| Puppen-Spiegel | |
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Wie Tony Oursler seine Geschöpfe zu kollektiven und individuellen Projektionsfläche macht. |
Die renommierte amerikanische Kritikerin
Rosalind Kraus bezeichnete schon in den 70er Jahren die Videokamera als
eine Art Spiegel. Das so geschaffene Kunstwerk sei daher die Aufzeichnung
einer narzistischen Begegnung. Ihr Kollege David Joselit ging ein Stück
weiter und meinte, das Betrachten von Videos habe auch eine psychologische
Dimension und stelle neben der Privatheit auch einen Nachvollzug der
Diskursformen des Massenmediums dar. Wie es scheint, steht Tony Oursler in
der Tradition dieser beiden Interpretationsstränge. Puppen
Seit 1992 arbeitet Oursler mit Puppen und Figuren auf deren Köpfe er
Gesichter projiziert. Diese Figuren mimen Gefühle, noch häufiger aber
erzählen sie Geschichten, und dabei jammern, schreien, drohen und
beschwatzen sie uns unaufhörlich, egal ob ihnen jemand zuhört oder nicht.
Gefangen in den Schranken einer physischen Situation, die lediglich
Ausdruck ihrer geistigen Verwirrtheit ist, erfüllen sie die verdunkelten
Galerieräume rücksichtslos mit ihrer Klagelitanei. Beispiele In "Get Away 2" aus dem Jahr von 1994 liegt die Figur danieder und
stiert traurig unter der Ecke einer Matratze hervor, die sie zu Boden
drückt. "White Trash/Phobic" präsentierte 1993 zwei einander überlagernde
Psychen als Protagonisten, die in eine abstrakte Unterhaltung vertieft
sind, während sie sich in zwei gegenüberliegenden Ecken eines Raumes
zwängen. Wieder andere Dummies sind in riesige leere Pillenkapseln
gepresst- Ursprung oder Endpunkt ihres Deliriums. Abgründiges
Tony Ourslers Puppen gehen an die Substanz des Betrachters. Sie werfen
existenzielle Fragen aus und fördern den Bodensatz menschlichen Seins zu
Tage: Wut, Zorn, Ängste, Paranoia, Verstrickungen, psychische
Deformationen. Es scheint so als würde Oursler auf sehr gekonnte Art seine
eigenen Abgründe auf die Gesichter dieser Wesen projizieren. Substitute Er nennt seine Figuren gern "Effigien". Das Wort bezeichnet einerseits
ein skulpturales Bildnis, andererseits schwingt darin auch eine
Redewendung mit, die dunkle Untertöne anklingen lässt: Jemand "in effigie"
hinrichten oder verbrennen lassen, heißt, das einer verhassten Person
zugedachte Urteil an einer Puppe oder an einem Bild symbolisch
vollstrecken. Von Golem bis zur Voodoo-Puppe gibt es zahlreiche bekannte
Figuren, die als Projektionsfläche für Hass, unterdrückte Wünsche und
Begierde dienen. Link: Tony
Oursler | ||||||