


vergrößern 700x465Blick in die Ausstellung "Che fare? Arte povera - Die historischen Jahre" im Lentos. Pino Pascalis Borstenwurm schraubt sich dort aber an einer anderen Stelle in den Raum.

Linz - Wie eine vergessene Bahn Tapete breitet sich ein pinkfarbenes Stück Bleifolie am Boden aus (Pier Paolo Calzolari), dahinter türmt sich eine Wand aus buntgemusterten Stoffziegeln (Michelangelo Pistoletto). Auch ein Kunstgrasteppich (Calzolari) und die intensivgrüne Raupe (Pino Pascali) aus Bürsten zieht nach dem Winter frischfarbenhungrige Blicke auf sich. Vor den Betrachteraugen breiten sich im großen Saal des Lentos bunt und dicht an dicht gute zwei Dutzend Kunstwerke aus. Arte povera? Zugegeben, das hätte man sich anders vorgestellt.
Verdorben von auratischen Inszenierungen der Minimal Art, hätte man auch hier mit viel Respektabstand installierte Materialien wie Wachs, Holz oder Blei und große Wirkungsradien erwartet. So rein und isoliert hatten 2000 die Tate Modern in London und etwas später das Walker Art Center in Minneapolis die Positionen präsentiert: zwar ästhetisch wirkungsvoll, aber sehr zum Missfallen der beteiligten Künstler.
Boetti, Calzolari, Luciano Fabro, Mario Merz und Co verwendeten (neben sehr profanen) zwar zum Teil ähnlich pure, natürliche Materialien wie die Minimalisten. Der lebenszugewandte Zug in den Arbeiten der Italiener ist aber das genaue Gegenteil vom entpersönlichten, objektivierenden und elitären Charakter der Minimal Art.
Dicht und intensiv
Die Vertreter der "armen Kunst" (den Begriff prägte Germano Celant damals in Bezug auf die einfache Formensprache) präsentierten sich vielmehr in atmosphärisch dichten Ausstellungen, die auch den intensiven geistigen Austausch untereinander widerspiegelten: Deutlich wird das in dokumentarischen Fotografien (etwa im Katalog) von Turiner Ausstellungen jener Jahre: der Gruppenschau im Deposito d'arte presente 1968 oder Boettis Solopräsentation in der Galleria Stein.
Ein Manifest, das die Künstler zur Gruppe zusammenschloss, gab es allerdings nie. Vielmehr herrschte Einverständnis darüber, das Leben näher an die Kunst, die Kunst näher an das Leben zu bringen - und sinnlich und poetisch auch für den Betrachter unmittelbarer und authentisch erlebbarer zu sein. Nah dran ist man in Linz auf alle Fälle: Da könnte das Leben die Kunst bisweilen als Stolperfalle benutzen. Bereits im Kunstmuseum Liechtenstein, wo die auf die historischen Jahre 1967 bis 1972 beschränkte Ausstellung Che fare? Arte povera von Christiane Meyer-Stoll konzipiert wurde, hat man dieses Nebeneinander der Gedanken aufgenommen, jedoch auf mehrere Räume verteilt. Das macht es einfacher, den Leitgedanken - Erdgeschichte und Natur, situative, räumliche Bilder, Aktionistisches, Energie und Alchemie - zu folgen. Obwohl man aufgrund der räumlichen Gegebenheiten in Linz schon ausgedünnt hat, ist die Dichte hier dennoch größer. Man kann sich in beliebigen Schlangenlinien durch den Raum bewegen, sich treiben lassen zu dem, was den Blick in Bann schlägt; eine Beliebigkeit, die die Eindrücke sehr vage hält.
Magnetische Punkte hält die Ausstellung dennoch bereit: Mario Merz' Wachsspirale (1970) ist so einer. Deren Windungen wachsen nach dem Prinzip der Fibonacci-Folge (eine Zahl ergibt sich durch Addition der beiden vorherigen Zahlen). Merz schwebte vor, ein Objekt zu schaffen, das sich ganz in das Gebäude Mies van der Rohes Haus Lange einfügt. Von diesem Gedanken ist die aktuelle Installation leider weit entfernt: dunkle Lüftungsschlitze im Boden durchkreuzen die wächserne Linie gleich mehrfach.
Anziehend auch Giovanni Anselmos die Gravitation aufhaltender Salatkopf. Oder Gilberto Zorios Hanfseil, das das Wort Odio für Hass formt. In Blei verewigt, zieht dieses Gefühl unweigerlich zu Boden. Oder Giulio Paolinis Beweis: Die Tafeln auf zwei Staffeleien zeigen nichts anderes als ihr Gegenüber: die Kehrseite einer Staffelei. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 15. März 2011)
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