10.07.2003 16:30
Der Mann, den die Bilder fanden
Der Fotograf Brassaï, von Henry Miller "das Auge von Paris" genannt, in
einer großen Werkschau in der Albertina - Foto
Brassaï, von Henry Miller "das Auge von Paris" genannt, zählt zu
den prägenden Fotografen des 20. Jahrhunderts und verbat sich dennoch,
"Berufsfotograf" genannt zu werden. Die Albertina zeigt, als Übernahme vom
Pariser Musée d'Art Moderne, eine Retrospektive.
Wien - Angefangen hat alles wie so oft mit dem Nachtleben: Brassaï
durchwachte die Pariser Nächte in so triebhafter Begleitung wie der von Henry
Miller oder des in den 30er-Jahren längst durch André Breton aus dem "Movement"
ausgeschlossenen Surrealisten Raymond Queneau.
Und dabei drängten sich
eben allerhand Bilder auf, ergaben sich im dämmrigen Alltag Situationen, die
sich mithilfe einer Kamera verdichten ließen.
Neben berühmten Plätzen und
Gebäuden waren das vor allem Konstellationen, an denen Freudenmädchen wesentlich
beteiligt waren, die Revuetänzerinnen prägten oder zumindest Liebespaare
bestimmten. Sie alle schwärmten Brassaï in die Optik. Der machte ein Buch aus
diesen anonymen Momenten - und wurde damit berühmt. Paris de Nuit erschien
1932.
Das Besondere daran: das Banale und Konventionelle aufzusaugen und
daraus etwas Neues und Packendes zu machen, einen Aspekt des Alltags so zu
zeigen, als sähe man ihn zum ersten Mal.
Ob des gewaltigen Erfolges wagte
sich Brassaï dann auch tagsüber auf die Straße - als Flaneur, der sich von den
Motiven suchen ließ. Brassaï (eigentlich Gyula Halász, aus Brasso im heutigen
Rumänien) war weder rasender Bildreporter, noch lauerte er geduckt
außergewöhnlichen Motiven auf oder jagte er nach Sensationen.
Eine
vollständige Chronik des Pariser Lebens lag ihm ebenso wenig am Herzen, wie es
ihn interessiert hätte, eine andere Stadt ähnlich intensiv zu entdecken. Der
Pariser Alltag genügte vollauf. Dirnen, Clochards, Straßenhändler, Auslagen,
belangloses Leben im Café, all das nährte seine Bilder.
Daneben
fesselten ihn die Landschaft der Bretagne und jene Spaniens. Porträts von
Schriftstellern, Komponisten und Malern, von Maillol, Bonnard, Braque, Beckett,
Ionesco und Messiaen für Harper's Bazaar ernährten ihn, "Picasso im Atelier"
wurde zu einem Leitmotiv.
Ab den 50er-Jahren werden seine Fotos weltweit
ausgestellt. Vielleicht die wichtigste dieser Präsentationen war 1951 Five
French Photographers im New Yorker Museum of Modern Art. Edward Steichen -
selbst Fotograf - versammelte dort neben Brassaï Henri Cartier-Bresson, Robert
Doisneau, Izis und Willy Ronis.
Was die Retrospektive des "Auges von
Paris" noch zeigt, sind Brassaïs Zeichnungen und Skulpturen aus Fundstücken, die
Bilder von Graffiti, die Brassai an Hauswänden fand, und mit den Malereien "in
den Höhlen der Dordogne und den Tälern des Nils und Euphrats" gleichsetzte.
Und die Werkgruppe der "Transmutationen", Foto-Grafiken, die er unter
dem Einfluss von Picasso entwickelte. Er verwendete dazu belichtete Negative als
Material, Akte, die er vermittels Einritzungen zu "kubistischen" Gitarren,
Geigen- und Mandolinenfrauen umdeutete.
Zu den Surrealisten hatte Brassaï
ein persönliches Nahverhältnis, bewunderte deren Leidenschaft, Neues zu
entdecken, und arbeitete auch für die Zeitschrift Minotaure, sah die eigene
Arbeit aber davon unabhängig. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.7.2003)