| Salzburger Nachrichten am 1. September 2005 - Bereich: kultur
Beim Gruppensex mit Stalin Auf einem ehemaligen
Berliner Militärflughafen setzte Provokationskünstler Christoph
Schlingensief mit "Der Animatograph" sein Parsifal-Langzeitprojekt fort.
GERALD FELBERBERLIN (SN). "Stehen Sie hier nicht rum und glauben, Sie
müssten was verstehen!" - Das sind goldene Sätze, wie sie so charmant nur
aus Christoph Schlingensiefs Mund quellen können. Und wirklich: Muss man
eigentlich verstehen in dieser Nacht über "Odins Parsipark", einem
verwunschenen Gelände mit struppigen Kiefern und ehemaligen
Munitionsbunkern? Wenn Stimmen kreuz und quer durchs Dunkel brüllen,
zischen und wispern, wenn sich in den alten, maroden Steinbaracken das
warme (Besucher-)leben ballt, zugeschüttet von einer blutig-chaotischen
Bilderflut, bedröhnt von den Gralsmärschen des "Parsifal" - dann ist das
ein schaurig-schönes Geländespiel für große Mädchen und Jungs, das sich
eigentlich dadurch genügt, dass es so anders ist als alles im Tageslicht
Gelebte. Mit der Installation "Der Animatograph - Odins Parsipark" hat
Schlingensief am vergangenen Wochenende in Berlin sein
Parsifal-Langzeitprojekt fortgesetzt, das er 2004 mit seiner Bayreuther
Inszenierung von Wagners "Parsifal" begonnen hatte. Wie in Wagners Opus wird in Schlingensiefs Projekt die Zeit zum Raum -
und die Umgebung zum Werk. Denn die "Animatographen" sind begehbare,
interaktive Räume, die auf Landschaft und Wetter reagieren. Deswegen ist
diese Auflage auf dem alten Militärflugplatz nordöstlich von Berlin ganz
anders als die erste, die in Island installiert wurde. Gleichwohl ist die
"Edda"-Insel mit eingegangen in das Projekt, und die nächsten Wandlungen -
im Oktober in Namibia, dann an der Wiener Burg - werden die jetzigen
aufnehmen und fortschreiben. Muss man sich einlassen auf diese rauschhaft-nächtliche, durch Wagner
abgesicherte Mystik, die nicht befragt, sondern mitgestaltet sein will:
durch Löcher kriechend, auf Gerüste kletternd, mit Drehbühnen an zuckenden
Monitorbildern vorbeikreisend? Auf dieses große Absurdistan, das als
gestalteter Fiebertraum vorbeizieht mit Hitler, Stalin und Eva Braun beim
Gruppensex, einer aufblasbaren Kapelle, dem grauslich durch die Nacht
röhrenden Schweinewurm? Man kann es so sagen: Da war viel intellektuelle
Distanz in die Waldwege hinein getrabt - und es kamen amüsierte, aber auch
leicht verstörte große Kinder wieder heraus: Schlingensief zwingt zu jener
Naivität, die einen öffnet. Dabei wallt der Bayreuther "Parsifal" nicht nur musikalisch herüber.
Der Regisseur hat auch einen Teil seiner dortigen Figuren und Bilder
mitgebracht. Doch letztlich wird auch das große Pathos gebrochen. Zehn
Akteure - Schlingensief inklusive - mischen sich unters Volk, um die
markerschütternd komische Macht des Banalen auch im Tragischen
vorzuführen. Da gibt es einen gekonnt schlecht gelesenen Vortrag über das
Schlachten des zweiten Weltkriegs. Ein hyperventilierender Megafon-Redner
konterkariert durch hektisches Geschnatter die andächtige Schau- und
Lauscharbeit, und ein verhärmtes, kreuzschleppendes Weiblein gibt deftig
Zotiges von sich. Zum Schluss sammeln sich die Nacht-Wandler zum rituellen Ballonabflug
eines Huhnes gen Windhoek - ein Ereignis, das mit hohlen Interviews und
Reportagefetzen nach Art neuzeitlicher Staatshochzeits- oder
Formel-Eins-Berichterstattung zwanzig Minuten hinausgezögert wird. Dann
geht es schließlich doch, mit leisem Bedauern, zurück in eine Welt, über
deren banale Monstrositäten man entsetzt sein oder lachen kann; sie jedoch
zu verdrängen, wird mit und nach Schlingensief etwas schwerer. |