Hermann Nitsch, Aktionist, im Gespräch über die Kunst und das
Leben
Die Presse: Rituale spielen für Sie eine große Rolle. Ist
dieser Geburtstag für Sie was Besonderes?
Hermann Nitsch: Ich feiere überhaupt gerne Feste,
grundsätzlich. Ich habe diese Lebensanschauung des Lebensfestes: dass der
Lebensablauf eigentlich immer ein Fest sein soll - trotz Arbeit, trotz
Schmerz. Der eigentliche Sinn dessen, dass wir hier sind, ist der Ablauf
eines Festes.
Ist mit 65 für Sie der Tod ein größeres Thema als mit 40?
Nitsch: Nein. Zeitlich ist alles, was durch die
Perspektive eines Anfangs und eines Endes gesehen wird. Also Geburt und
Tod. Wenn man aber das Weltengefüge - wie schon die Vorsokratiker - als
permanentes Fließen sieht, da gibt es keinen Anfang und kein Ende. Auch
die Schrecklichkeit des Todes wird da irgendwie relativiert, durch das
Zyklische, durch die Wiederkehr, die man ja - wenn man erst einmal die
persönliche Wiederkehr außer Acht lässt - permanent beobachten kann, durch
die Jahreszeiten und eben durch die Geschichte. Es wird immer wieder
geboren, es kommt immer wieder Neues, und es wird immer wieder gestorben.
Dass Sie die Transzendenz ins Hier und Jetzt holen,
erklärt wohl einen Teil ihres legendären Konfliktes mit der römischen
Kirche.
Nitsch: Ja, dieses Thema ist mir sehr wichtig. In vielen
Religionen - auch im Christentum - gibt es ja Momente, wo die Transzendenz
auch ins Hier und Jetzt hineingeholt wird, im Hier und Jetzt offenbar
wird. In allen Mysterien und Sakramenten. Selbst die lebensverneinenden
und Transzendenz verherrlichenden Religionen kommen ohne den Gedanken
nicht aus, dass die Transzendenz zumindest hier erscheint und hier zur
Wirkung kommt. Und bei der modernsten asiatischen Religion, beim
Zen-Buddhismus, ist das ja gerade der Kern, dass die Transzendenz ins Hier
und Jetzt hereingerissen wird durch die Erleuchtung. Ich trenne nicht
zwischen Immanenz und Transzendenz. Transzendenz haftet dem Dasein, dem
Sein und der Schöpfung an. Ich will das nicht positivistisch sehen und
sagen, die Transzendenz sei das, was wir nicht wissen. Aber sie ist das
Ungewusste.
Ist das nicht ein Herunterkühlen der großen religiösen
Gefühle auf eine Art freudianisches Unbewusstes?
Nitsch: Das wäre mir zu simpel. Beim Zen-Buddhismus gibt
es ja Momente, wo der Erleuchtete sich über die Mystik erhaben fühlt, weil
er das So-Sein der Welt und der Natur erkennt, quasi in einem
über-intellektuellen Sinn durchschaut.
Und das ist Ihr Anspruch?
Nitsch: Ja. Obwohl ich immer wieder von (Seins-)Mystik
spreche, geht es mir auch um eine realistische Mystik und um ein
realistisches Erkennen der Welt. Darum, dass wir das So-Sein der Welt und
damit unser So-Sein erfahren können; dass nichts durch Lügen, Schwindel,
falsch verstandene Mythologeme umschleiert wird.
Eines der für Sie wichtigen Mittel war immer eine Art
kathartischer Schock.
Nitsch: Ich würde sagen, das Erfahren des Numinosen, das
durchputzt, wie eine verstopfte Benzinzufuhr eines Fahrzeugs. Mir ist es
sehr wichtig, dass wir im Hier und Jetzt das Numinose erfahren, die
Großartigkeit der Welt mit ihrer Transzendenz, die sie umgibt und
durchdringt.
Aus theologischer Sicht ist das "nur" ein naturreligiöses
Konglomerat.
Nitsch: Dagegen habe ich nichts, weil ich von allen
Religionen und allen philosophischen Interpretationen gelernt habe. Vor
allem von Freud und von Nietzsche, und da geht es um ein radikales Ja zum
Leben.
Ist das nicht deprimierend? Sie wollen tief ins Leben
eingreifen, dabei ist Ihre Kunst richtig schick geworden.
Nitsch: Mit dem habe ich einerseits zu kämpfen,
andererseits sollte es mir gelingen, das zu integrieren. Mein Ziel wäre es
ja, dass die Tragödie zum Fest wird. Das muss man halt verbinden,
versuchen, durch die Kunst dazu beizutragen, dass das nicht seicht wird.
Sie propagieren "die Überwindung der Tragödie durch das
Fest". Das birgt die Gefahr des Seichten, aber auch die des Zynismus.
Nitsch: Ja, vielleicht braucht man einen gewissen
Zynismus, dass man unser Leben überhaupt bejaht. Aber andererseits geht es
um Intensität, und das Erreichen dieser Intensität ist auch ein
permanenter Prozess.
Würden Sie eine Aktion absagen, wenn am selben Tag ein
großer Krieg ausbricht?
Nitsch: Nein, überhaupt nicht. Dann müsste man ja alles
absagen, denn zur gleichen Zeit sterben immer Menschen, leiden Menschen.
Die einen sind glücklich, andere verlassen die Welt. Dieses Gleichzeitige
ist permanent; ohne es kann das Sein nicht existieren. Die Welt oder das
Sein ist alles, ist die Fülle von allem, was ist, ist, alles, alles, was
es gibt. Und da gibt es eben nicht nur das Rosige. Es gibt nichts, was
nicht ist im Sein.
Kann es so etwas wie den kathartischen Schock heute noch
geben angesichts der Schockbilder, die unseren Alltag prägen?
Nitsch: Die dringen nicht tief genug. Sie sind gefiltert
durch ein Medium, es bleibt bei der gleichen Seichtigkeit. Wenn Sie eine
Bruckner-Symphonie hören, dann ist das auch ein Schock. Aber da wird man
schockiert von der Kraft und Gewalt, von der Jubelfülle der
Daseins-Möglichkeiten.
Sie sind ja der letzte aktive Wiener Aktionist. War der
Aktionismus ein zeitlich beschränktes Phänomen der Kunstgeschichte?
Nitsch: Mag sein der Aktionismus, aber nicht meine
Arbeit. Ich habe mich das ganze Leben um das Orgien Mysterien Theater
bemüht und werde das weiterhin tun, und ich möchte mich nicht auf den
Aktionismus einschränken lassen. Alle meine Aktivitäten waren eigentlich
Vorstufen meines großen Projektes, meiner Sechs-Tages-Spiele. Mein Theater
ist ja irgendwie so ein Jugendwerk, wie es sich bei vielen Meistern durch
das ganze Leben gezogen hat - Goethe mit seinem Faust, und Wagner, der vom
Lohengrin über den Ring zum Parzival kommt. Schopenhauer hat später immer
nur "Die Welt als Wille und Vorstellung" kommentiert.
Ihr künstlerisches Leben ist ein permanenter Kompromiss,
weil die Vollaufführung des Sechs-Tage-Spiels aus finanziellen Gründen
bisher nur einmal, 1998 möglich war.
Nitsch: Das ist eine Tragik des Gesamtkunstwerkes, dass
die volle Aufführung, die wir uns wünschen, immer vor uns einhergeht. Es
geht uns wie dem Hund, der die Knackwurst an sich gebunden hat, sodass er
sie wie eine Angel vor sich hat.
Ihr Konzept, dass in einer Art religiösen Tiefe der
eigentliche Sinn des Lebens versteckt wäre, gilt heute als reaktionär.
Nitsch: Reaktionär ist man nicht, wenn man versucht,
weitere Dimensionen zu durchschauen als jene Belange, die einen in unserem
kleinen Denken umdrängen. Den größten Philosophen, Heraklit, Parmenides,
hat man vorgeworfen, sie seien reaktionär, und für modern hat man Perikles
gehalten. Bedenken Sie die Modernität des Perikles, der einer der ersten
Demokraten war. Diese Demokratie, das war ein Golfklub, aufgebaut auf zwei
Drittel Sklavengesellschaft!
Ich glaube, dass es in der Kunst nichts Reaktionäres
gibt, nur zeitlich verschiedene Auffassungen. Für den El Greco hat man
sich 200 Jahre lang geniert, und dann plötzlich, zur Zeit des
Expressionismus, hat man dieses Lebensgefühl wieder verstanden. Das setzt
sich dann wieder durch, weil die Sprache der Kunst so stark ist. Ich nehme
an und hoffe, dass meine Arbeit zeitlos ist.
Kann das auch für das Religiöse gelten?
Nitsch: Wenn damit eine Religiosität gemeint ist, die von
allen Konzessionen losgelöst ist, wenn es sich tatsächlich um eine
Seinsmystik handelt, die zeitlos ist, die von Buddha über Meister Eckhart
bis zum verpönten Heidegger oder zu Nietzsche zeigt.
Sie bezeichnen sich als Anarchisten.
Nitsch: Ich sehe in der Anarchie eine philosophische
Wissenschaft, die versucht, ein nicht-zentralistisches Denken zu
verwirklichen. Das ist natürlich eine Utopie, die schwer zu verwirklichen
ist, da bedarf es noch vieler genialer Menschen, die das in ein
realisierbares Geleise bringen.
Obwohl Sie sich gelegentlich politisch äußern, sind Sie
ein unpolitischer Künstler?
Nitsch: Ich habe einen unpolitischen Zugang zur Politik.
Glauben Sie nicht, dass die Kunst das Leben, auch die
Politik, beeinflussen sollte?
Nitsch: Ich halte was davon, wenn die Kunst tatsächlich
ins Leben geht. Aber doch bitte nicht in diesen riesigen Irrtum, der jetzt
Jahrtausende lang betrieben wurde und der Politik heißt. Ich glaube, dass
Kunst die Welt verändern kann. Aber auf einem anderen Weg. Man muss zuerst
sich selbst verändern, um überhaupt zu einer Kraft zu kommen, dass man
eine ganze Seilschaft halten kann, wenn sie strauchelt. Ich glaube, nicht
das Gebot der Liebe ist das Entscheidende, sondern dass man so strahlt,
dass die Liebe aus einem herauskommt. Die Liebe kann einem niemand
anschaffen, auch keine Religion. Wenn Sie nur den alten Bruckner
anschauen: Da schaut Sie ein Mensch an, der durchschaut die ganze Welt und
aus dem schaut die ganze Welt heraus. So kann man politisch wirken. Und
durch so eine gewaltige Musik kann man politisch wirken. Alles andere ist
Humbug.
Ist Ihre Kunst eine Utopie, ein Fluchtort aus dem, was
wir als das Reale erleben?
Nitsch: Nein. Wenn ich mit Freunden beisammen sitze und
sage, Freunde, versuchts intensiv zu leben, das bringt euch und anderen
viel, dann ist das kein Versprechen. Nicht einmal eine ferngestellte
Verheißung. Das kann sofort eingelöst werden. Und es kann die Welt sehr
verändern. Ich wünsche mir, dass durch meine Arbeit und vielleicht durch
mein Lebensbeispiel die Leute sich dem Hier und Jetzt zuwenden. Und das
Hier und jetzt ist der ganze kosmische Überschwang, in den wir eingebaut
sind.
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| Orgien, Blut und Aktionismus |
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