| Dildos am Straßenrand | |
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Kunst im öffentlichen Raum lässt sich jetzt erwandern, aber auch erlesen. Von Roland Schöny.
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Längst hätte sich die Kunst im
öffentlichen Raum von klassischen Ausdrucksformen wie einstmals dem
Wandrelief an Wiener Gemeindebauten oder gar der autonomen Skulptur für
Plätze, Innenhöfe oder Eingangshallen entfernt, heißt es immer wieder.
Besonders in Niederösterreich jedoch zeigen zahlreiche Initiativen wie
breit der Spielraum für künstlerische Interventionen mittlerweile geworden
ist. Umfassende Dokumentation Soeben ist der fünfte Band mit dem Titel "Veröffentlichte Kunst" im Springer Verlag erschienen.
In dieser Reihe werden seit mehr als einem Jahrzehnt sämtliche Projekte
des Landes, die von Katharina Blaas-Pratscher als Kuratorin betreut
werden, dokumentiert. Eine Klanginstallation von Walter Fähndrich für den Waldweg zur
Burgruine Dürnstein findet sich da etwa. Auch Platzgestaltungen werden
präsentiert, von Willi Kopf zum Beispiel, für die Gemeinde Brunnkirchen,
oder ein lusterförmiger Lichtobjektor der Haydn-Halle im Gerhaus von
Werner Reiterer.
Eine beigelegte Landkarte in diesem Band über Kunst im öffentlichen
Raum erzählt von einem sehr dichten Netz an Arbeiten in Österreichs
flächenmäßig größten Bundesland. Die Dokumentation zeigt aber auch, dass
die Konzepte für Kunst im öffentlichen Raum oft direkt mit den aktuellen
Trends und Diskursen verkoppelt sind. Erinerungsarbeit Im Rahmen des Zyklus "Erlauf erinnert sich", etwa, wird die Geschichte
des Ortes bis in die Jahre vor 1945 zum Thema. Die Serbin Milica Tomic bezieht sich etwa auf ein 1995 errichtetes
Friedensdenkmal des Russen Oleg Komov. Sie tut das ganz im Stil des
sozialistischen Realismus und ersetzt in ihren Bildern die Helden
sowjetischer und amerikanischer Herkunft durch die Abbilder von
Dorfbewohnern. Eine Plakatserie zeigt Bilder der Umgebung aus dem
Blickwinkel eines Mädchens, das Teil dieses Denkmals ist. Auf diese Weise
wird mit den Mitteln heutiger Kunst die Bedeutung einer Skulpturengruppe
im öffentlichen Raum hinterfragt.
Fremdheit und Identität Ablesen lässt sich das auch an einem Projekt in und um
Etsdorf-Haitzendorf in der Nähe von Krems. Die Katastralgemeinde besteht
aus mehreren kleinen Ortschaften und ist unter anderem bekannt für ihr
jährliches Kellergassenfest. Früher war dort dieTextilproduktion -
vornehmlich in Heimarbeit - von Bedeutung. Heute ist dieses Gebiet auch
Industriestandort - unter anderem für die Möbelfirma Wittmann, die zu den
Sponsoren eines privat finanzierten Kunstprojekts zählt, das unlängst
präsentiert wurde. "Der Ansatz war, mit der Bevölkerung zu arbeiten.", präzisiert eine der
Kuratorinnen, Susanne Neuburger. Es ging aber nicht darum eine Skulptur
herzustellen, wie das die Etsdorfer gerne gehabt hätten, sagt sie. "Wir
konnten die Etsdorfer überzeugen, dass die Künstler heute keine Skulpturen
machen, sondern forschen, recherchieren, suchen und finden würden. Und die
Werke entsprechend dem Prozesshaften ihrer Arbeiten eben keine Skulpturen
sein können." Und trotzdem lassen sich die Arbeiten in der Landschaft, an
der Straße oder auch im Ortsinneren aufstellen. Viele Künstler und
Künstlerinnen nämlich entschieden sich für das Plakat als Medium. Geschlecht und Autorität Die junge Künstlerin Katharina Daschner, deren Arbeit zunehmend größere
Beachtung findet, thematisiert Sexualität, das Verhältnis von Mann und
Frau, körperliche Selbstdarstellung. Auf den Plakaten erscheint sie
verkleidet, mit Schnurrbart, wie ein orientalischer Mann, vorne am Körper
einen Dildo angeschnallt - ein verwirrendes Bild am Straßenrand, wo man
einfach die üblichen Werbeplakate erwarten würde. Gewagt ist auch eine Aktion von Julius Deutschbauer, der das
Heimatmuseum von Etsdorf betreut. Deutschbauer hat unter den Dorfbewohnern
Aussprüche wie "Halte deinen Körper rein", oder "Seid vernünftig liebe
Leute", oder "Ehret die Treue" gesammelt und ging dann als Polizist
verkleidet durch den Ort, um der Bevölkerung ihre Aussprüche vermittelt
durch die Autorität des Polizisten zurückzugeben. Somit finden sich die Bewohner von Etsdorf im Spiegel ihres Alltags und
ihrer Geschichte wieder. Besucher wiederum können einen interessanten
Kunstwanderweg erkunden. | ||||||