Am Puls der Zeit

Tony Ourslers Puppen eignen sich besonders gut, mit ihren abgründigen Klagelieder und dem Wechsel der Stimmen und Stimmlagen, zur Darstellung multiplen Verhaltens.


In der Ecke des Salzburger Kunstvereins stand ein Fernsehschirm auf einem Podest, davor ein Hocker und ein Kleid auf einem Kleiderständer. Unter einer umgestürzten Chaiselonge, deren eine Seite so aufgebockt war, dass es einen notdürftigen Unterschlupf bot, lag die Puppe Judy mit ihrem Gesicht aus Videobildern.

Der Betrachter konnte den Raum durchwandern und sich die einzelnen Gegenstände von der Nähe aus ansehen. Er konnte auch an der Installation teilhaben, da eine Kamera ihn ständig filmte und sein Abbild im Monitor wiederkam. Das war Anfang der 1990er Jahre.

MPD

Mulitiply Personality Disorder (MPD) tritt bei Personen auf, die sexuellen Missbrauch oder zerstörerische Traumata durchlebten. Um dies auszuhalten und seine Identität zu bewahren, spaltet das Opfer sich in verschiedene Persönlichkeiten, die alle Teilaspekte des ursprünglichen Selbst beinhalten und oft Teilaspekte des Täters enthalten. Losgelöst vom ursprünglichen Bewusstsein agieren diese Personen unabhängig von einander und lassen sich nur temporär wieder zu einer Persönlichkeit vereinen.

Vom Zappen

In "Judy" sind unterschiedliche Charaktere einer einzelnen Person durch Kleiderhaufen, abgenutzte Wohnmöbel und der kauernden Figur dargestellt und deuten die erfahrenen Traumata die zur Persönlichkeitsspaltung führten an. Patienten mit MPD können ohne Übergänge von einem Bewusstseinbild ins nächste wechseln ähnlich wie TV Konsumenten beim Zappen durch die Welt der Fernsehkanäle.

Filme

Genau hier setzt Ourslers gesellschaftskritische Arbeit an. In Amerika erreichte das Interesse an MPD in den 90er einen populären Höhepunkt. Populärwissenschaftliche Bücher erfreuten sich reißenden Absatzes. Seit dem Film "The Three Faces of Eve" von 1957 war die Krankheit populäres Gut. Filme wie der "Exorcist" und "Psycho" trugen das ihre dazu bei.

Puppen als Projektionsflächen

Tony Ourslers Puppen eignen sich besonders gut mit ihren abgründigen Klagelieder und dem Wechsel der Stimmen und Stimmlagen zur Darstellung multiplen Verhaltens. Sie sind zugleich künstlerische Kritik einer Welt, deren Informationsflut den Menschen immer mehr zur selektiven Wahrnehmung zwingt. Insofern sind Ourslers Installationen zutiefst gesellschaftskritisch und aktuell. MPD dient ihm dabei bloß als Methaper und Transportmittel für eine künstlerische Aussage.

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