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Zur künstlerischen Arbeit von Gottfried Leitner/ Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer
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Leitner, Gottfried: Blase Mensch oder Schatten in der Ödnis

Obwohl Gottfried Leitner seine Ölgemälde "Menschenbilder" nennt, nimmt die meist vereinzelte Figur in ihnen nur einen kleinen Teil der Komposition ein. Um sie herum bauen sich mächtige, leere, vorwiegend blaue oder schwarze Räume auf; selten sind sie von Architekturversatzstücken verstellt, meist sind es weite Gebiete der Ödnis aus Luft oder Wasser, manchmal ein Strandabschnitt oder eine dunkle Höhle, in die wie ein Lichtstreifen von oben ein Wasserfall herab fällt.
Die Posen, Kleidungen und auch die Darsteller wiederholen sich: Oft steht ein schmächtiger Junge in blauer Badehose mit dunklem Haar auf Steinboden oder Sand, bzw. wandert er als tanzender Equilibrist auf einem quer durch das Bildfeld gespannten Seil. Dabei ist verwunderlich, wie sich gleiche Posen dem Moment der Umgebung völlig anpassen, was in der Luft als vorsichtiges Vorantasten erscheint, wirkt im Hortus conclusus aus weißen Mauern oder im seichten Wasser, das durch die Spiegelung erkennbar ist, selbstversunken, melancholisch und erotisch aufgeladen.

Ein älterer Knabe ist breiter gebaut und trägt schwarze Shorts bis zum Knie; er wirft seinen Schlagschatten auf weißen Wüstensand und blickt zum leergefegten Horizont in darüber liegendes Grau oder ist es die bleierne Dunkelheit des Alls? Er wird vom Künstler auch auf Trampoline gestellt, die in rote oder schwarze Landstriche hineinragen, deren Nichts wieder am Horizont von einem anderen elementaren Farbstreifen abgelöst wird.

Ein älterer Knabe ist breiter gebaut und trägt schwarze Shorts bis zum Knie; er wirft seinen Schlagschatten auf weißen Wüstensand und blickt zum leergefegten Horizont in darüber liegendes Grau oder ist es die bleierne Dunkelheit des Alls? Er wird vom Künstler auch auf Trampoline gestellt, die in rote oder schwarze Landstriche hineinragen, deren Nichts wieder am Horizont von einem anderen elementaren Farbstreifen abgelöst wird. Ein Sprung auf diese brettgerade Ebene wäre wohl tödlich.
Der meist abgewandte und damit gesichtslose Mensch - unter ihnen auch Frauen und Kinder - wirkt ausgesetzt an den Klippen einer schicksalhaften Wendung des Daseins oder einer inneren Wüstenei, einem unfreiwillig aufgedrängten Abgrund, daher der traumhafte Charakter der Bilder trotz messerscharfer Umrisse und ebenso scharfkantiger Beleuchtung durch eine Lichtquelle von weit oben und außerhalb des Bildfelds, wie sie auch Caravaggio für seine Gemälde mit "Kellerlicht" eingesetzt hat. Das Licht erzeugt klare Farben und macht eine kühle Atmosphäre, was die Wirkung der Isolation erhöht.
In Selbstzeugnissen spricht Gottfried Leitner über sein Interesse am Menschen mit ratlosem Blick in die Zukunft, mit existenzieller Erkenntnis seiner Kleinheit und Vergänglichkeit, gleich einem Sandkorn im universellen Gefüge, aber er betont auch die stille Rebellion im Wagnis, den Blick in die Unendlichkeit zu richten. Selbst stellt er sich als Körperumriss in einer Tuschelinie mit Pinsel in der Hand dar, von dem Farbe zu Boden tropft. Noch weniger als eine Hülle oder ein Abguss des Selbst ist dieses Ganzkörperbildnis ähnlich einer Blase. "Homo bulla" - der Mensch vergleichbar einer Blase - ist ein allegorisches Bild, das Erasmus von Rotterdam entworfen hat.

Im großen Werden und Vergehen hat das Individuelle keinen Platz, es wird nur angedeutet und die Gestalten drehen sich als Dreiviertel-Rückenfiguren ins Bild hinein und betonen den Sog in die Tiefe einer gewandelten Zentralperspektive. Flächenhafte und raumhafte Strukturen wechseln in ihr, die Oberflächenwirkung ist glatt, altmeisterlich und opak; auch der subjektive Pinselstrich fehlt.

Im großen Werden und Vergehen hat das Individuelle keinen Platz, es wird nur angedeutet und die Gestalten drehen sich als Dreiviertel-Rückenfiguren ins Bild hinein und betonen den Sog in die Tiefe einer gewandelten Zentralperspektive. Flächenhafte und raumhafte Strukturen wechseln in ihr, die Oberflächenwirkung ist glatt, altmeisterlich und opak; auch der subjektive Pinselstrich fehlt. Dies macht die scheinbare Kühle der Luft, die so klar ist wie ein Vakuum, in dem die menschliche Gestalt für immer eingefroren wird.
Ein Wettbewerb in Graz 1980 hatte den Schüler von Rudolf Hausner an der Wiener Akademie mit Edward Hoppers vereinsamten Großstadttypen in nächtlicher Umgebung in Berührung gebracht, im traumatischen Ausdruck aber ist es der Großmeister aller figürlichen Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Francis Bacon, dessen chirurgischer Blick und gemalte Distanzlosigkeit am scheiternden Menschen ihn zu Recht fasziniert. Thomas Bernhards "Frost" oder Samuel Becketts "Warten auf Godot" sind die literarischen Parallelaktionen zu diesen Ausgesetzten. Bedrohungen, meist durch Schatten oder kopflose Männerfiguren angedeutet, machen sich in Gottfried Leitners Bildern auch zuweilen breit - ihre Opfer sind Frauen und Kinder, die vor Schluchten oder Meeresufern an der Schwelle stehen. Das Ungewisse in diesen elementaren Übergängen und die Bedrängnis schaffen eine mysteriöse Welt von Angst und Anonymität. Sind es nur Erinnerungsbilder des Unterbewussten wie im Fall der ebenso nach Fotos gestalteten Umrisse des ungarischen Malers Laszlo Feher oder doch nur einfach banale Realitäten bzw. Boten aus einer virtuellen Existenz?
Für die Betrachterinnen und Betrachter bleibt die gleiche Zurückgeworfenheit auf das Selbst als Aufgabe, diese teils großformatigen Werke des 1954 geborenen Steirers zu interpretieren, der sich von seinen zahlreichen Weltreisen in die Draxlmühle von Mautern zur Arbeit zurückzieht.
Gottfried Leitner wird (seit drei Jahren) von der Galerie Lang Wien, 1010 Wien, Seilerstätte 16, Tel.: 01/512 20 19, vertreten.
E-Mail: glw@netway.at
Homepage: www.glw.at


Erschienen am: 09.08.2002

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