08.07.2003 22:05
Der ganz andere Amerikaner in Paris
Bawag Foundation zeigt William N. Copleys Kommentare zum gemeinen
Moralbegriff - lebenslustige Aufforderungen zum fröhlichen Verkehr an der Bar -
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Wenn ihm etwas zuwider war, dann der bürgerliche Anstand und
dessen stets fatale Folgen. Die Bawag Foundation zeigt William N. Copleys
Kommentare zum gemeinen Moralbegriff: lebenslustige Aufforderungen zum
fröhlichen Verkehr an der Bar.
Wien - Was man von ihm ganz sicher weiß: Er konnte an keinem
Herrenmagazin vorbeigehen, ohne es zu öffnen. Und: Er war Amerikaner. Waisenkind
zwar, doch von einem Medienzar adoptiert und folglich an den besten Schulen, der
Phillips Academy in Andover und Massachusetts und der Yale University,
ausgebildet. John Ployhardt, sein Schwager sollte ihn in den 40er-Jahren mit
Surrealistischem aus Europa konfrontieren und damit zunächst ein großes
Scheitern einleiten: William N. Copley gründete 1947 die Copley Galleries in
Beverly Hills.
Und zeigte dort Max Ernst, René Magritte, Roberto Matta
und Yves Tanguy, aber auch die amerikanischen Surrealisten Joseph Cornell und
Man Ray. Noch im Gründungsjahr musste er die Galerie wegen notorischer
Erfolglosigkeit wieder schließen.
Copley packte Man Ray und ging mit ihm
nach Paris, um dort fortan unter Surrealisten zu leben - und als Künstler
kommerziell wenig erfolgreich Pop-Artiges zu produzieren. Und heute legendäre
Mappenwerke aufzulegen. Etwa: S.M.S. - The Letter Edged in Black Press
(1968/69), sechs Mappen mit Multiples von James Lee Byars, Marcel Duchamp, Bruce
Naumann, Claes Oldenburg, Diether Roth, John Cage, Roy Liechtenstein, Richard
Hamilton, Joseph Kosuth, Lawrence Weiner und Richard Artschwager - damals kaum
beachtet, heute annähernd unbezahlbar.
Johannes Gachnang, der die
aktuelle Retrospektive auf William N. Copley in der Bawag Foundation
zusammengetragen hat, lernte Copley 1974 in New York kennen. (Der war 1961 mit
dem Abklingen des Pariser "Künstlerlebens" nach Amerika zurückgegangen.) "Als
Amerikaner in Paris konnte Copley dank seiner Direktheit und seinem
unwiderstehlichen ,borderline humor' den Europäern zu früher Stunde den American
way of life in schönsten Farben und voll von künstlerischen Einfällen
demonstrieren, und das nicht nur im Bild, sondern auch am Tisch und an der Bar .
. ."
Copleys Einfälle, allesamt um denkbare Stellungen der Liebe
jenseits der bürgerlichen Moral kreisend, wurden neben den surrealistischen
Wegen zum guten Bild, gespeist durch die humoristes und cartonistes wie Effel,
Siné und Maurice Henri, durch die absurden Lebensentwürfe der puritanischen
Amerikaner, die Gegenwelten der Prostituierten der Rue St-Denis, durch Pornos
und andere Quellen schmutziger Bilder. Und durch Ernest Hemingways Wort: "Never
sit on a table when you can stand at the bar."
In den Räumen der Bawag
Foundation führen etwa 40 Gemälde und Zeichnungen durch Copleys humorige Welt
des notorischen Ignorierens der Tragweite jeglichen Tuns. "Ich selbst bin
zwanzig Jahre jünger als Copley", schreibt Johannes Gachnang im Easy to read
Storybook zur Ausstellung, "und wundere mich darüber, wie dieses ungewöhnliche
und schillernde Werk heute im Kontext der Pop-Culture rezipiert wird. Eigentlich
steht es immer neben dem Tor zur Kunstgeschichte, was ja deutlich zeigt, wie
jung und frisch es in der globalisierten Welt als T-Shirt geblieben ist. Copley
blieb sein ganzes Leben lang ein Künstler für Künstler. Einen schöneren Titel
gibt es nicht."
Bleibt zu hoffen, dass die kleine Retrospektive dazu
beiträgt, auch den heute jungen Künstler an die fast vergessene Tugend der
inkorrekten - also eigenen - Weltsicht zu erinnern. Und an die positiven Seiten
der Herrenmagazine. (Markus Mittringer/DER STANDARD; Printausgabe,
9.07.2003)