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Lucie Stahl: Die Welt von unten

15.09.2011 | 11:58 | von Johanna Hofleitner (Die Presse - Schaufenster)

Sie verweigert den fotografischen Blick: Lucie Stahl ist eine von drei Künstlerinnen, die für den BC21-Kunstpreis des Belvedere nominiert wurden.

Ziemlich indigniert reagiert eine Frau, als sie sich an der Bar mit dem Barkeeper unterhält: „Was!? Ich könnte doch Ihre Mutter sein!“ Sagt der Barkeeper grinsend: „Fürchten Sie sich vor Ihrem Sohn auch so sehr wie vor mir?“ Darauf sie mit tiefer Stimme und gekreuzten Armen: „ICH KÖNNTE IHR SOHN SEIN!“
Es ist ein schmaler weißer Papierstreifen, auf dem dieser merkwürdige, offensichtlich in einem Textverarbeitungsprogramm getippte Sketch steht. Man stelle ihn sich englischsprachig vor, was mit dem trockenen Humor, der darin mitschwingt, ohnehin besser korrespondiert. Wie eine Depesche kommt er daher, hat sich eingeschlichen in eines der in Acrylharz eingegossenen Bilder, die unverwechselbar die Signatur Lucie Stahls tragen. Und findet sich darin am Ende von Schlieren, Patzen und Flecken in Rosa-, Lila-, Gelb- und Violettschattierungen umgeben und bedrängt, ja geradezu ertränkt.
In der Tat erweisen sich die färbigen Bereiche dieses knapp „Son“ benannten Bildes bei genauerer Betrachtung als zähe Flüssigkeiten, die ineinanderverlaufen. Ab und zu wird die unbestimmbare Farbsauce durch weiß-gelb-schwarze Granulatinseln unterbrochen. In anderen Bildern tauchen identifizierbarere Gegenstände auf: Espandrillo-Sohlen etwa, Kameras, Objektive, Zeichenstifte, Papierschnipsel oder Haushaltsutensilien wie Wäscheklammern, Porzellangefäße, Keramikäpfel.

Maximaler Realismus. Die Zettel mit kurzen Geschichten, deren Quellen Träume, Filme, Nachrichten oder Stand-up-Comedys aus dem Internet sind, das Spiel mit sich darum herum rankenden bildhaften Assoziationen und Anspielungen und die Bändigung sämtlicher Ingredienzien in transparentem Kunstharz ziehen sich wie ein roter Faden durch die Arbeit Lucie Stahls. Körperlichkeit ist da ebenso im Spiel wie Querverweise auf die Kunst, feministische Themen, Genderfragen, Haushaltskram. Der Offenheit in der Bedeutung steht ein maximaler Realismus in der Darstellung gegenüber. Würden sie nicht so einen verdammt schwebenden Eindruck hinterlassen, würde man diese Arbeiten wohl sofort als Fotografien schubladisieren.
Doch die 35-jährige Deutsche, die seit fünf Jahren an der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz als Assistentin arbeitet, verweigert den fotografischen Blick, der durch die Arbeit mit Linse und Objektiv immer auch ein gebündelter, somit also ein gelenkter ist. Lucie Stahl hat sich vielmehr dafür entschieden, die Welt zu scannen – und zwar buchstäblich: „Mein Hauptarbeitsinstrument ist ein einfacher Büro-Farbscanner“, sagt sie. „Ich habe, zugegeben, einen ziemlichen Scanner-Verschleiß, da die Geräte nicht nur durch die Arbeit mit Gegenständen, sondern vor allem, wenn ich mit Flüssigkeiten arbeite, ziemlich hergenommen werden.“ Das Endresultat ist somit letztlich das Abbild eines Blicks auf die Welt von unten. Auf dem gläsernen Feld im A-4-Format, auf das normalerweise höchstens Dokumente, Bücher oder Fotografien zu liegen kommen dürfen, arrangiert sie, wenn sie arbeitet, die Utensilien ihrer Bilder, die zugleich Ingredienzien jener Welt sind, die sie Ausschnitt um Ausschnitt fokussiert und kommentiert, um sie am Ende auf Posterformat zu vergrößern. „Was ich nicht will, sind Textbilder“, sagt sie. „In dem Sinn sind meine Texte auch nie poetisch, und es sind auch keine
Anekdoten. Es geht mir vielmehr immer um den Turning-Point. Auf der Bildebene ist die Übertreibung wichtig. Sie wird einerseits durch eine krasse Verschiebung und Veränderung der Größenverhältnisse im Zug des Ausarbeitungsprozesses erreicht, andererseits durch die Arbeit mit dem Posterformat, das mit dem Alltag der Massenmedien weit mehr zu tun hat als mit tradierten künstlerischen Bezugssystemen. Die Übertreibung schafft erst die notwendige Distanz zur Wirklichkeit. Aus dem Grund halte ich auch beim Verfassen der Texte an der englischen Sprache fest. Sie ist neutraler als das Deutsche, und das ist gut so.“ 


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