Außer Konkurrenz befände sich aber auch die Slowakei, Slowenien, Polen, Zypern usw. Und würde diese Präsentation "zeitgenössischer Kunst aus den zehn neuen Beitrittsländern" nicht in einer langen Reihe von Erweiterungsausstellungen stehen, die sich mit den Kunstszenen dieser Länder unter anderem auch sehr differenziert auseinander gesetzt haben, müsste man davon ausgehen, dass das Zeitgenössische dort einfach sehr alt aussieht.
Verglichen mit dem einfallslosen kuratorischen Ansatz von Lóránd Hegyi, Raminta Jurenaite und Evelyn Weiss erweisen sich die einzelnen künstlerischen Arbeiten (Installationen, Skulpturen, Videos und Malerei) dann aber doch wieder als ziemlich gehaltvoll. Denn während sich die Künstler und Künstlerinnen in ihren Arbeiten zumindest mit mehr oder weniger banalen Themen auseinander setzen, konzentrierten sich die Kuratoren offenbar nur‑ auf die richtige Nationalstaatlichkeit.
Beim Ausstellungsrundgang erhärtet sich jedenfalls der Verdacht, dass auch die ausgezeichnete Videoarbeit "Untitled" von Ene-Liis Semper, die im Eingangsbereich projiziert wird, nicht primär aufgrund ihrer künstlerischen Qualitäten ausgewählt wurde.
In ihrem Video verarbeitet die international anerkannteste Künstlerin Estlands die Tatsache, dass sie von ihrem Mann betrogen wurde. Als Hase verkleidet, macht sie sich darin zur "Idiotin" und hoppelt wild gestikulierend durch den Raum, um ihren Gefühlen einen adäquaten Ausdruck zu verleihen.
Ähnlich intensiv wirken nur noch die Arbeiten von Kristine Kursisas. Auch sie erzählt in ihren Videos "Women and Wolves" und "Rubik's ^Cube" Geschichten, in denen die psychischen Zustände der Protagonistinnen im Mittelpunkt stehen. Ganz anders als Ene-Liis Semper verleiht diese ihren Gefühlen allerdings keinen sehr beredten Ausdruck, und was die Figuren in den seltsam undefinierbaren Räumen zu ihren merkwürdigen Handlungen bewegt, kann nur erahnt werden.
Damit bedient sich Kristine Kursisas aber auch einer künstlerischen Strategie, die in der Ausstellung positiv aus dem Rahmen fällt. Denn während ihre Videos die Fantasie der Betrachter anregen, weil sie nicht eindeutig lesbar sind, steht man angesichts der prominent platzierten Installation "Time will show" der lettischen Künstlergruppe Famous Five vor längst abgehandelten Tatsachen.
In einer platten Nachahmung Nam June Paik'scher Medienkritik thront ein Sarg auf einem hohen Sockel, der mit künstlichen Blumen geschmückt ist. Im Sarg befindet sich ein Monitor, der hier einmal mehr als böses zeitgenössisches Götzenbild fungiert. Mit Idee und Ausführung können sie genauso wenig punkten wie die Kuratoren der Schau. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2004)