Bedeutend lieber als dem Grafen Balthasar Klossowski de Rola, schlicht Balthus genannt. Glauben Sie mir. Und selbst beim eleganten Tiroler Sir Albin Egger-Lienz wäre ich mir mit einer Empfehlung nicht mehr ganz sicher, seitdem ich seine auffälligen Darstellungsvorlieben für sexy Bauern, verhärmte Frauen und sehr süße Mädchen mit schwarzen Overknee-Strümpfen und kurzen Kleidchen im Leopold Museum genauer studieren konnte. Also. Kein entschuldigendes Wort hier über verbotene Perversionen.
Aber
Nacktheit an sich? Und Liebe zwischen erwachsenen Männern und Frauen
und Frauen und Frauen und Männern und Männern? Warum ist heute gerade
das Menschlichste derart verpönt in unserer öffentlichen Bilderwelt?
Und zwar generationenübergreifend? Vielleicht sind unsere Augen einfach
mehr denn je ans Künstliche gewöhnt, an ultimative Special Effects
jeglicher Art, im Kino, am Computer, in der Werbung, ja selbst auf
unseren TK-Kost-Tellern.
Haben wir tatsächlich solche Angst vor
unseren Körpern und unseren Emotionen, dass die Londoner
Verkehrsbetriebe dieser Tage im ersten Reflex sogar ein
Ausstellungsposter verbieten wollten, das Lucas Cranachs berühmte Venus
zeigt? Wahrscheinlich war sie zu zeitgenössisch, wirkt die um 1530
gemalte Dame in ihrer körperlichen Perfektion, nur durch einen Hauch
von transparentem Schleier in den Händen, allein mit Halsband und Kette
bekleidet, derart künstlich, dass sie wiederum echt wirkte. Bei fetten
Schenkeln und Rubens-Brüsten mit Zellulitis würde wohl bei keinem
Kontrollor der Sex-Alarm schrillen. Aber das ist wieder ein anderes
Thema.
Wem aber gehörten diese anonymen, so vorschnell zensierenden „London-Eyes“? Vielleicht jemandem, der 1968 lieber studiert als protestiert hat und das jetzt so gar nicht aufarbeiten will. Oder einem, der es einfach immer unsäglich peinlich fand, wenn die Eltern von ihrer Kommunenzeit erzählten. Oder waren überhaupt religiöse Vorbehalte im Spiel? Schleier super, aber bitte woanders? We will never know. Die Londoner Verkehrsbetriebe haben sich jedenfalls für ihr Fehlurteil mit „Überlastung“ entschuldigt, die Plakate werden jetzt doch aufgehängt.
Also Vorsicht: „Mind the gap“, liebe London-Touristen mit Kids.
almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2008)
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