
Venedig - Rosa Martinez versucht einleitend zu ihrer Ausstellung Always a Little Further im Arsenale den Begriff der "Neighbourliness" zu prägen. Er wird sich nicht durchsetzen, auch wenn von Pascal bis Edward Said, von Don Quixote bis Hannah Arendt, von Columbus und Marco Polo bis Hugo Pratts "Corto Maltese" alles aufgeboten wird, "the horizontaly of the nearby" als demokratischen Wert dem "Spiel der hierarchischen Gegensätze", das für westliche Metaphysiken so typisch sei, entgegenzusetzen. Oft ist aber das Tolle an Künstlern doch gerade die (ästhetische) Gewalt, mit der sie klarstellen, dass sie ihre Nachbarn eben nicht mögen.
Im Sinne der Nachbarschaftlichkeit jedenfalls wurde das Arsenale aller Stellwände entleert, die anlässlich vorhergehender Großevents hochgezogen worden waren, um Video von Video, Installation von Installation, Malerei von Sound, Skulptur von sonstig Raumgreifendem zu trennen. Und auch sonst wurde penibel darauf geachtet, plakative Gerechtigkeit walten zu lassen. Frauenanteil: korrekt! Globale Ausgewogenheit der ausgestellten Positionen: korrekt! Inhalte: ausgewogen! Armut/Reichtum, Islam-Kritik/Islam-Verständnis, private Mythologie/Welterklärungsmodell: alles da, alles legitim, alles schön nebeneinander - passt!
Plakativkunst Und für Freunde des raschen Showeffekts ist auch noch etwas eingebaut: Im Dark-Room wird einem mittels Videoprojektion der Boden rasant unter den Füßen weggezogen. Super, man kommt sofort ins Trudeln! Und erkennt dabei den Wahnsinn der Industriegesellschaft. Denn was uns den festen Stand raubt, ist Müll auf dem Förderband Richtung Verbrennungsanlage. Wenn wir da nicht verdammt aufpassen, werden wir gleich mit verbrannt - selbst verschuldet!
Von dieser Übung in Plakativ könnte man sich von den Videos des Albaners Adrian Paci durchaus wieder in Tiefen führen lassen, seinen möglicherweise durch die Distanz zur eigenen Tradition traumatisierten, oder auch nur individuell bestimmt, melancholischen Figuren ewig beim Missverstanden-Werden zuschauen. Bloß setzt das weltoffene Ausstellungskonzept den gackernden Brachialhumor der Moskauer Gruppe Blue Noses in Pacis Vorgarten.
Und dann ist es vorbei mit Pasolini-Feeling, dann will über derbe Situationskomik von Männern gelacht werden, die vorgeben, im fortgeschrittenen Stadium der Selbsterkenntnis angelangt zu sein. Ähnlich kontrastsicher agiert Rosa Martinez gleich zum Auftakt ihres Parcours: Sie überlässt den auch schon wieder etablierten Guerrilla-Girls das Intro (Do woman have to be naked to get into the Met.Museum? . . .) und sucht deren Präzision vermittels eines Kronleuchters aus 1000 Tampons der Französin Joana Vasconcelos zu toppen.
Die Flucht in Mariko Moris längst zu Tode ausgestelltem Wave UFO scheitert im Ansatz. Das Wissen um die mittlerweile in jeder besseren Sauna in der Thermenregion praktizierte Farb- und Soundfetzentherapie im Inneren der schnittigen Schüssel lässt alle Hoffnung auf Abschottung schwinden.
Verwertbarkeiten Bleibt zu bestätigen, was längst festgestellt wurde: John Bock ist ein guter Performer, und solange er Videos mit (romantischer) Handlung produziert, sind die auch fein anzusehen. Die allgegenwärtigen Relikte seiner Performances aber vermögen bloß - fein säuberlich in Einzelstücke geteilt und mit Bedeutungsschwere aufgeladen - tüchtige Dealer zu überzeugen.
Und was eigentlich macht Rem Koolhaas, der geschickteste aller Verwerter von Drittgedanken, in dieser Ausstellung? Auf großen Plakaten kommentiert er Ausschnitte von schicken Museen. Will Rosa Martinez damit etwa Ghada Amer (New York) nahe legen, dass ihre lesbaren Gartenanlagen Donna Conlon (Atlanta) darauf vorbereiten, dass ihre Urban Phantoms und all ihr Widerstand gegen die alles korrumpierende Fetischisierung früher oder später ja doch ins schicke Design einer Prada-Filiale eingehen werden?
Zeigt Rosa Martinez uns spröde Vorstufen für Liebhaber, die später durch Dritte markttauglich umgesetzt Kapital einfahren werden? Fragen über Fragen. Der gute Nachbar Rem Koolhaas jedenfalls wäre als Vorbild da, wenn's brennt. Hilfsbereit bis zum Großgrundbesitz. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.6.2005)