Eine Zitrone im Mund, zwischen Stirn und Wand eine Orange
geklemmt und ein Bein in die Luft gestreckt - oder, wie der Rektor der
Hochschule für angewandte Kunst Gerald Bast, auf einem hohen Bücherregal
sitzend: Der Künstler Erwin Wurm photographiert diese ungemütlichen
Positionen und ernennt sie zu "One-Minute-Sculptures". Der Rektor ist als
solche zur Zeit auf der eingerüsteten Fassade seiner Angewandten als
Großplakat zu bewundern.
Seit einem Semester unterrichtet der 1954 im steirischen
Bruck an der Mur geborene Erwin Wurm an der Wiener Angewandten "Kunst und
Kommunikative Praxis". Bekannt wurde der Künstler durch seine - meist sehr
humorvolle - Erweiterung des Skulpturenbegriffs: Von der absoluten
Null-Masse, der Staubskulptur, gelangte er zur Ausdehnung, zur
Fettleibigkeit von Menschen wie von Gegenständen.
Das Bild seines aus der Fasson geratenen Alfa Romeos, der
2001 Highlight der Art Basel war, ging um die Kunst-Welt.
Seine "One-Minute-Sculptures" lassen den Menschen selbst
Kunst-Status erreichen.
Nach Herbert Tasquil und der interimistischen Leitung von
Isabelle Graw, Ingeborg Strobl und Liesl Ponger ist nun Wurm für die
Ausbildung der Kunsterzieher zuständig. Er selbst hat Anfang der achtziger
Jahre bei Bazon Brock an der Angewandten Kunstpädagogik studiert.
Die Situation des Kunstunterrichts an den
österreichischen Schulen hält er für dramatisch. Als er selbst sein
Probejahr absolvierte, "bin ich tatsächlich auf Kollegen gestoßen, für die
hat die Kunst im 19. Jahrhundert aufgehört. Die haben sich geweigert,
Kunst des 20. Jahrhunderts zu unterrichten! Da sind Generationen von
Leuten herangewachsen, die nicht einen Hauch von Gegenwartskunst
mitbekommen haben." Eine Erklärung für das "desaströse Wissen der
Allgemeinheit über Gegenwartskunst".
"Ein Kunsterzieher nimmt die Schlüsselposition zwischen
Kunst und Publikum, den Kindern ein. Da könnte man irrsinnig viel
vermitteln. Aber es geschieht so wenig", sagt Wurm, der selbst durch
seinen Kunsterzieher seine Berufung entdeckte. "Kunsterziehung kann nicht
allein Malen, Zeichnen, Modellieren sein, sondern da geht es auch um eine
,politische' Erziehung, die man in vielen anderen Bereichen braucht:
Supermanager etwa machen eigene Kreativitätskurse."
Doch seine Aufgabe sieht Wurm nicht allein im schulischen
Bereich: "Jetzt heißt die Professur nicht mehr Kunsterziehung und
Gestaltungslehre sondern Kunst und Kommunikative Praxis." So umfaßt der
Studienzweig auch die Ausbildung zum Kurator und Kunstvermittler.
Ein bißchen Revolution
Wichtig ist Erwin Wurm vor allem die Diskursbereitschaft:
"Da stößt man auf ziemlichen Widerwillen. Ich merke es bei den Studenten,
wie zögerlich sie manchmal sind. Ich glaube, das ist auch die Erziehung in
der Schule. Meine beiden Kinder sind sechs Jahre in Deutschland in die
Schule gegangen - die werden dort viel freier erzogen, zum Dagegenreden.
Bei uns wird man erzogen, um nichts zu sagen, ein braver Schüler zu sein -
brav heißt angepaßt und völlig dem System ergeben".
Genau das stört Wurm auch an der Kunsthochschule: "Das
ist so ein gesichertes Terrain, wo sich alle höflich benehmen und auch
höflich arbeiten. Da fehlt mir der Aufstand, ein bißchen Revolution.
Dieser Elfenbeinturm hat mit der Realität nichts zu tun. Wenn sie dann
rauskommen, sind einige erschüttert."
Wurm konnte vergleichen, hatte er doch Gastprofessuren an
der Ecole des Beaux Arts in Paris (Bildhauerei) und an der
Kunstuniversität Linz, lebte und arbeitete in Los Angeles und New York.
"Mir ist das angelsächsische Modell sehr lieb: Die Studenten müssen zahlen
und fordern dadurch auch viel. Bei uns ist man so abwartend - bietet er
etwas, oder nicht."
Auch das Meisterklassen-Modell findet er unzeitgemäß.
"Das Tragische daran ist, daß es nur eine gültige Meinung gibt - die
Schüler sind darauf konditioniert und kommen ihr Leben lang nicht davon
los."
Das Problem der Stellung der Kunst in Österreich sieht
Wurm allerdings tiefer verwurzelt: "Kunst ist in Österreich nichts. In der
Schweiz und in Frankreich ist das ganz anders. In Italien ist es wieder
ähnlich." In Deutschland etwa sind Kunst und Politik Gesprächsthemen - "In
Österreich wird weder über das eine noch das andere gesprochen". Warum?
"Ich glaube, das hängt mit der Geschichte zusammen - 700 Jahre Monarchie,
700 Jahre restriktive Staatsführung und katholische Kirche."
Die andere Ursache glaubt Wurm, von 1993 bis 1999
Vorstand der Wiener Secession, in der Nazi-Zeit begründet: "Zur
Jahrhundertwende organisierte die Secession eine Großausstellung mit 500
Exponaten. Zu zwei Drittel hat man alles verkauft - und zwar an jüdische
Mitbürger. Die waren zukunftsorientiert. Der klassische Österreicher, das
Bürgertum, das die Aristokratie immer nachgeahmt hat, war restaurativ
interessiert. Von dort kam nie ein Anstoß. Das ist dramatisch und gehört
geändert - und ich glaube, man kann es ändern."
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