Puppen-Spiegel

Wie Tony Oursler seine Geschöpfe zu kollektiven und individuellen Projektionsfläche macht.


Die renommierte amerikanische Kritikerin Rosalind Kraus bezeichnete schon in den 70er Jahren die Videokamera als eine Art Spiegel. Das so geschaffene Kunstwerk sei daher die Aufzeichnung einer narzistischen Begegnung. Ihr Kollege David Joselit ging ein Stück weiter und meinte, das Betrachten von Videos habe auch eine psychologische Dimension und stelle neben der Privatheit auch einen Nachvollzug der Diskursformen des Massenmediums dar. Wie es scheint, steht Tony Oursler in der Tradition dieser beiden Interpretationsstränge.

Puppen

"Ionic Reflector", 2002 (Zum Vergrößern anklicken)

Seit 1992 arbeitet Oursler mit Puppen und Figuren auf deren Köpfe er Gesichter projiziert. Diese Figuren mimen Gefühle, noch häufiger aber erzählen sie Geschichten, und dabei jammern, schreien, drohen und beschwatzen sie uns unaufhörlich, egal ob ihnen jemand zuhört oder nicht. Gefangen in den Schranken einer physischen Situation, die lediglich Ausdruck ihrer geistigen Verwirrtheit ist, erfüllen sie die verdunkelten Galerieräume rücksichtslos mit ihrer Klagelitanei.
Der Betrachter fühlt sich oftmals mit Dreck beworfen.

Beispiele

In "Get Away 2" aus dem Jahr von 1994 liegt die Figur danieder und stiert traurig unter der Ecke einer Matratze hervor, die sie zu Boden drückt. "White Trash/Phobic" präsentierte 1993 zwei einander überlagernde Psychen als Protagonisten, die in eine abstrakte Unterhaltung vertieft sind, während sie sich in zwei gegenüberliegenden Ecken eines Raumes zwängen. Wieder andere Dummies sind in riesige leere Pillenkapseln gepresst- Ursprung oder Endpunkt ihres Deliriums.

Abgründiges

"Parallel Feed", 2002

Tony Ourslers Puppen gehen an die Substanz des Betrachters. Sie werfen existenzielle Fragen aus und fördern den Bodensatz menschlichen Seins zu Tage: Wut, Zorn, Ängste, Paranoia, Verstrickungen, psychische Deformationen. Es scheint so als würde Oursler auf sehr gekonnte Art seine eigenen Abgründe auf die Gesichter dieser Wesen projizieren.

Substitute

Er nennt seine Figuren gern "Effigien". Das Wort bezeichnet einerseits ein skulpturales Bildnis, andererseits schwingt darin auch eine Redewendung mit, die dunkle Untertöne anklingen lässt: Jemand "in effigie" hinrichten oder verbrennen lassen, heißt, das einer verhassten Person zugedachte Urteil an einer Puppe oder an einem Bild symbolisch vollstrecken. Von Golem bis zur Voodoo-Puppe gibt es zahlreiche bekannte Figuren, die als Projektionsfläche für Hass, unterdrückte Wünsche und Begierde dienen.

Link: Tony Oursler

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