Im schwarzgrau glänzenden Discoanzug mit tiefgezogener Kapuze sitzt die junge Frau auf der Bank, ein anderer bewegt sich langsam hin zur dunklen Fläche an der Wand, streift mit dem Finger über seinen Arm, zieht eine Spur über das Bild. Jede Bewegung begleitet von schrillem Klanggewirr. Langsam entschlüsselt sich die Szene: Die dunkle Fläche besteht aus zusammengeklebten Kassettenbändern voll ausrangierter Lieblingssongs, die mit winzigen Tonköpfen auf den Fingern abgetastet werden und über Lautsprecher in der Messehalle ertönen.
Die Performance des jungen Künstlers Martin Rille findet jeden Tag
am Stand der Angewandten statt und gehört zu den bemerkenswerten
Überraschungen der diesjährigen „Viennafair“. 129 internationale
Galerien nehmen an dieser fünften Ausgabe teil, darunter 29 aus
Osteuropa. Mit dem CEE-Schwerpunkt (Central East Europe) hat sich die
eher kleine, aber sehr feine Wiener Kunstmesse einen konkurrenzlosen
Platz im internationalen Messekalender erobern können.
Lauter
rote Punkte. „Wir kommen sehr gern, weil hier eine perfekte
Präsentation im westeuropäischen Markt beginnen kann“, erklärt Susanna
Janin von „Lokal 30“ in Warschau ihre bereits vierte Teilnahme. Auch
die osteuropäischen Galerien setzen auf junge Positionen, und verstärkt
durch die 13 Einzelausstellungen in der „Zone 1“ hat sich die
„Viennafair“ dieses Jahr ein neues Profil geschaffen: Hier gibt es viel
Neues zu entdecken, und das meist in einem Preisrahmen von 100 bis
10.000 Euro. Lauter rote Punkte kleben neben den kleinen Boxen mit
Minimenschen vor Strandfotos von Marko Zink bei Lisa Hämmerle für 120
Euro. Auf großes Interesse treffen auch Heike Webers Postkartenschnitte
für 320 Euro bei der Berliner Galerie Rasche Ripken: Weber schneidet
den Postkartenzebras die Streifen aus, die Wände des historischen
Hauses scheinen herausgefallen, das Riesenrad ist ohne Gondeln.
Straches
Fingerabdruck. Am Stand von Andreas Huber, der den diesjährigen
Galerienpreis der Wirtschaftskammer für seine „fundierte Aufbauarbeit“
erhalten hat, zieht Leopold Kesslers Werk magnetisch an: Der Künstler
klettert auf einer Leiter am Plakat von HC Strache hoch und zeichnet
dessen Daumenabdruck ab. Kessler ist einer der wenigen in Österreich
lebenden Künstler, die immer wieder an internationalen Biennalen
teilnehmen. Solche Auftritte müssten vom Kulturministerium viel stärker
gefördert werden, um die hier vorhandene, hohe Qualität der Kunst
global zu vernetzen. Es wäre eine notwendige Ergänzung zu den nach
innen gerichteten Unterstützungen wie den Förderpreis für junge Kunst
(heuer Christoph Weber) und den Ankäufen. So hat Ministerin Schmied in
der Galerie Nächst St. Stephan ein großformatiges Bild des polnischen
Malers Adam Adach angekauft – „Ministry of things not done“
(Ministerium der ungetanen Dinge, 22.000 Euro).
Junge Kunst ist der eine Schwerpunkt der Messe, eine offene Raumarchitektur der andere. Immer wieder öffnen sich die Galeriestände zu zentralen Plätzen, die mit markanten Werken zu Treffpunkten werden. Der für seine performativen Skulpturen berühmte Schweizer Roman Signer hat am Stand der Galerie Martin Janda die vier dicken roten Säulen mit seinem Fahrrad umkreist, hinter sich ein gelbes Band herziehend. Jetzt sind die sperrigen Raumelemente in ein farbenfrohes Kunstwerk transformiert. Gleich gegenüber schwankt Thomas Baumanns leuchtende Discokugel wie ein Wegweiser hin und her. Von spannenden Ausstellungsanfragen berichtet Galerist Peter Krobath, denn heuer sind nicht nur hochkarätige Sammler unterwegs, sondern auch zahlreiche Museumsleiter und Kuratoren.
Wenn das Fachpublikum am Wochenende dann von der Messe in die Stadt
ausschwärmt, die großartigen Ausstellungen des Projekts „curated by“ in
den Galerien besucht und in der ehemaligen Markthalle Wien-Mitte junge
Kunst bei „Breathless“ entdeckt, dann öffnet die „Viennafair“ am
Muttertag die Tore bei freiem Eintritt für Mütter und Kinder –
vielleicht auch zur Nachwuchsförderung?
diepresse.com/viennafair
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