10.07.2003 13:41
Schachzüge eines Albertina-Chefs
Reproduktionen statt Originale: Kommentar zu Schröders Marketing -
mit Entgegnung
Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit auch der Kunst
hat das Museum einen Trumpf, den Walter Benjamin einst unterschätzte: die Aura
des Originals, deren Kraft aufgrund der Massenkopien nicht schwand, sondern
sogar stärker wurde. Diese Aura treibt jährlich Millionen Menschen in den
Louvre, auch wenn sie die Mona Lisa nur erahnen können, weil sich die Schöne im
fahlen Licht hinter massivem Panzerglas verbirgt.
Von der Kraft eines
Leonardo wollte, wie es scheint, auch Klaus Albrecht Schröder, Direktor der
Albertina, profitieren: Auf Plakaten lässt er derzeit die Ausstellung "Leonardo
da Vinci bis Egon Schiele" propagieren. Und der Text auf der Homepage verstärkt die Lust
auf die Schau: "Die Albertina präsentiert eine Auswahl von rund 60 der schönsten
und bedeutendsten Handzeichnungen aus ihrem einzigartigen Bestand." Zudem ist
von "Meisterwerken" die Rede: Die "wertvollen Blätter" von da Vinci, Raffael,
Michelangelo, Rubens und anderen ließen sich in den Prunkräumen studieren.
Doch mancher wurde angesichts der Präsentation (keine
Sicherheitsvorkehrungen, Tageslicht) stutzig. Tatsächlich: Die Albertina
präsentiert ausschließlich Reproduktionen ihrer einzigartigen Meisterwerke. Das
ist vielleicht nicht recht, aber billig - und nur konsequent im Sinne Benjamins.
Ingried Brugger, Chefin des Kunstforums, hingegen kann sich ein Schmunzeln über
die Aktivitäten ihres Exmannes Schröder nicht verkneifen: Sie überlegt,
Meisterwerke der Grafischen Sammlung auszustellen, da sie in der Albertina
ohnedies nicht gebraucht zu werden scheinen, die Bevölkerung aber sehr wohl das
Recht habe, die einzigartigen Meisterwerke nach einem Jahrzehnt der
Albertina-Schließzeit auch im Original studieren zu dürfen.
Dabei zeigt
Schröder schon auch Originale. Mitte Juni lud die Albertina "zur Eröffnung der
Ausstellung von Gerhard Weisshappel Bilder 2000-2003 in die Pfeilerhalle" ein.
Der Maler taucht zwar in keinem renommierten Künstlerlexikon auf, ist aber
Eigentümer der Plot-EDV-Planungs- und HandelsgesmbH und wird, wie Die Presse
berichtete, unter den Albertina-Sponsoren als Patron gelistet.
Aber
wetterte Schröder nicht einst gegen Wilfried Seipel, den Generaldirektor des
Kunsthistorischen Museums, der im Palais Harrach die Kunstwerke des ägyptischen
Kulturministers präsentierte? Schnee von gestern. Oder sogar vorgestern:
Schröder soll schon einmal, '97, eine "überschwängliche Laudatio auf den
Künstler" gehalten haben. Dieser kann nun in seiner Biografie vermerken, in der
berühmten Albertina ausgestellt zu haben. (Dass er die Pfeilerhalle anmietete,
wird er vielleicht nicht erwähnen.) Und die Albertina? Vielleicht sollte sich
der Direktor Sorgen um deren Ruf machen. (DER STANDARD, Printausgabe,
10.7.2003)