| Salzburger Nachrichten am 5. Juli 2005 - Bereich: kultur
Vorreiter für Tanz Sigrid Gareis bleibt bis
2009 Intendantin des Wiener Tanzquartiers. Im SN-Gespräch zieht sie Bilanz
über ihre erste Amtsperiode.
SILVIA KARGL Interview Innerhalb von vier Jahren etablierte sich das
Tanzquartier im Wiener Museumsquartier als ein lokal wie international
viel beachtetes Zentrum für zeitgenössischen Tanz. Das Tanzhaus setzt auf
Mut zum Experiment, Künstlerorientierung und Interdisziplinarität. Neben
Uraufführungen und Gastspielen bietet das Tanzquartier ein Theorie- und
Informationszentrum sowie Workshops und Training an. Der Vertrag von
Sigrid Gareis als künstlerische Leiterin wurde heuer bis 2009 verlängert.
Zum Ablauf ihrer ersten Intendanzperiode zieht sie eine
Zwischenbilanz. Wie sind Ihre Erfahrungen nach vier Jahren als Intendantin einer neuen
Kulturinstitution? Gareis: Österreich ist ein Kulturland, Wien die Spitze
mit einer immensen Leistung für Kultur. So ist das künstlerische
"Schlaraffenland" Österreich eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Hier
zählt nicht nur die Kasse, sondern es gibt eine Achtung gegenüber der
Kunst, die sich nicht allein in Quoten niederschlägt. Meinen Kollegen aus
Deutschland und anderen Ländern fällt dieser Unterschied sofort auf. Gab es auch negative Überraschungen? Gareis: Manches war schlimmer als
je vermutet. Die sprichwörtlichen Wiener Intrigen fanden zwischenzeitlich
täglich statt. Eine Kritik wird hier immer sehr persönlich. So war
besonders mein Beginn wie eine Achterbahnfahrt: Ich wusste, Wien ist eine
traditionelle Stadt. Aber dann kam das ständig wachsende, sich immer mehr
auf Tanz einlassende, aufgeschlossene, phänomenal gute Publikum. Gegenüber
der ersten Saison erwarten wir eine Verdoppelung der Besucher. Welche Rolle spielen internationale Koproduktionen im Tanz? Gareis: Sie
sind deswegen so wichtig, weil viele Compagnien aufgelöst wurden. Diese
Tänzer möchten die Veranstalter aufnehmen. Eine Hundertschaft an
Einzeltänzern lebt vom nomadischen Künstlertum und bekommt Möglichkeiten
zum Schaffen wie zum Überleben. Besonders angetan bin ich auch von
österreichischen Choreografen, die bis vor wenigen Jahren bei
internationalen Festivals kaum vertreten waren und jetzt berechtigt
reüssieren. Wir haben in Wien durch unsere diskursive Haltung, offene
Projekte und Labors ein unverwechselbares Profil. So ein Modellhaus hat es
bislang im internationalen Tanzbereich noch nicht gegeben. Wir sind
Vorreiter in einer Bewegung, die immer mehr durchschlägt. Wohin entwickelt sich der zeitgenössische Tanz? Gareis: Im Moment sehe
ich keinen Tanzboom, sondern eine Orientierungsphase. In den letzten
Jahren war die Körperbetrachtung ein zentrales Thema, nun werden
Bewegungen aus einem konzeptuellen Blickwinkel heraus neu interpretiert.
Angeregt von William Forsythe entstehen viele installative Arbeiten. Auch
der Volkstanz wird aus puristisch-formalen Aspekten heraus neu gesehen.
Der Tanz hat ein beständiges hohes Niveau erreicht, beeinflusst andere
Sparten, wie beispielsweise in Marthalers Inszenierungen zuletzt bei den
Wiener Festwochen zu sehen. Doch wenn es Sparmaßnahmen gibt, ist der Tanz
davon zuerst betroffen. Das Ballett ist heute trotz hoher Qualität und
großer Tradition gefährdet. Was plant das Tanzquartier für die nächste Saison? Gareis: Ein Programmschwerpunkt ist "I say I". Das "Ich" ist im Tanz
sehr stark, wir wollen aber weit über Biografisches hinausgehen, auch ein
begleitendes Symposium veranstalten. Dazu arbeiten wir mit Partnern aus
der Musik wie dem Salzburger Mozarteum, dem Mozartjahr Wien 2006 und Wien
modern zusammen. Weiters werden wir erstmals alpenländischen Volkstanz
präsentieren. Neben zehn bis fünfzehn Premieren gibt es wieder Freiräume
wie die Factory Season.Informationen zum Tanzquartier Wien im Internet:
www.tqw.at |