Nie mehr Coole!
![]() |
| |||||||||
diesen Falter bestellen | ||||||||||
Hinter Kennyboy sind alle her. Er ist mit dem Skateboard aufgewachsen
und weiß, wie 14-Jährige das Brett über das Geländer schleifen, mit
welcher Haarfarbe sie die Haarspitzen ihres Irokesen behandeln. Er
kennt die Logos auf den Basketballshirts der Breakdancer und die von
Human Beatboxern (das sind die, die mit dem Mund HipHop-Beats erzeugen)
getragenen Old-School-Hüte. Seine Sportkleidung stopft er in eine
Crumpler-Tasche, bevor er sich eine Dose Red Bull aufmacht. Kennyboy
ist ein Alphakonsument, der Fotos von seiner Geburtstagsparty an eine
New Yorker Agentur schicken könnte. Denn er lebt vor, was in der
nächsten Saison zum Mainstream wird, vielleicht. In den Augen der
Marktforschung gilt Kennyboy als cool.
Die Ausstellung „Coolhunters“ im Künstlerhaus stellt die Welt dar, in
der Kennyboy und Millionen anderer Jugendlicher zwischen elf und 25
Jahren leben. „Für die Kids heißt Coolsein, einen eigenen Stil gefunden
zu haben“, sagt Klaus Neumann-Braun, der mit Birgit Richard und Sabine
Himmelsbach die mit dem Karlsruher ZKM koproduzierte Ausstellung
kuratiert hat (siehe Infobox). Allerdings hat für Teenager der Begriff
„cool“ wenig mit dem zu tun, was sich Trendforscher darunter
vorstellen.
Es geht ihnen weniger um stilistische Details, sondern darum, Selbstständigkeit zu demonstrieren.
Coolness war das Mantra der Jugendkultur, das Waffensystem aller
Stilkriege. Nach dem vom Subkulturtheoretiker Dick Hebdige 1979
entwickelten Schema folgen subkulturelle Stile dem Zyklus von
Opposition und Entschärfung, von Widerstand und Vereinnahmung. „Das
stimmt nicht mehr“, sagt Birgit Richard. „Alle Stile sind da.“ Gothic,
Punkrock, vor allem aber HipHop und Techno. Allerdings sei die
Abgrenzung durch stilistische Extreme nicht mehr möglich. „Die passiert
in winzigen, für Erwachsene nicht sichtbaren Differenzen“, so Richard.
Auch die Attraktivität der Subkultur für den Mainstream sei überholt.
Die Unterwerfung unter bestimmte Stildiktate würde als Unfreiheit
empfunden. In den Achtzigerjahren hieß es noch: „Ich wäre gerne Punk,
trau mich aber nicht.“ Heute lassen sich, so Neumann-Brauch, die 97
Prozent Normalos nicht mehr von den drei Prozent, die „im Hardcore
leben“, beeindrucken.
Die Kuratoren selbst lassen sich unschwer einer der beiden Gruppen
zuordnen. Birgit Richards Stilkarriere begann in der Industrial- und
Gothic-Szene und führte in die Techno-Kultur der Neunzigerjahre. Der
Normalo Klaus Neumann-Braun las Ende der Sechzigerjahre die Zeitschrift
Ok, der Flexischeiben mit Grußbotschaften von Beatles-Sänger Paul
McCartney, dem Mediator zwischen Sixties-Underground und besorgten
Elternhäusern, beigelegt waren.
Für die Markenartikelindustrie waren die Angepassten lange lediglich
als Konsumenten interessant. Sie hatte die Konsumavantgarde im Visier,
deren Energie die globale Produktentwicklung vorantreiben sollte.
Authentizität, Glaubwürdigkeit, Unverwechselbarkeit: Junge Menschen
suchen nach Werten, in denen sich die Markenentwickler wiedererkennen.
Ein anderes Wort für diesen wertvollen Rohstoff ist Coolness. Man
riecht sie nicht, man sieht sie nicht, dennoch macht sie eine Blue Jean
oder einen Actionfilm zu einem Millionenseller.
Der Absatzmarkt für jugendliche Konsumenten vergrößert sich stetig. An
die 21 Milliarden Euro standen 2004 den 13- bis 20-Jährigen in
Deutschland zur Verfügung, in den USA waren es 140 Milliarden. Die
Kleinen reden ein wichtiges Wörtchen mit, wenn die Großen einkaufen
gehen: das Flugticket für den Urlaub oder das Mountainbike. Mit dem
Computer sind sie zu den Cheftechnikern der Familie geworden. Wie aber
kommt man an sie ran? Eine Theorie lautet: Was coole Menschen essen,
reden und wie sie sich kleiden, ist ein Indiz dafür, was die Normalos
in der nächsten Saison tragen werden. Dieses Wissen ist Unternehmen
eine Stange Geld wert. Sie wenden sich an Leute wie Irma Zandl, um an
die Informationen heranzukommen.
Die in New York lebende Deutschaustralierin erfand den Begriff des
„Alphakonsumenten“. In einem Buch beschrieb sie 1992 Alphakosumenten
als „Leute, die instinktiv Trend setzen, denen viele andere folgen
werden“.
Mitte der Achtzigerjahre hatte sie begonnen, ihre aus dem Bauch heraus
entstandenen Ratschläge an Unternehmen durch empirische Verfahren
abzusichern. 3000 Jugendliche im Alter von acht bis 24 Jahren erstellen
heute für die Firma Zandl Group Listen cooler Dinge. Sie werden in
Einkaufszentren angesprochen und beantworten Fragebögen über ihre
Lieblingsaktivitäten oder die Lieblingsbands. Zusammen mit einem
Porträtfoto landen sie in Zandls Kartei. Sie selbst hat stets eine
Videokamera dabei, um die Gespräche junger Leute festzuhalten. Das
Material wird ausgewertet, das Ergebnis in der zweimonatlichen
Publikation Hot Sheet publiziert. Zu den Abonnenten zählen Bacardi oder
Disney. Kostenpunkt: 15.000 Dollar jährlich.
Von Alphakonsumenten will Zandl inzwischen nichts mehr wissen. „The
center is the new edge“ („Die Mitte ist der neue Rand“), gab sie vor
zwei Jahren dem Time Magazine zu Protokoll. Die Zukunft des Mainstreams
ließe sich besser in einer Filiale der Supermarktkette Wal Mart
studieren als am Beispiel der Indie-Kino-Ikone Chloë Sevigny.
Marktforscher verwandeln sich immer dann zu begehrten Propheten, wenn
die meist älteren Herren in der Chefetage die Welt nicht mehr
verstehen.
Das war etwa Anfang der Neunzigerjahre so. Da entdeckte die
Werbewirtschaft die Altersgruppe 14 bis 29 und bescherte den TV-Sendern
Wachstumsraten von über 15 Prozent.
Am Ende des Jahrzehnts war es das Internet, das die Welt der
Medienplaner durcheinander wirbelte: Über Nacht wollte jeder online
gehen. Managern, die einen Server für einen Kellner hielten, sollten
Trendscouts nun sagen, wohin sich der Cyberspace ausdehnt. Heute
greifen sie wieder auf die Ergebnisse von Telefonumfragen zurück. Je
arrivierter das Business, umso traditioneller werden die Instrumente
der Marktforschung.
Auch der Begriff Coolhunter (ein anderes Wort für Trendscout) stammt
aus den Boomjahren der New Economy. Er kam 1997 durch einen Artikel der
Zeitschrift New Yorker auf, wo von Trendforschern berichtet wird, die
das Gespräch Jugendlicher belauschen und hippe Stadtviertel nach
innovativen Geschäften oder neuen Essgewohnheiten durchsuchen. In einer
Zeit, in denen sich mit einer modischen Website und ein paar flotten
Schlagwörtern die Aktien neu gegründeter Unternehmen in die Höhe
treiben ließen, wurden jene, die in den Sternen der Konsumkultur lesen
konnten, selbst zu Stars.
Die in dem New Yorker-Artikel genannte Dee Dee Gordon wurde zum
Inbegriff einer Coolhunterin. Damals war sie die Herausgeberin der
Publikation „L Style Reports“. Die kalifornische Lambesis Agentur
verfügt über einen Stilspionagering von „Urban Pioniers“, Leuten, die
im Film, der Mode oder der Musik Karriere machen. Die von der Vogue als
„Style Stalker“ titulierte Gordon hatte genug von der
Notizblockrecherche. Das durch das Internet beschleunigte „Feld“ der
Feldforschung sollte kein Acker sein, den man mit dem Pflug bearbeitet.
Daher gründete sie 1999 zusammen mit Sharon Lee das Trendbüro Look-Look, dessen Umfragen auf Onlinerecherchen beruhen.
Für Gordon ist die Jugendkultur eine „unzensurierte, raue Stimme“,
deren Ideen und Fantasien sie „mit dem Rest der Welt teilen“ möchte.
Eine Armee von etwa 20.000 Teenagern füttert sie mit Informationen. Auf
der Look-Look-Website kann man sich bewerben. Die „Feldkorrespondenten“
bekommen digitale Kameras, halten damit etwa fest, wie in ihrer
Umgebung Partys gefeiert oder welche Konzerte besucht werden. Sie laden
die Filme und Fotos auf ihren Laptop runter und schicken sie, mit
kurzen Kommentaren versehen, an sogenannte
„Jugendinformationsspezialisten“. Der Lohn beträgt monatlich siebzig
Dollar.
Die Methode der Marktforschung hat sich zwar geändert, das alte
Subkulturschema bleibt von Gordon aber unangetastet. „Wir schauen auf
die zwanzig Prozent Trendsetter, die die anderen achtzig Prozent
beeinflussen.“ Gordons Partnerin Lee schwärmt in einem Interview für
Douglas Rushkoffs Filmdoku „Merchants of Cool“ über ihre junge
Zielgruppe: „Sie sind deshalb so tolle Konsumenten, weil sie sich nicht
um die Miete kümmern müssen und darum, wie viel das Auto kostet.“
Auch wenn Agenturen wie Look-Look, Youth Intelligence, das deutsche
Institut Ears and Eyes oder die in Wien und Hamburg ansässige T-Factory
ihr Geld mit dem an Firmen verkauften Insiderwissen über das Verhalten
von Jugendlichen verdienen, ist der Erkenntniswert ihrer Ergebnisse
umstritten. So begannen die Raver Mitte der Neunzigerjahre, alte
Sneakermodelle wieder zu tragen. Prompt legten Marken wie Puma und
Adidas ihre Museumsstücke neu auf. Der von der Stilfront empfohlene
High-Heeled-Sneaker von Puma war allerdings ein Flop. Auch die
Küchenschürze für Männer konnte sich nicht durchsetzen. Das Internet
hat die Verbreitung von Coolness-Informationen so stark beschleunigt,
dass der Informationsvorsprung der Insider ins Nichts zu verpuffen
droht.
Neue Musikrichtungen oder Labels verbreiten sich nicht durch
Musikkassetten oder Fanzines, sondern durch Downloads, E-Mails und SMS.
Das könnte das Wissen der Trendagenturen bald überflüssig machen. „Was
passiert, wenn die Kluft zwischen coolen und uncoolen Kids unter dem
Druck der Informationstechnologien zusammenbricht?“, fragt das Time
Magazine. „Ist es dann cool, uncool zu sein?“
Wenn der Begriff „cool“ in der Krise ist, dann sind es auch Coolhunters
und Trendscouts. „Wir versuchen weniger, die Jugendkultur von außen zu
‚erforschen’, als vielmehr Bestandteil ebendieser zu sein. Und dafür
gibt es kein formalisiertes Herantreten wie durch Trendscouts“, heißt
es aus der Marketingabteilung von Red Bull. Wibke Fleischer vom
Hamburger Trendbüro schluckt erst einmal, als sie den Begriff hört.
„Wir nennen unsere Mitarbeiter Korrespondenten.“ Sie schicken Fotos und
Berichte über auffällige Veränderungen bei Essgewohnheiten oder
Kulturkonsum nach Hamburg. Manche von ihnen arbeiten als Journalisten
oder auf Universitäten, viele sind aber noch unter zwanzig, sodass sie
einfach die Eindrücke festhalten, die sie beim Ausgehen sammeln. „Es
geht dabei nicht um In-und-Out-Listen, sondern um längerfristige
Entwicklungen.“ Im letzten Winter waren bunte Gummistiefel gefragt.
„Unser Kunde kann damit wenig anfangen, weil er mit seinem Produkt dann
zu spät dran wäre.“ Wohl aber mit der Tatsache, dass immer mehr
Erwachsene „Harry Potter“-Romane lesen und sich „Superman“-Filme
anschauen. Daraus lässt sich dann ein Trend mit dem Namen Kidols (Kids
plus Idols) destillieren, die Verkindlichung der Erwachsenenwelt.
Dabei ist die Zielgruppe unter 13, die noch nicht vom Stilvirus der
Coolness infiziert ist, längst für den Markt erschlossen. Die
Werbewirtschaft gibt in Deutschland jährlich 150 Millionen Euro für die
Drei- bis 15-Jährigen aus. Und daher gibt es ab September auch Nick,
das MTV für Kinder (in Österreich vorerst nur über Satellit zu
empfangen).
Nick ist ein virtueller Kindergarten, der 24 Stunden offen hat. Ein
repräsentatives Sample der Gesellschaft für Konsumentenforschung ergab,
dass die Kinder bereits um sieben Uhr in der Früh vor der Glotze
sitzen.
Das Sandmännchen kommt nicht mehr um 19 Uhr, sondern erst gegen 21.15
Uhr. In Zukunft müssen die Kleinen nun nicht mehr mit den Eltern
„Tatort“ schauen. Ihre TV-Bedürfnisse wurden bereits erforscht,
spielerisch. „Mal doch mal deine Lieblingscomicfigur“, wurden sie von
den Nick-Mitarbeitern aufgefordert. Oder: „Zeichne doch, was dir zum
Fernseher einfällt.“ So stellte sich etwa heraus, dass Mädchen zwischen
neun und 13 mit japanischen Comicfilmen nichts anfangen können. „Kid
're getting younger older“, hieß es im Sog des Coolness-Hypes. „Das
sind Schlagwörter“, sagt ein Programmentwickler von Nick, der nicht
genannt werden möchte. „Die Bedürfnisse sind dieselben geblieben:
Schutz, Geborgenheit, Sicherheit.“ Ganz wie in der Werbewirtschaft. In
Zukunft wird wohl auch der Schutzengel einen Sponsor haben.
nur mit schriftlicher Genehmigung der Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H. gestattet.





