03.10.2003 16:31
Es ist angepflanzt
Die
Gartenarbeit erledigen jetzt andere. Franziska und Lois Weinberger legen
gemeinsam mit Wilhelm Glockner einen Garten im Internet an, bei dem jeder per
E-Mail mitpflanzen kann - Foto
Normalerweise geht das ja so 'rum: Nach intensivem
Studium von Katalogen, die von kindskopfgroßen Erdbeeren über
originalsüdchinesische Gräser bis hin zu immerbunten Komplettbastelsätzen für
den vorbildlichen Reihenhausgarten alles anbieten, was ertragreich Wurzeln
schlägt, wird bestellt, was einige Kübel Wasser später das Idyll bilden soll.
Unter Idyll muss man sich etwas vorstellen, das originell ist. Und unter
originell muss man sich alles vorstellen, was beim Nachbarfreizeitgärtner Neid
hervorruft. Bis der dann auch bestellt. Und gnadenlos zurückpflanzt. Man nennt
das Wirtschaftswachstum.
Aber egal. Es geht auch so: "Schicken Sie uns
eine Pflanze!" Ein Gänseblümchen kann das sein, oder auch eine Onopordon
Illyricum. Verfassen Sie ein paar Zeilen dazu, merken Sie zum Beispiel an, wo
Sie Ihre Einsendung gefunden haben, wie oft sie blüht, was sie mag und was
nicht. Wenn Sie das nicht wissen, ist das jetzt auch wieder egal. Und: Pflanzen
gibt es überall, auch im Jenseits der Blumenländer. Am Parkplatz davor etwa, in
Mittel-und auch Pannenstreifen, beim Mist, beim Bus, am Schotterteich, im
Industriegebiet. Was Sie jetzt noch wissen müssen: "Reißen Sie die Pflanzen
nicht aus, machen Sie sich und uns bloß ein Bild davon, ein digitales am besten.
Und schicken Sie es an internetgarten@loisweinberger.net. Fertig.
Alles
Weitere machen dann Lois und Franziska Weinberger und Wilhelm Gockner. Aha,
werden Sie jetzt sagen, der Weinberger, das wird sicher wieder so ein perfekt
provisorisches Gebiet, das wird wieder so ein Wildwuchs, der keinen Zaun nicht
achten wird! Und wie recht Sie damit haben. Natürlich stecken Weinbergers
dahinter. Natürlich wird wieder alles gleichgemacht. Natürlich herrscht dort,
auch was die Aufmerksamkeit betrifft, ein strenges Gießkannenprinzip. Natürlich
hat da die Mutterpelargonie der Taubnessel nichts voraus, die Rose nichts dem
Wegerich. Und: Schädlingsbekämpfungsanleitungen brauchen Sie erst gar nicht
mitzuschicken. Weil: Genau! Und noch was: Sie verzichten auf alle Rechte an den
Pflanzen. Auch auf die Bildrechte. Das ist erstens pädagogisch sehr wertvoll,
und zweitens unabdingbar für so einen grenzenlosen Garten, der da als fiktiver
global bewachsener Raum entstehen soll. An Ihren Einsendungen wird auch
gnadenlos herumrecherchiert. Ihre Belegexemplare werden außerdem in den jeweils
entsprechenden Klima- und Bodenverhältnissen eingepflanzt. Dann braucht man
nämlich weder Turbodünger noch Schneck-Ex. Und: Das passt zusammen! Das bildet
einen Kosmos von Beifuss und Ampfer, von Wiesenknöterich und Ackersenf, von
Käsepappel nebst wilder Möhre.
"Und so ein Kosmos", sagt zum Beispiel
Annelie Pohlen vom Bonner Kunstverein, "bietet sich dar als ein präzise
recherchierter und poetisch kodifizierter Raum für ebenso dynamisch wuchernde
wie fragile Vorstellungen von antinormativen gesellschaftlichen wie natürlichen
Lebensprozessen. Das perfekt provisorische Gebiet ist der Raum für alltägliche
Handlungen an einem nach alltäglichen Normen ,falschen Ort', das Gebiet des und
der anderen, die für sich selbst auftreten und zugleich Metapher für eine
andere, nicht mehr alltägliche mentale Ordnung sind." Dem ist jetzt nichts
hinzuzufügen. Auch wenn Sie jetzt sagen: "Schon wieder Kunst! Geht's nicht ohne!
Antwort: Noch nicht! Aber Ihre Einsendung kann uns alle der Vi- sion einer wegen
Unnotwendigkeit einvernehmlich eingestellten Kunstproduktion näher bringen.
(Text: Markus Mittringer, DER STANDARD,
rondo/03/10/2003)