Salzburger Nachrichten am 6. Juli 2005 - Bereich: kultur
Terror und Kunst: "Prada-Meinhof"

Begleitprogramm zur RAF-Ausstellung in Graz - Peter Pilz, Astrid Proll und Klaus Pflieger im Gespräch

GRAZ (SN-m.b.). Er sei damals ein revolutionärer Marxist gewesen, habe Haschisch geraucht und auf dem Wiener Naschmarkt Plakate gegen den Vietnamkrieg geklebt, sei aber nie ein Sympathisant der RAF gewesen, erklärte der grüne Nationalratsabgeordnete Peter Pilz Montagabend in einer Begleitveranstaltung der RAF-Ausstellung "Zur Vorstellung des Terrors" in der Neuen Galerie. Sowohl die RAF als auch die "Bewegung 2. Juni" hätten mit ihren Gewaltakten der linken Ideologie stark geschadet, für ihn seien die Mitglieder dieser Organisationen schon damals "politisch und moralisch erledigt" gewesen. Zur derzeit in Graz laufenden Ausstellung über die RAF (die SN berichteten) merkte der Grün-Politiker an, dass bei den künstlerischen Arbeiten "Zorn und Empörung über die Gewalttat" nicht Grundbedingung sein müssen. Was ihn an der in Deutschland heftig diskutierten Schau fasziniert habe? "Die Jämmerlichkeit der Personen, die Terroristen waren. Und doch konnten sie dem Staat so große Wunden zufügen, an denen er noch heute laboriert."

Bereits in der Vorwoche hatte die ehemalige RAF-Aktivistin Astrid Proll über ihre Haltung zum Thema Kunst und Terror referiert. Proll schätzt den Dokumentationsteil der Ausstellung weitaus höher als die künstlerischen Arbeiten ein. "Ich habe das Gefühl, dass sich einige auf die Faszination des Verbotenen draufsetzen, um damit international zu reüssieren", erklärte die 58-Jährige, die 1971 als eine der ersten RAF-Terroristinnen verhaftet wurde. Sie zählte zum Kreis der Kaufhausbrandstifter, war an den Anschlägen aber nicht direkt beteiligt. Ihre Verurteilung wurde später aufgehoben, heute arbeitet sie als Bildredakteurin, sie hat auch den Fotoband "Hans und Grete. Die RAF 1967-1977" herausgegeben. Der "Radical Chic" von "Prada-Meinhof", Andi Baader im BMW, sei in der Kunstszene zu einem Trend avanciert. "Wir sind zu Popikonen stilisiert worden. Offenbar haben wir einen kulturellen Subtext transportiert, der uns verborgen geblieben ist", sagte Proll und attestierte der RAF "Selbstüberschätzung". Man habe eine Revolution auslösen wollen und dabei als "Selbstauslöser" in einem "luftleeren Raum" agiert.

Die einst nach London ausgewanderte, geläuterte Terroristin beklagte, dass die RAF ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch das Ziel verfolgt habe, die Mitglieder der ersten Generation aus der Haft zu befreien.

Der deutsche Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger listete die Geschichte der RAF detailreich auf, erklärte, dass 95 Prozent der einst gesuchten Personen gefasst wurden. Pflieger, der in etlichen RAF-Strafprozessen tätig war, übte Kritik am Umstand, dass im Fall des entführten CDU-Politikers Peter Lorenz auf die Forderung der Geiselnehmer eingegangen worden sei. "Der Staat darf sich niemals erpressen lassen, denn wenn er einmal nachgibt, hat dies nur weitere Straftaten zur Folge", betonte der 58-Jährige.