Quer durch Galerien
Eine Drei-Haubitzen-Köchin?
Von Claudia Aigner
Warum Kafkas Hungerkünstler so ein Kostverächter war?
Vielleicht hat seine Mutter ja ein Hendl immer uncharmant militant mit der
Handgranate zubereitet (gleich direkt im Hühnerstall). Oder sie war gar
eine "Drei-Haubitzen-Köchin", bei der die Ballistik eben locker saß und
die berühmt war für ihr Rindsgulasch, das ohne Umschweife schon auf der
Alm aus dem Leben scheidet, kurz: "Bumm!" Aber wahrscheinlich nicht.
Es hätte ja auch gereicht, wenn der Speiseplan so bizarr angehaucht
gewesen wäre wie bei Josip Klarica, der eine mitunter recht
unsentimentale, "authentische" Küche pflegt, wo der Kadaver ohne
verlogenen kulinarischen Schnickschnack auf den Teller kommt. Ein frisch
abgehackter Geflügelkopf zum Beispiel, den man freilich mit Gabel und
Löffel bewältigen soll (wie Spagetti). Soll man dem Huhn so lange posthum
den Hals umdrehen, bis dieser vollständig auf die Gabel aufgewickelt ist?
Vor den liebevoll surrealen Fotostillleben von Josip Klarica (bis 23.
August in der Galerie Faber, Brahmsplatz Nr. 7) ist einem ganz
psychologisch zumute: altmodische, ramponierte Dinge, ein wenig Pathos und
da und dort eine aasige Fleischeinwaage als Memento mori. Süß
melancholisch oder schaurig schön kafkaesk (und tatsächlich bisweilen von
Kafka angeregt). Während in Kafkas "Strafkolonie" die Todesstrafe aber
praktisch schon zum Kunstgewerbe gehört, ist hier aus dem kompliziert
sadistischen Apparat, mit dem das "Opfer der angewandten Kunst"
fantasievollst erstochen wird, ein simpler Fleischwolf geworden, der ja
aus jedem Körperbau einen lapidaren Einheitsbrei macht. Klarica hat sogar
an den Futternapf gedacht, an dem der Delinquent nippen bzw. in den er
seine faschierte Zunge hineinbröckeln kann wie Brot in die Suppe. In
den klassischen Reportagefotos von Richard Erdoes ist die Welt, wie sie
ist, kurios und morbid genug. Erdoes Lust am Schauen ist unübersehbar.
Fotogen skurril: eine komplett "zugedschungelte" Kurzparkzone. Das Schild
"One Hour Parking" ist geradezu provokant, müssten Parkwillige doch vor
dem Einparken erst einmal die Botanik ein bissl ausreißen und sich ihren
Parkplatz erst mühsam "errupfen". Und der fließende Verkehr würde sich bei
der Anreise zum Parkplatz wohl alle seine Knautschzonen an den Palmen
zerknautschen. Von Tom Baril: Architektur aus New York. Photogravuren von
tadellos nostalgischer Atmosphäre und Qualität, aber vielleicht ein
bisschen brav für heute. Stimmt, bei Thomas Locher (bis 24. August
beim Kargl, Schleifmühlgasse 5) muss man viel lesen. An sich abschreckend.
Die Arbeiten sind nämlich mit viel Kommunikationstheorie und Hirnschmalz
gebuttert. Und ich gebe zu, wäre da nicht diese diesseitige Sinnlichkeit
und Haptik, ich hätte mittendrin meinen Alphabetismus verweigert. Alles
wäre mir vermutlich zu "gescheit" gewesen. Aber etwa seinen leibhaftigen
runden Tisch mit den Hockern (beschriftet mit Sätzen wie "Warum antwortest
du nicht?") liest man dann doch bis zum Ende durch. Eine
kommunikationsgestörte Gesprächsrunde.
Erschienen am: 16.08.2002 |
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