http://www.nachrichten.at/nachrichten/ooen.asp?id=280408


KREMS: Vor allem die großformatigen Deix-Bilder begeistern bei Schau im Karikaturmuseum

Hauchdünn ist die Haut der Zivilisation

Hundert mal hundert, hundertsechzig mal hundert Zentimeter. Das sind Formate, wie wir sie von Karikaturen selten kennen. Im Karikaturmuseum Krems umspannen diese Maße jedoch jenes Feld, das mit derart großen Tableaus überrascht.

Manfred Deix kennen wir ja. Seine zumeist im A4-Format gefertigten aberwitzigen Blicke in die Seele des homo austriacus sind in den heimischen Zeitungen und Magazinen omnipräsent. Ihre zielsicheren Griffe rund um und unter die menschliche Gürtellinie sorgen allseits für angeregte Diskussionen.


Schicht um Schicht

Im Karikaturmuseum Krems hat Deix neben "Ironimus" Gustav Peichl einen Fixplatz mit eigenem Kabinett im Oberstock des Gebäudes. Und hier überraschen wie gesagt besonders die Großformate, die wie riesige Aquarelle wirken, obwohl sie in Acryl auf Leinwand gefertigt sind. In extremer Verdünnung hat Deix wässrig wirkende Farbschicht um Schicht lasiert. Erreicht eine flirrende Farbigkeit und Transparenz wie sie etwa in den Sturmszenerien eines William Turner begeistern.

Auch die Thematik des Herrn Deix sind Naturgewalten. Im Speziellen jene, die unter der hauchdünnen Schicht der Zivilisation in den Abgründen der Menschen schlummern: Fremdenhass, frömmelnde Bigotterie gepaart mit unglaublicher Gewaltbereitschaft, Doppelbödigkeit in Bezug auf Sexualität.

Dass den Acrylbildern die Plakativität fehlt, die den "normalen" Deix-Werken eigen ist, entpuppt sich hier als ihr größtes Plus: Sie erreichen eine unentrinnbare Eindringlichkeit wie die Arbeiten Gottfried Helnweins und werden so zum Kernpunkt des Museums, das eine Etage tiefer bis 26. Mai einen Querschnitt durch "Das gezeichnete 20. Jahrhundert" zeigt.

Internationale Delikatessen des Genres des gezeichneten Kommentars. Hochkaräter der Karikatur von Olaf Gulbransson, Alfred Kubin und Simplizissimus-Zeichner über George Grosz bis herauf zu Tomi Ungerer, Borislav Sajtinac, den Eferdinger Horst Haitzinger und den Linzer Gerhard Haderer.

Diese komprimierte Ansammlung macht vor allem eines deutlich, das auch in aktuellen Disputen um das Thema "Was darf Karikatur?" oft übersehen wird: Diese spezifische Form der künstlerischen Auseinandersetzung hat nichts mit volksbelustigender Illustration zu tun. Karikatur ist, wie gesagt, eine gezeichnete/gemalte Glosse. Ein Bild-Kommentar, der aufdeckt, kuriose Zusammenhänge seziert, sozialpolitische Ungereimtheiten mittels Überzeichnung hinterfragt. Karikatur ist somit eines der wesentlichsten Kunstformen der Demokratie.

Info: 02732/ 90 80 20, Katalog: 24,90 Euro.






OÖN vom 16.04.02 zuletzt geändert am: 15.04.02 16:32:06


© 2002 OÖNachrichten. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf.


zurück