, ist seine Bar in der
Österreichischen Ingenieur- und Architektenkammer in der
Eschenbachgasse, die derzeit im Begriff ist, in ein Fitnessstudio
integriert zu werden. Die kunststoffüberzogenen Stühle, die
geflochtenen Lampenschirme: typisch Fifties. Ganz im Trend auch die
Drucktapete an der Wand. Darauf zu sehen ist allerdings eine alte
Stadtansicht vom Oberen Belvedere aus, auch Canaletto-Blick genannt.
Mit jenem argumentieren Traditionalisten noch heute gegen jedes neue
Bauprojekt in Altstadtnähe.
Schlechte Bauweise, das Verdikt der maßgeblichen Kritiker, die
trostlosen Fassaden vieler Gebäude: Viele Gründe verringern die Chance
der Nachkriegsarchitektur auf Fortbestand. Die hitzige Diskussion über
das Haas-Haus am Stephansplatz bezog sich auf Hans Holleins
extravaganten Entwurf, nicht auf das durchaus respektable Kaufhaus
Philipp Haas von Appel/Fellerer/Wörle, dem niemand ein Träne
nachweinte. Ohne mit der Wimper zu zucken, eliminierte die Leitung der
Albertina beim Umbau vor zwei Jahren die Spuren der Nachkriegszeit.
Haerdtls legendäres Arabia-Espresso am Kohlmarkt, die Geschäfte von
Karl Mang, der Lesesaal der Nationalbibliothek, Roland Rainers
Franz-Domes-Heim in der Theresianumgasse, das Steyr-Gebäude am
Opernring, der Messepavillon Oswald Haerdtls für die Firma Felten &
Guilleaume. Alles weg! Demnächst wird auch Georg Lipperts
Bundesländerversicherung am Donaukanal (heute Uniqa) einem Hotelneubau
weichen.
Die Architektur der Wiederaufbauzeit ist das Sorgenkind des
Denkmalschutzes. "Das wurde ja erst nach dem Krieg gebaut", bekommt
Barbara Neubauer vom Bundesdenkmalamt zu hören, wenn wieder einmal ein
Dachstuhl, eine Fassade oder ein Foyer demoliert worden sind. "Es ist
uns noch nicht gelungen, die Architektur der Fünfzigerjahre aus der
Sphäre des persönlichen Geschmacks herauszubringen." Dabei sei gerade
die Art, wie mit der beschädigten Altbausubstanz umgegangen wird, ein
Dokument für den Umgang des Nachkriegsösterreich mit der eigenen
Geschichte. Die Ruine des Opernhofs von Theophil Hansen wurde nach dem
Krieg abgerissen, stattdessen steht dort der Opernringhof von
Appel/Lippert. Die Neuerer von damals sind nun ihrerseits von jener
Ignoranz bedroht, mit der sie die Architektur der Gründerzeit
bedachten. Das aktuelle Bespiel ist der geplante Umbau des Parlaments.
"Nein, nein", wehrt Nationalratspräsident Andreas Khol ab. Einen
revolutionären Umbau werde es sicher nicht geben. Schließlich stehe der
von Max Fellerer und Eugen Wörle entworfene Plenarsaal im
Unesco-Handbuch schützenswerter Nachkriegsarchitektur. Neben dem
Parlament scheint darin gerade einmal das ebenso von Fellerer/Wörle
gebaute Strandbad Gänsehäufel auf, nicht gerade viel angesichts
Zigtausender Neubauten. Wolfgang Zinggl, der für die Grünen in der für
den Umbau zuständigen Arbeitsgruppe sitzt, setzt sich für eine
"funktionale Verbesserung" ein. "Die kleine Kosmetik macht keinen Sinn
und wird obendrein noch teurer. Aus fixen Stühlen lassen sich nun
einmal keine beweglichen machen." Die Abgeordneten haben zu wenig
Platz, das Licht sei schlecht, der Raum nicht behindertengerecht. "Also
entweder ein ordentlicher Umbau oder gar nichts."
Der Architekt Roland Rainer lobte die Architektur des mit Nussholz und
Marmor ausgekleideten Plenarsaals als ein "ernstes und klares Konzept
aus modernem Geist". Barbara Neubauer vom Bundesdenkmalamt hat
allerdings Zweifel daran, dass die Parlamentarier dieses Konzept für
erhaltenswert erachten. Die 14 Millionen Euro, die für den Umbau
beschlossen wurden, dünken ihr reichlich viel für ein paar
Rollstuhlrampen.
Während also im Herzen der Republik die Leistungen der Aufbaujahre
bejubelt werden, wird im stillen Kämmerlein der Abriss von deren
Herzstück beschlossen. Wie soll da erst einem privaten Bauherren die
Bedeutung modernistischer Architektur vermittelt werden? Ein aktuelles
Beispiel ist der Abriss des in den Achtzigerjahren von der Stadt Wien
verkauften, von Hermann Kutschera Anfang der Sechzigerjahre geplanten
Hotels am Kahlenberg. Knapp dem Abriss entgangen ist das daneben
errichtete Restaurant Boltensterns, das 1935 den krönenden Abschluss
der neu gebauten Höhenstraße bildete. Der Boltenstern-Forscherin Iris
Meder war es gelungen, die öffentliche Meinung für den Erhalt dieses
raren Beispiels eines öffentlichen Baus der Wiener Moderne der
Zwischenkriegszeit zu mobilisieren. Die Nachkriegsmoderne hat es noch
schwerer. "Sie ist noch nicht in das kulturelle Bewusstsein
eingedrungen", sagt Meder. Lediglich die vom verspielten italienischen
Design beeinflusste Espresso-Moderne eines Oswald Haerdtl werde
inzwischen akzeptiert. "Den Volksgartenpavillon würde niemand mehr
wegreißen."
Moderat Modern: Bis 29.1.2006 im Wien Museum (4., Karlplatz), www.wienmuseum.at
Möbeldesign der 50er: Bis 6.11. im Hofmobiliendepot (7., Andreasgasse 7),www.hofmobiliendepot.at
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