Leitner, Gottfried: Blase Mensch oder Schatten in der Ödnis
Obwohl Gottfried Leitner seine Ölgemälde "Menschenbilder" nennt, nimmt
die meist vereinzelte Figur in ihnen nur einen kleinen Teil der
Komposition ein. Um sie herum bauen sich mächtige, leere, vorwiegend blaue
oder schwarze Räume auf; selten sind sie von Architekturversatzstücken
verstellt, meist sind es weite Gebiete der Ödnis aus Luft oder Wasser,
manchmal ein Strandabschnitt oder eine dunkle Höhle, in die wie ein
Lichtstreifen von oben ein Wasserfall herab fällt. Die Posen,
Kleidungen und auch die Darsteller wiederholen sich: Oft steht ein
schmächtiger Junge in blauer Badehose mit dunklem Haar auf Steinboden oder
Sand, bzw. wandert er als tanzender Equilibrist auf einem quer durch das
Bildfeld gespannten Seil. Dabei ist verwunderlich, wie sich gleiche Posen
dem Moment der Umgebung völlig anpassen, was in der Luft als vorsichtiges
Vorantasten erscheint, wirkt im Hortus conclusus aus weißen Mauern oder im
seichten Wasser, das durch die Spiegelung erkennbar ist, selbstversunken,
melancholisch und erotisch aufgeladen.
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Ein älterer Knabe ist breiter
gebaut und trägt schwarze Shorts bis zum Knie; er wirft seinen
Schlagschatten auf weißen Wüstensand und blickt zum leergefegten
Horizont in darüber liegendes Grau oder ist es die bleierne
Dunkelheit des Alls? Er wird vom Künstler auch auf Trampoline
gestellt, die in rote oder schwarze Landstriche hineinragen, deren
Nichts wieder am Horizont von einem anderen elementaren Farbstreifen
abgelöst wird. |
Ein älterer Knabe ist breiter gebaut und trägt schwarze Shorts bis zum
Knie; er wirft seinen Schlagschatten auf weißen Wüstensand und blickt zum
leergefegten Horizont in darüber liegendes Grau oder ist es die bleierne
Dunkelheit des Alls? Er wird vom Künstler auch auf Trampoline gestellt,
die in rote oder schwarze Landstriche hineinragen, deren Nichts wieder am
Horizont von einem anderen elementaren Farbstreifen abgelöst wird. Ein
Sprung auf diese brettgerade Ebene wäre wohl tödlich. Der meist
abgewandte und damit gesichtslose Mensch - unter ihnen auch Frauen und
Kinder - wirkt ausgesetzt an den Klippen einer schicksalhaften Wendung des
Daseins oder einer inneren Wüstenei, einem unfreiwillig aufgedrängten
Abgrund, daher der traumhafte Charakter der Bilder trotz messerscharfer
Umrisse und ebenso scharfkantiger Beleuchtung durch eine Lichtquelle von
weit oben und außerhalb des Bildfelds, wie sie auch Caravaggio für seine
Gemälde mit "Kellerlicht" eingesetzt hat. Das Licht erzeugt klare Farben
und macht eine kühle Atmosphäre, was die Wirkung der Isolation erhöht.
In Selbstzeugnissen spricht Gottfried Leitner über sein Interesse am
Menschen mit ratlosem Blick in die Zukunft, mit existenzieller Erkenntnis
seiner Kleinheit und Vergänglichkeit, gleich einem Sandkorn im
universellen Gefüge, aber er betont auch die stille Rebellion im Wagnis,
den Blick in die Unendlichkeit zu richten. Selbst stellt er sich als
Körperumriss in einer Tuschelinie mit Pinsel in der Hand dar, von dem
Farbe zu Boden tropft. Noch weniger als eine Hülle oder ein Abguss des
Selbst ist dieses Ganzkörperbildnis ähnlich einer Blase. "Homo bulla" -
der Mensch vergleichbar einer Blase - ist ein allegorisches Bild, das
Erasmus von Rotterdam entworfen hat.
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Im großen Werden und Vergehen hat
das Individuelle keinen Platz, es wird nur angedeutet und die
Gestalten drehen sich als Dreiviertel-Rückenfiguren ins Bild hinein
und betonen den Sog in die Tiefe einer gewandelten
Zentralperspektive. Flächenhafte und raumhafte Strukturen wechseln
in ihr, die Oberflächenwirkung ist glatt, altmeisterlich und opak;
auch der subjektive Pinselstrich
fehlt. |
Im großen Werden und Vergehen hat das Individuelle keinen Platz, es
wird nur angedeutet und die Gestalten drehen sich als
Dreiviertel-Rückenfiguren ins Bild hinein und betonen den Sog in die Tiefe
einer gewandelten Zentralperspektive. Flächenhafte und raumhafte
Strukturen wechseln in ihr, die Oberflächenwirkung ist glatt,
altmeisterlich und opak; auch der subjektive Pinselstrich fehlt. Dies
macht die scheinbare Kühle der Luft, die so klar ist wie ein Vakuum, in
dem die menschliche Gestalt für immer eingefroren wird. Ein Wettbewerb
in Graz 1980 hatte den Schüler von Rudolf Hausner an der Wiener Akademie
mit Edward Hoppers vereinsamten Großstadttypen in nächtlicher Umgebung in
Berührung gebracht, im traumatischen Ausdruck aber ist es der Großmeister
aller figürlichen Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Francis
Bacon, dessen chirurgischer Blick und gemalte Distanzlosigkeit am
scheiternden Menschen ihn zu Recht fasziniert. Thomas Bernhards "Frost"
oder Samuel Becketts "Warten auf Godot" sind die literarischen
Parallelaktionen zu diesen Ausgesetzten. Bedrohungen, meist durch Schatten
oder kopflose Männerfiguren angedeutet, machen sich in Gottfried Leitners
Bildern auch zuweilen breit - ihre Opfer sind Frauen und Kinder, die vor
Schluchten oder Meeresufern an der Schwelle stehen. Das Ungewisse in
diesen elementaren Übergängen und die Bedrängnis schaffen eine mysteriöse
Welt von Angst und Anonymität. Sind es nur Erinnerungsbilder des
Unterbewussten wie im Fall der ebenso nach Fotos gestalteten Umrisse des
ungarischen Malers Laszlo Feher oder doch nur einfach banale Realitäten
bzw. Boten aus einer virtuellen Existenz? Für die Betrachterinnen und
Betrachter bleibt die gleiche Zurückgeworfenheit auf das Selbst als
Aufgabe, diese teils großformatigen Werke des 1954 geborenen Steirers zu
interpretieren, der sich von seinen zahlreichen Weltreisen in die
Draxlmühle von Mautern zur Arbeit zurückzieht. Gottfried Leitner wird
(seit drei Jahren) von der Galerie Lang Wien, 1010 Wien, Seilerstätte 16,
Tel.: 01/512 20 19, vertreten. E-Mail: glw@netway.at Homepage:
www.glw.at
Erschienen am: 09.08.2002 |
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