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vom 25.08.2006 - Seite Ars
Das menschliche Gehirn besser nutzen

Technologie-Themen am Brennpunkt der Zeit sind Markenzeichen des Festivals Ars Electronica in Linz. Heuer beleuchtet es von 31. August bis 5. September das Spannungsfeld zwischen einer immer komplexeren Welt und dem Wunsch nach Übersicht. Das Motto: "Simplicity - the art of complexity." Gerfried Stocker und Christine Schöpf, das Festival-Leitungsduo, im OÖN-Gespräch.

VON SILVIA NAGL

OÖN: Wie übersetzen und definieren Sie das diesjährige Festival-Thema?

STOCKER: Kurz gesagt: Einfachheit - die Kunst des Komplizierten. Etwas länger erklärt: Simplicare bedeutet einmal falten. Die wörtliche Übersetzung wäre Einfältigkeit, doch das hat in unserer Sprache eine andere Bedeutung. Im Gegensatz zu simplicare bedeutet Komplexität das mehrfach Gefaltete. Also: Etwas, das sehr kompliziert ist, so zu formulieren, dass es möglichst einfach verständlich ist, ohne es aber zu reduzieren.

SCHÖPF: Eigentlich müsste man den Titel mit einer Frage übersetzen: Welche Strategien gibt es, die uns umgebende komplexe multimediale Welt auf ein menschliches Maß zu reduzieren? Das kann nicht damit funktionieren, dass wir uns von der Technologie abwenden und uns ins "einfache" Leben zurückziehen. Dazu ist unsere Kommunikation in sämtlichen Lebensbereichen schon viel zu sehr von ihr geprägt, und vieles ist auch viel leichter geworden, geht schneller, direkter.

Es geht darum, zu hinterfragen, ob wir das alles in dieser Vielfalt überhaupt brauchen. Die Industrie packt immer mehr Features auf unser Handy und unseren Computer, miniaturisiert alles und treibt damit nicht nur unsere Begehrlichkeiten - denn natürlich muss es immer wieder die nächste Handy-, Computer-, Gaming-Generation sein -, sondern auch Preise und Umsätze nach oben. Das ist aus industrieller Sicht verständlich, aber müssen/sollen wir dabei mitmachen?

Diesen Fragen wollen wir uns aus verschiedenen Blickwinkeln nähern: technologisch, gesellschaftlich, politisch ebenso wie philosophisch und künstlerisch. Die Handys und Computer wegzuwerfen und uns aufs einfache Leben in der Natur zurückzuziehen halte ich für verfehlt. Wir müssen uns allerdings dem Marktangebot gegenüber emanzipieren.

OÖN: Wie aber kann ein einfacherer Umgang mit der Technologie möglich werden?

STOCKER: Durch eine Kombination einer besseren, verständlicheren Technologie und dem Upgrading des menschlichen Gehirns. Der Mensch ist eine komplexe und hochintelligente - unter Anführungszeichen - "Maschine". Dieses Potenzial unseres Gehirns wird aber nur in geringem Ausmaß genutzt.

Wir haben uns mit dem Internet das ganze Wissen der Menschheit zugänglich gemacht. Und im Kopf haben wir diesen fantastischen Supercomputer. Zwischen diesen beiden Potenzialen gibt es einen Bildschirm und eine Tastatur. Dass diese beiden gigantischen Universen nicht besser zu verbinden sind, kann es ja nicht sein.

Wir müssen auch uns verbessern und lernen, mit diesen Systemen besser umzugehen. Wir lernen lesen, rechnen, laufen, Rad fahren. Da wird es ja möglich sein, auch die eigenen Fähigkeiten gegenüber neuen Technologien zu steigern. Das wird Thema des Festivals.

OÖN: Wie schauen konkrete Umsetzungen dieses Themas beim Festival aus?

STOCKER: Wir werden keine futuristischen Ideen zeigen, so in der Richtung, dass wir bald einen Stecker im Gehirn haben. Aber wir zeigen Modelle, wie jenes von Walter Bender beispielsweise, der fordert, dass ein Computer so entwickelt wird, dass er für 100 Dollar zu haben ist und eine Kurbel drinnen hat, der ihn unabhängig von einer Steckdose macht. Und der auch bei 40 Grad Hitze noch arbeitet. Die Technologie soll also so gebaut werden, dass möglichst viele Menschen diesen Computer nutzen können. Diese Thematik geht auch in den Bereich der Sozialpolitik hinein: Wie teuer und wie zugänglich ist Information? Auf dieser Ebene ist es für uns interessant, mit diesem Thema umzugehen.

SCHÖPF: Naturgemäß ist das Thema - wie immer - fokussiert im Symposion, das heuer von einem der ganz großen Vordenker und Künstler zum Thema Simplicity kuratiert wird. Aber wir werden es auch in künstlerischen Projekten umsetzen. Mobile City - also im öffentlichen Raum angesiedelt - ist eine Aufforderung zum Überdenken der aktuellen Kommunikationssituation jedes Einzelnen. Auch das DVBHProjekt in der Arkade wird kritische Fragen aufwerfen, denn TV aufs Handy zu bringen, wird von Fernsehanstalten, auch dem ORF, zurzeitÊganz zentral diskutiert.

In der Ausstellung im Brucknerhaus gibt es etliche künstlerische Arbeiten zu Simplicity. Und der "moonride" auf dem Hauptplatz, bei dem eine Menge Radfahrer einen Mond durch Körpereinsatz zum Leuchten bringen, ist eine wunderschöne Metapher zum Thema.

Ich glaube, dass wir mit dem diesjährigen Thema eine Diskussion auslösen oder weiterführen können, die sehr viel Zündstoff in sich birgt. Dass ein Festival die vielen Fragen nicht beantworten kann, ist klar, aber wenn es uns wieder gelingt, einen Diskurs in Bewegung zu bringen, haben wir schon viel erreicht.

OÖN: Orten Sie nicht auch eine große Sehnsucht nach einem so genannten einfacheren Leben, also ohne diese viele Technologie rund um uns?

STOCKER: Sehnsucht wird ein wichtiger Begriff beim Festival. Was liegt hinter dieser Sehnsucht? Es ist ja absurd: Wir Menschen glauben ständig, neue Technik entwickeln zu müssen, um das Leben einfacher zu machen. Kaum aber sind die Dinge da, wird schon gejammert, wie schlimm diese neue Technik ist. Deshalb wollen wir beim Festival auch auf die Psychologie der Mensch-Maschine-Beziehung eingehen. Diesen Part überlassen wir den Künstlern.

SCHÖPF: Davon bin ich fest überzeugt! Wir würden ja, wenn wir daran nicht glauben, dieses Thema nicht angehen. Es gibt mittlerweile viele kluge Köpfe, die ebenso in diese Richtung denken. Wenn man in Google den Begriff "Simplicity" eingibt, findet man in 2,6 Sekunden 103 Millionen Eintragungen. Das bedeutet: Hier hat ein Nachdenkprozess bereits eingesetzt. Ob der Handkurbel-Computer für Kids von Negroponte der Ansatz ist, ist zu hinterfragen, aber das ist immerhin ein erstes Beispiel. Kurz: Es denken viele darüber nach, und irgendwann wird sich das auch auf Entwickler und Industrie auswirken.

Christine Schöpf

Die Linzerin ist seit 1989 Leiterin des Ressorts Kultur und Wissenschaft im ORF-Landesstudio OÖ, seit 1979 in unterschiedlichen Funktionen an der Entwicklung von Ars Electronica beteiligt, seit 1996 mit Gerfried Stocker für die künstlerische Leitung des Festivals Ars Electronica verantwortlich.

ZUR PERSON

Foto: Artner

Gerfried Stocker

1964 in Judenburg geboren, begründete 1991 das x-space Team für die Umsetzung von interdisziplinären Projekten, arbeitete an Radio-Netzwerk-Projekten. Seit 1995 Geschäftsführer des AEC, seit 1996 mit Christine Schöpf künstlerische Leitung des Festivals Ars Electronica.

ZUR PERSON

Starmayr


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