Zürich
mitten im Sommer. Draußen liegt ruhig der See. In der Stadt herrscht
reges Treiben. Die Tänzer sind unterwegs, es ist die Zeit des
Performancefestivals. „Stromereien“ nennen sie es, ein Festival in
einer Stadt mit vielen Wässern wie Zürich verträgt so einen Namen.
Wenngleich hauptsächlich im Tanzhaus mit Bewegung, Gestik, Mimik und
Körpern experimentiert und performt wird, ist einiges auch nach außen
verlagert worden – in die Stadtlandschaft, die in Zürich zwischen
urbanem Raum, Natur und Industriebrachen angesiedelt ist.
Ein
Projekt ist buchstäblich übergeschwappt nach draußen an die Limmat. Die
junge Polin Patrycja German hat dort ein Boot im Wasser ausgesetzt, um
täglich dasselbe Ritual zu wiederholen: „Ich richtete an eine
freiwillige Person aus dem Publikum das Angebot, mit mir in das Boot zu
steigen. Das Boot war an einem nicht sichtbaren Seil befestigt, sodass
es nicht wegtreiben konnte. Es wurde von zwei entgegengesetzten
Strömungen bewegt: mal sanft geschaukelt, dann wieder überraschend und
stark gedreht“, erklärt die 30-Jährige. „Aufgrund der Enge im Boot
musste mein Gast seitlich liegen, mir gegenüber. Mit der Position und
dem Gewicht unserer Körper hielten wir die Balance im Boot. Mein Gast
bestimmte selbst, wie lange er im Boot blieb.“
German hat dieses
urbane Wasser, den von Masten, Brücken, Bäumen, Fassaden und steinernen
Quais umsäumten Fluss, funktionalisiert, um zu schauen, was es mit den
Menschen macht. Sieben Abende lang, jeweils bei Sonnenuntergang, lud
sie Publikum und Passanten ein, diese Erfahrung des Zusammenlebens in
der Nussschale zu spüren.
Jetzt, eineinhalb Jahre nach den
abendlichen Auftritten, liegt das mittlerweile mit Graffiti übersäte
Relikt der Aktion ausgestellt in der Innsbrucker Galerie Kugler. Das
Geschehen ist längst vorbei. So, wie es einsam den Raum dominiert,
einzig von einem Video der Zürcher Performance begleitet, ist das Boot
weit mehr als ein stummes Dokument: Es liegt hier als veritables Symbol
für viele Grauzonen zwischen Einsamkeit und körperlicher Nähe, wilder
Natur und zivilisatorischem Rand, wie es sie überall in
unterschiedlichster Ausprägung gibt. In der Zürcher Industriebrache
wurde bloß das Exempel statuiert.
Wasser als Symbol.
Grundsätzlich zeichnet das Kunst aus, die das Wasser ins Spiel bringt:
dass das Wasser immer auch eine gewisse Ortlosigkeit – eine Utopie also
– simuliert. Da klingen Legenden und Mythen an, die schon die Alten
überliefert haben. Um im Abendland zu bleiben: in Atlantis etwa, in dem
sagenumwobenen Kontinent, der von der Sehnsucht nach dem Meer ebenso
wie von seiner Bedrohung erzählt. Die Odyssee als eine von unzähligen
schicksalhaften Sagen über das Meer.
Die Arche Noah, deren gesellschaftserhaltende Funktion erst durch
ihre Ausgesetztheit auf dem Meer so deutlich ersichtlich wird. Und
schließlich gehört dazu auch die philosophische Erkenntnis, dass alles
im Fluss ist, und das biologische Wissen, dass es ohne Wasser kein
Leben gibt.
Künstlerisch setzte jede Epoche ihre eigenen
Akzente. Während sich im 19. Jahrhundert Maler wie Turner oder Monet
voller Enthusiasmus auf die visuelle Faszination von Flüssen und Meeren
einließen, luden Fin-de-Siècle-Künstler von Beardsley, Munch oder Klimt
das Wasser symbolistisch auf und machten es zum Stellvertreter von
Leben, Tod und Geburt. Die Expressionisten wiederum, die es zum
Arbeiten an Flussufer oder gar in die Südsee zog, schöpften aus dem
Aufenthalt am Wasser Lebenskraft, die sie in ihren Bildern
thematisierten.
Wasser als Material. Bis in
die 1960er büßte das Wasser künstlerische Relevanz ein. Für die
Land-Art-Künstler waren Wasserlandschaften dann aber begehrte Orte, um
ihnen durch modellhafte Überformung den Stempel der Avantgarde
aufzudrücken. Als Referenzarbeit gilt bis heute Robert Smithsons
„Spiral Jetty“ – eine 500 Meter lange Spirale aus Steinen, Erde, Salz
und Algen, die der Amerikaner 1970 im Großen Salzsee in Utah
errichtete.
Für den Briten Richard Long wiederum ist das
Wasser treibende Kraft für jenes Treibholz, das als Grundmaterial
vieler seiner großflächigen Skulpturen gilt. Da blitzt eine
Zeichenhaftigkeit auf, die ein anderer zum Lebenswerk erklärt hat:
Lawrence Weiner, in dessen konzeptuellen Schrift-
skulpturen Wasser
immer wieder eine Rolle spielt. Soeben hat der Amerikaner für die
Wiener Galerie Winter die Text-auf-Glas-Installation „Die Ebbe und der
Strom“ entwickelt. Wie bei vielen seiner Werke tragen die refrainhaften
Worte „On the banks of the danube/An den Ufern der Donau“ das Ihre dazu
bei, dass sich die Skulptur im Kopf des Betrachters poetisch vollendet.
In
der zeitgenössischen Malerei schließt sich die Materialität der Farbe
gerne mit der des Wassers kurz. Ein radikales Beispiel hierfür sind
Herbert Brandls ambivalente Landschaften. Sie kommunizieren eine
postmoderne Romantik, die auf der Objektebene auch Olafur Eliasson mit
seinen Wasserskulpturen ins Spiel bringt, vom hinauffließenden Brunnen
bis zum künstlichen Wasserfall. Julius Popp wiederum dockt mit seinen
computergesteuerten „bit.falls“ ans System der Informationsgesellschaft
an. Und Informationskünstler Peter Weibel setzt in seiner neuen
Installation „Lines of Crimes“ Wasser ganz drastisch als Mittel zur
Darstellung von Untergangsszenarien ein. Mehr Realismus ist nicht
möglich.
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