Ziemlich indigniert
reagiert eine Frau, als sie sich an der Bar mit dem Barkeeper
unterhält: „Was!? Ich könnte doch Ihre Mutter sein!“ Sagt der Barkeeper
grinsend: „Fürchten Sie sich vor Ihrem Sohn auch so sehr wie vor mir?“
Darauf sie mit tiefer Stimme und gekreuzten Armen: „ICH KÖNNTE IHR SOHN
SEIN!“
Es ist ein schmaler weißer Papierstreifen, auf dem dieser
merkwürdige, offensichtlich in einem Textverarbeitungsprogramm getippte
Sketch steht. Man stelle ihn sich englischsprachig vor, was mit dem
trockenen Humor, der darin mitschwingt, ohnehin besser korrespondiert.
Wie eine Depesche kommt er daher, hat sich eingeschlichen in eines der
in Acrylharz eingegossenen Bilder, die unverwechselbar die Signatur
Lucie Stahls tragen. Und findet sich darin am Ende von Schlieren,
Patzen und Flecken in Rosa-, Lila-, Gelb- und Violettschattierungen
umgeben und bedrängt, ja geradezu ertränkt.
In der Tat erweisen sich
die färbigen Bereiche dieses knapp „Son“ benannten Bildes bei genauerer
Betrachtung als zähe Flüssigkeiten, die ineinanderverlaufen. Ab und zu
wird die unbestimmbare Farbsauce durch weiß-gelb-schwarze
Granulatinseln unterbrochen. In anderen Bildern tauchen
identifizierbarere Gegenstände auf: Espandrillo-Sohlen etwa, Kameras,
Objektive, Zeichenstifte, Papierschnipsel oder Haushaltsutensilien wie
Wäscheklammern, Porzellangefäße, Keramikäpfel.
Maximaler Realismus.
Die Zettel mit kurzen Geschichten, deren Quellen Träume, Filme,
Nachrichten oder Stand-up-Comedys aus dem Internet sind, das Spiel mit
sich darum herum rankenden bildhaften Assoziationen und Anspielungen
und die Bändigung sämtlicher Ingredienzien in transparentem Kunstharz
ziehen sich wie ein roter Faden durch die Arbeit Lucie Stahls.
Körperlichkeit ist da ebenso im Spiel wie Querverweise auf die Kunst,
feministische Themen, Genderfragen, Haushaltskram. Der Offenheit in der
Bedeutung steht ein maximaler Realismus in der Darstellung gegenüber.
Würden sie nicht so einen verdammt schwebenden Eindruck hinterlassen,
würde man diese Arbeiten wohl sofort als Fotografien schubladisieren.
Doch
die 35-jährige Deutsche, die seit fünf Jahren an der Akademie der
bildenden Künste am Schillerplatz als Assistentin arbeitet, verweigert
den fotografischen Blick, der durch die Arbeit mit Linse und Objektiv
immer auch ein gebündelter, somit also ein gelenkter ist. Lucie Stahl
hat sich vielmehr dafür entschieden, die Welt zu scannen – und zwar
buchstäblich: „Mein Hauptarbeitsinstrument ist ein einfacher
Büro-Farbscanner“, sagt sie. „Ich habe, zugegeben, einen ziemlichen
Scanner-Verschleiß, da die Geräte nicht nur durch die Arbeit mit
Gegenständen, sondern vor allem, wenn ich mit Flüssigkeiten arbeite,
ziemlich hergenommen werden.“ Das Endresultat ist somit letztlich das
Abbild eines Blicks auf die Welt von unten. Auf dem gläsernen Feld im
A-4-Format, auf das normalerweise höchstens Dokumente, Bücher oder
Fotografien zu liegen kommen dürfen, arrangiert sie, wenn sie arbeitet,
die Utensilien ihrer Bilder, die zugleich Ingredienzien jener Welt
sind, die sie Ausschnitt um Ausschnitt fokussiert und kommentiert, um
sie am Ende auf Posterformat zu vergrößern. „Was ich nicht will, sind
Textbilder“, sagt sie. „In dem Sinn sind meine Texte auch nie poetisch,
und es sind auch keine
Anekdoten. Es geht mir vielmehr immer um
den Turning-Point. Auf der Bildebene ist die Übertreibung wichtig. Sie
wird einerseits durch eine krasse Verschiebung und Veränderung der
Größenverhältnisse im Zug des Ausarbeitungsprozesses erreicht,
andererseits durch die Arbeit mit dem Posterformat, das mit dem Alltag
der Massenmedien weit mehr zu tun hat als mit tradierten künstlerischen
Bezugssystemen. Die Übertreibung schafft erst die notwendige Distanz
zur Wirklichkeit. Aus dem Grund halte ich auch beim Verfassen der Texte
an der englischen Sprache fest. Sie ist neutraler als das Deutsche, und
das ist gut so.“
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