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29.08.2003 - Kultur News
Hermann Nitsch: "Die Welt ist alles, alles, was es gibt"
Der Schlossbesitzer und Gesamtkunstwerker Hermann Nitsch feiert grundsätzlich immer. Heute ist es sein 65. Geburtstag.
VON MICHAEL FLEISCHHACKER


Hermann Nitsch, Aktionist, im Gespräch über die Kunst und das Leben

Die Presse: Rituale spielen für Sie eine große Rolle. Ist dieser Geburtstag für Sie was Besonderes?

Hermann Nitsch: Ich feiere überhaupt gerne Feste, grundsätzlich. Ich habe diese Lebensanschauung des Lebensfestes: dass der Lebensablauf eigentlich immer ein Fest sein soll - trotz Arbeit, trotz Schmerz. Der eigentliche Sinn dessen, dass wir hier sind, ist der Ablauf eines Festes.

Ist mit 65 für Sie der Tod ein größeres Thema als mit 40?

Nitsch: Nein. Zeitlich ist alles, was durch die Perspektive eines Anfangs und eines Endes gesehen wird. Also Geburt und Tod. Wenn man aber das Weltengefüge - wie schon die Vorsokratiker - als permanentes Fließen sieht, da gibt es keinen Anfang und kein Ende. Auch die Schrecklichkeit des Todes wird da irgendwie relativiert, durch das Zyklische, durch die Wiederkehr, die man ja - wenn man erst einmal die persönliche Wiederkehr außer Acht lässt - permanent beobachten kann, durch die Jahreszeiten und eben durch die Geschichte. Es wird immer wieder geboren, es kommt immer wieder Neues, und es wird immer wieder gestorben.

Dass Sie die Transzendenz ins Hier und Jetzt holen, erklärt wohl einen Teil ihres legendären Konfliktes mit der römischen Kirche.

Nitsch: Ja, dieses Thema ist mir sehr wichtig. In vielen Religionen - auch im Christentum - gibt es ja Momente, wo die Transzendenz auch ins Hier und Jetzt hineingeholt wird, im Hier und Jetzt offenbar wird. In allen Mysterien und Sakramenten. Selbst die lebensverneinenden und Transzendenz verherrlichenden Religionen kommen ohne den Gedanken nicht aus, dass die Transzendenz zumindest hier erscheint und hier zur Wirkung kommt. Und bei der modernsten asiatischen Religion, beim Zen-Buddhismus, ist das ja gerade der Kern, dass die Transzendenz ins Hier und Jetzt hereingerissen wird durch die Erleuchtung. Ich trenne nicht zwischen Immanenz und Transzendenz. Transzendenz haftet dem Dasein, dem Sein und der Schöpfung an. Ich will das nicht positivistisch sehen und sagen, die Transzendenz sei das, was wir nicht wissen. Aber sie ist das Ungewusste.

Ist das nicht ein Herunterkühlen der großen religiösen Gefühle auf eine Art freudianisches Unbewusstes?

Nitsch: Das wäre mir zu simpel. Beim Zen-Buddhismus gibt es ja Momente, wo der Erleuchtete sich über die Mystik erhaben fühlt, weil er das So-Sein der Welt und der Natur erkennt, quasi in einem über-intellektuellen Sinn durchschaut.

Und das ist Ihr Anspruch?

Nitsch: Ja. Obwohl ich immer wieder von (Seins-)Mystik spreche, geht es mir auch um eine realistische Mystik und um ein realistisches Erkennen der Welt. Darum, dass wir das So-Sein der Welt und damit unser So-Sein erfahren können; dass nichts durch Lügen, Schwindel, falsch verstandene Mythologeme umschleiert wird.

Eines der für Sie wichtigen Mittel war immer eine Art kathartischer Schock.

Nitsch: Ich würde sagen, das Erfahren des Numinosen, das durchputzt, wie eine verstopfte Benzinzufuhr eines Fahrzeugs. Mir ist es sehr wichtig, dass wir im Hier und Jetzt das Numinose erfahren, die Großartigkeit der Welt mit ihrer Transzendenz, die sie umgibt und durchdringt.

Aus theologischer Sicht ist das "nur" ein naturreligiöses Konglomerat.

Nitsch: Dagegen habe ich nichts, weil ich von allen Religionen und allen philosophischen Interpretationen gelernt habe. Vor allem von Freud und von Nietzsche, und da geht es um ein radikales Ja zum Leben.

Ist das nicht deprimierend? Sie wollen tief ins Leben eingreifen, dabei ist Ihre Kunst richtig schick geworden.

Nitsch: Mit dem habe ich einerseits zu kämpfen, andererseits sollte es mir gelingen, das zu integrieren. Mein Ziel wäre es ja, dass die Tragödie zum Fest wird. Das muss man halt verbinden, versuchen, durch die Kunst dazu beizutragen, dass das nicht seicht wird.

Sie propagieren "die Überwindung der Tragödie durch das Fest". Das birgt die Gefahr des Seichten, aber auch die des Zynismus.

Nitsch: Ja, vielleicht braucht man einen gewissen Zynismus, dass man unser Leben überhaupt bejaht. Aber andererseits geht es um Intensität, und das Erreichen dieser Intensität ist auch ein permanenter Prozess.

Würden Sie eine Aktion absagen, wenn am selben Tag ein großer Krieg ausbricht?

Nitsch: Nein, überhaupt nicht. Dann müsste man ja alles absagen, denn zur gleichen Zeit sterben immer Menschen, leiden Menschen. Die einen sind glücklich, andere verlassen die Welt. Dieses Gleichzeitige ist permanent; ohne es kann das Sein nicht existieren. Die Welt oder das Sein ist alles, ist die Fülle von allem, was ist, ist, alles, alles, was es gibt. Und da gibt es eben nicht nur das Rosige. Es gibt nichts, was nicht ist im Sein.

Kann es so etwas wie den kathartischen Schock heute noch geben angesichts der Schockbilder, die unseren Alltag prägen?

Nitsch: Die dringen nicht tief genug. Sie sind gefiltert durch ein Medium, es bleibt bei der gleichen Seichtigkeit. Wenn Sie eine Bruckner-Symphonie hören, dann ist das auch ein Schock. Aber da wird man schockiert von der Kraft und Gewalt, von der Jubelfülle der Daseins-Möglichkeiten.

Sie sind ja der letzte aktive Wiener Aktionist. War der Aktionismus ein zeitlich beschränktes Phänomen der Kunstgeschichte?

Nitsch: Mag sein der Aktionismus, aber nicht meine Arbeit. Ich habe mich das ganze Leben um das Orgien Mysterien Theater bemüht und werde das weiterhin tun, und ich möchte mich nicht auf den Aktionismus einschränken lassen. Alle meine Aktivitäten waren eigentlich Vorstufen meines großen Projektes, meiner Sechs-Tages-Spiele. Mein Theater ist ja irgendwie so ein Jugendwerk, wie es sich bei vielen Meistern durch das ganze Leben gezogen hat - Goethe mit seinem Faust, und Wagner, der vom Lohengrin über den Ring zum Parzival kommt. Schopenhauer hat später immer nur "Die Welt als Wille und Vorstellung" kommentiert.

Ihr künstlerisches Leben ist ein permanenter Kompromiss, weil die Vollaufführung des Sechs-Tage-Spiels aus finanziellen Gründen bisher nur einmal, 1998 möglich war.

Nitsch: Das ist eine Tragik des Gesamtkunstwerkes, dass die volle Aufführung, die wir uns wünschen, immer vor uns einhergeht. Es geht uns wie dem Hund, der die Knackwurst an sich gebunden hat, sodass er sie wie eine Angel vor sich hat.

Ihr Konzept, dass in einer Art religiösen Tiefe der eigentliche Sinn des Lebens versteckt wäre, gilt heute als reaktionär.

Nitsch: Reaktionär ist man nicht, wenn man versucht, weitere Dimensionen zu durchschauen als jene Belange, die einen in unserem kleinen Denken umdrängen. Den größten Philosophen, Heraklit, Parmenides, hat man vorgeworfen, sie seien reaktionär, und für modern hat man Perikles gehalten. Bedenken Sie die Modernität des Perikles, der einer der ersten Demokraten war. Diese Demokratie, das war ein Golfklub, aufgebaut auf zwei Drittel Sklavengesellschaft!

Ich glaube, dass es in der Kunst nichts Reaktionäres gibt, nur zeitlich verschiedene Auffassungen. Für den El Greco hat man sich 200 Jahre lang geniert, und dann plötzlich, zur Zeit des Expressionismus, hat man dieses Lebensgefühl wieder verstanden. Das setzt sich dann wieder durch, weil die Sprache der Kunst so stark ist. Ich nehme an und hoffe, dass meine Arbeit zeitlos ist.

Kann das auch für das Religiöse gelten?

Nitsch: Wenn damit eine Religiosität gemeint ist, die von allen Konzessionen losgelöst ist, wenn es sich tatsächlich um eine Seinsmystik handelt, die zeitlos ist, die von Buddha über Meister Eckhart bis zum verpönten Heidegger oder zu Nietzsche zeigt.

Sie bezeichnen sich als Anarchisten.

Nitsch: Ich sehe in der Anarchie eine philosophische Wissenschaft, die versucht, ein nicht-zentralistisches Denken zu verwirklichen. Das ist natürlich eine Utopie, die schwer zu verwirklichen ist, da bedarf es noch vieler genialer Menschen, die das in ein realisierbares Geleise bringen.

Obwohl Sie sich gelegentlich politisch äußern, sind Sie ein unpolitischer Künstler?

Nitsch: Ich habe einen unpolitischen Zugang zur Politik.

Glauben Sie nicht, dass die Kunst das Leben, auch die Politik, beeinflussen sollte?

Nitsch: Ich halte was davon, wenn die Kunst tatsächlich ins Leben geht. Aber doch bitte nicht in diesen riesigen Irrtum, der jetzt Jahrtausende lang betrieben wurde und der Politik heißt. Ich glaube, dass Kunst die Welt verändern kann. Aber auf einem anderen Weg. Man muss zuerst sich selbst verändern, um überhaupt zu einer Kraft zu kommen, dass man eine ganze Seilschaft halten kann, wenn sie strauchelt. Ich glaube, nicht das Gebot der Liebe ist das Entscheidende, sondern dass man so strahlt, dass die Liebe aus einem herauskommt. Die Liebe kann einem niemand anschaffen, auch keine Religion. Wenn Sie nur den alten Bruckner anschauen: Da schaut Sie ein Mensch an, der durchschaut die ganze Welt und aus dem schaut die ganze Welt heraus. So kann man politisch wirken. Und durch so eine gewaltige Musik kann man politisch wirken. Alles andere ist Humbug.

Ist Ihre Kunst eine Utopie, ein Fluchtort aus dem, was wir als das Reale erleben?

Nitsch: Nein. Wenn ich mit Freunden beisammen sitze und sage, Freunde, versuchts intensiv zu leben, das bringt euch und anderen viel, dann ist das kein Versprechen. Nicht einmal eine ferngestellte Verheißung. Das kann sofort eingelöst werden. Und es kann die Welt sehr verändern. Ich wünsche mir, dass durch meine Arbeit und vielleicht durch mein Lebensbeispiel die Leute sich dem Hier und Jetzt zuwenden. Und das Hier und jetzt ist der ganze kosmische Überschwang, in den wir eingebaut sind.

 

Hermann Nitsch wird 65
(c) apa (Cibulka, Artinger) Montage: diepresse.com
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