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Alles im Fluss: Wasser in der Kunst

15.05.2009 | 14:51 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Es ist überall und folglich auch aus der Kunst nicht wegzudenken: Wasser. Dabei hat jede Strömung ihren eigenen Um- und Zugang entwickelt. Heute etwa steht der Realismus wieder hoch im Kurs.

Zürich mitten im Sommer. Draußen liegt ruhig der See. In der Stadt herrscht reges Treiben. Die Tänzer sind unterwegs, es ist die Zeit des Performancefestivals. „Stromereien“ nennen sie es, ein Festival in einer Stadt mit vielen Wässern wie Zürich verträgt so einen Namen. Wenngleich hauptsächlich im Tanzhaus mit Bewegung, Gestik, Mimik und Körpern experimentiert und performt wird, ist einiges auch nach außen verlagert worden – in die Stadtlandschaft, die in Zürich zwischen urbanem Raum, Natur und Industrie­brachen angesiedelt ist.

Ein Projekt ist buchstäblich übergeschwappt nach draußen an die Limmat. Die junge Polin Patrycja German hat dort ein Boot im Wasser ausgesetzt, um täglich dasselbe Ritual zu wiederholen: „Ich richtete an eine freiwillige Person aus dem Publikum das Angebot, mit mir in das Boot zu steigen. Das Boot war an einem nicht sichtbaren Seil befestigt, sodass es nicht wegtreiben konnte. Es wurde von zwei entgegengesetzten Strömungen bewegt: mal sanft geschaukelt, dann wieder überraschend und stark gedreht“, erklärt die 30-Jährige. „Aufgrund der Enge im Boot musste mein Gast seitlich liegen, mir gegenüber. Mit der Position und dem Gewicht unserer Körper hielten wir die Balance im Boot. Mein Gast bestimmte selbst, wie lange er im Boot blieb.“

German hat dieses urbane Wasser, den von Masten, Brücken, Bäumen, Fassaden und steinernen Quais umsäumten Fluss, funktionalisiert, um zu schauen, was es mit den Menschen macht. Sieben Abende lang, jeweils bei Sonnenuntergang, lud sie Publikum und Passanten ein, diese Erfahrung des Zusammenlebens in der Nussschale zu spüren.

Jetzt, eineinhalb Jahre nach den abendlichen Auftritten, liegt das mittlerweile mit Graffiti übersäte Relikt der ­Aktion ausgestellt in der Innsbrucker Galerie Kugler. Das Geschehen ist längst vorbei. So, wie es einsam den Raum dominiert, einzig von einem Video der Zürcher Performance begleitet, ist das Boot weit mehr als ein stummes Dokument: Es liegt hier als veritables Symbol für viele Grauzonen zwischen Einsamkeit und körperlicher Nähe, wilder Natur und zivilisatorischem Rand, wie es sie überall in unterschiedlichster Ausprägung gibt. In der Zürcher Industriebrache wurde bloß das Exempel statuiert.

Wasser als Symbol. Grundsätzlich zeichnet das Kunst aus, die das Wasser ins Spiel bringt: dass das Wasser immer auch eine gewisse Ortlosigkeit – eine Utopie also – simuliert. Da klingen Legenden und Mythen an, die schon die Alten überliefert haben. Um im Abendland zu bleiben: in Atlantis etwa, in dem sagenumwobenen Kontinent, der von der Sehnsucht nach dem Meer ebenso wie von seiner Bedrohung erzählt. Die Odyssee als eine von unzähligen schicksalhaften Sagen über das Meer.

Die Arche ­Noah, ­deren gesellschaftserhaltende Funktion erst durch ihre Ausgesetztheit auf dem Meer so deutlich ersichtlich wird. Und schließlich gehört dazu auch die philosophische Erkenntnis, dass alles im Fluss ist, und das biologische Wissen, dass es ohne Wasser kein Leben gibt.

Künstlerisch setzte jede Epoche ihre eigenen Akzente. Während sich im 19. Jahrhundert Maler wie Turner oder Monet voller Enthusiasmus auf die visuelle Faszination von Flüssen und Meeren einließen, luden Fin-de-Siècle-Künstler von Beardsley, Munch oder Klimt das Wasser symbolistisch auf und machten es zum Stellvertreter von Leben, Tod und Geburt. Die Expressionisten wiederum, die es zum Arbeiten an Flussufer oder gar in die Südsee zog, schöpften aus dem Aufenthalt am Wasser Lebenskraft, die sie in ihren Bildern thematisierten.

Wasser als Material. Bis in die 1960er büßte das Wasser künstlerische Relevanz ein. Für die Land-Art-Künstler waren Wasserlandschaften dann aber begehrte Orte, um ihnen durch modellhafte Überformung den Stempel der Avantgarde aufzudrücken. Als Referenzarbeit gilt bis heute Robert Smithsons „Spiral Jetty“ – eine 500 Meter lange Spirale aus Steinen, Erde, Salz und Algen, die der Amerikaner 1970 im Großen Salzsee in Utah errichtete.

Für den Briten Richard Long wiederum ist das Wasser treibende Kraft für jenes Treibholz, das als Grundmaterial vieler seiner großflächigen Skulpturen gilt. Da blitzt eine Zeichenhaftigkeit auf, die ein anderer zum Lebenswerk erklärt hat: Lawrence Weiner, in dessen konzeptuellen Schrift­-
skulpturen Wasser immer wieder eine Rolle spielt. Soeben hat der Amerikaner für die Wiener Galerie Winter die Text-auf-Glas-Installation „Die Ebbe und der Strom“ entwickelt. Wie bei vielen seiner Werke tragen die refrainhaften Worte „On the banks of the danube/An den Ufern der Donau“ das Ihre dazu bei, dass sich die Skulptur im Kopf des Betrachters poetisch vollendet.

In der zeitgenössischen Malerei schließt sich die Materia­lität der Farbe gerne mit der des Wassers kurz. Ein radikales Beispiel hierfür sind Herbert Brandls ambivalente Landschaften. Sie kommunizieren eine postmoderne Romantik, die auf der Objektebene auch Olafur Eliasson mit seinen Wasserskulpturen ins Spiel bringt, vom hinauffließenden Brunnen bis zum künstlichen Wasserfall. Julius Popp wiederum dockt mit seinen computergesteuerten „bit.falls“ ans System der Informationsgesellschaft an. Und Informationskünstler Peter Weibel setzt in seiner neuen Installation „Lines of Crimes“ Wasser ganz drastisch als Mittel zur Darstellung von Untergangsszenarien ein. Mehr Realismus ist nicht möglich.


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