Wiener Zeitung · Archiv


Kunstberichte

Galerien

Die Kunst ist nicht kitzlig

Aufzählung (cai) Ein Maler, der Schmierer heißt, das ist ja wie ein Psychoanalytiker namens Ferkel. Und? Schmiert er, der Patrick Schmierer? Ist sein Name Programm? Nein, eigentlich eh nicht. Was ist übrigens das ? Es ist viereckig, komplett weiß und es hängt an der Wand wie die Langeweile höchstpersönlich. Und wenn es runterfällt, .. . hängt es halt nimmer an der Wand. Hm. Das uninteressanteste Bild auf Erden? Richtig. Aber bloß bis man herausgefunden hat, dass dieses weiße Quadrat mit dem Temperament einer Badezimmerfliese über denselben Spezialeffekt verfügt wie ein schüchternes Mädel: Es errötet. (Wenn man es mit was Kaltem berührt.) Okay, das liegt nicht am Schamgefühl, sondern am Thermolack. Das Bild ist geradezu ein Manifest: Man sieht nur mit den Fingern gut.

Beim Knoll haut Grapschern derzeit keiner mit der Fliegenklatsche auf die Pratzen. Der Schmierer selber hat ja auch nicht grad ein platonisches Verhältnis zur Malerei. Der kitzelt den Malgrund nicht galant mit dem Pinsel, den überwältigt schon einmal die Leidenschaft und er bohrt ein Loch rein. Gentleman ist das keiner. Aber ein wahrer Meister der Liebe-auf-den- zweiten -Blick-Kunst. Zuerst will man sich gar nicht so recht mit dem billigen Zeug abgeben, doch plötzlich enthüllt sich eine Pointe. Die Audiokassetten hält man sowieso für unbrauchbar (wer besitzt denn noch einen Rekorder, um sie abzuspielen ?), aber durchaus für echt. Oh, die sind ja aus massivem Metall! Das sind quasi versteinerte Saurierhäufchen. Ich mein’: Fossilien. Und eine Hommage an die Inkontinenz (ans Rinnenlassen) hat hinten eine Stricherlliste, die penibel verzeichnet, wie viele Spritzen mit Farbe sich entleert haben. Der Schmierer sudelt sehr gewissenhaft.

Knoll Galerie Wien
Gumpendorferstraße 18, 1060 Wien
Patrick Schmierer: "1 Mann, 1 Ball", bis 31. Juli
Di. – Fr.: 13 – 19 Uhr, Sa.: 11 – 15 Uhr

Sumoringer-resistent

Aufzählung (cai) Auf der 3,64 Meter hohen Säule ist zu lesen: "Achtung: Nur stehend transportieren." Wie ist sie also durch die Tür der Galerie gekommen? Das ist ja wie in diesem Kühlschrankwitz. (Wie kriegt man eine Giraffe in den Kühlschrank? – Tür auf, Giraffe rein, Tür zu.) Peter Sandbichler baut aus Kartonagen markante Architektur-Elemente. In den Pappendeckel macht er simple Berg- und Talfalten rein, doch wenn er die Module dann zusammenfügt, wirkt das alles wie höhere Geometrie. Seine in sich gedrehten Säulen würden gar als die intellektuelle Antwort auf Berninis üppige Barocksäulen aus dem Petersdom durchgehen. Und der Klecks da droben? Ist kein Klecks. Es ist ein Helikopter. Aus dem Antikriegsfilm "Waltz With Bashir". Das Politische ist gut versteckt. In formalen Spielereien. Mit optischen Täuschungen kennt sich der Sandbichler halt aus. Die ordinäre Schachtel zum Beispiel. Kein Sumoringer der Welt könnte die in Grund und Boden sitzen. Die tut bloß so, als wär’ sie aus Wellpappe. In Wahrheit ist sie steinhart. Und formstabil wie Beton.

Galerie Grita Insam
An der Hülben 3/Seilerstätte, 1010 Wien
Peter Sandbichler: "Sustain", bis 30. Juli
Di. – Fr.: 12 – 18 Uhr

Sprechen Sie Mondrian?

Aufzählung (cai) Nein, Mondrian spricht sie anscheinend nicht . (Äh, heißt das nicht "Mandarin"?) Ein Rasterbild gibt’szumindest keins. Ansonsten beherrscht Martina Steckholzer aber praktisch jeden Dialekt der abstrakten Malerei. Vom Minimalismus bis zum Gestischen. Und alles ist so sauber, perfekt und professionell, das ist direkt unwirklich. (Also ihren Expressionismus hat sie eindeutig vorgetäuscht.) Ganz allein eine Gruppenausstellung bestreiten, das kann auch nicht jeder.

Galerie Meyer Kainer
Eschenbachgasse 9, 1010 Wien
Martina Steckholzer, bis 30. Juli
Di. – Fr.: 11 – 18 Uhr

Printausgabe vom Mittwoch, 28. Juli 2010
Online seit: Dienstag, 27. Juli 2010 17:11:00

Kommentar senden:
Name:

Mail:

Überschrift:

Text (max. 1500 Zeichen):

Postadresse:*
H-DMZN07 Bitte geben sie den Sicherheitscode aus dem grünen Feld hier ein. Der Code besteht aus 6 Zeichen.
Bitte beachten Sie dabei die Groß- und Kleinschreibung!


* Kommentare werden nicht automatisch veröffentlicht. Die Redaktion behält sich vor Kommentare abzulehnen. Wenn Sie eine Veröffentlichung Ihrer Stellungnahme als Leserbrief in der Druckausgabe wünschen, dann bitten wir Sie auch um die Angabe einer nachprüfbaren Postanschrift im Feld Postadresse. Diese Adresse wird online nicht veröffentlicht.

Wiener Zeitung · 1040 Wien, Wiedner Gürtel 10 · Tel. 01/206 99 0 · Mail: online@wienerzeitung.at