Rußland ist groß, und gewaltig ist das politische,
soziale, ökonomische und kulturelle Durcheinander im einstigen Zentrum der
aufgelösten Sowjetunion. So versteht sich's fast von selbst, daß die
Reaktion jüngerer Künstler auf das sie umgebende desolate Leben
entsprechend divergent, bunt und agitationsfreudig ausfällt. Die von einem
russischen Kuratorenteam (mit)getroffene Auswahl will nicht mehr als eine
"Momentaufnahme" vermitteln. Sie besteht aber aus vier Teilen.
Das macht die Ausstellung lebendig, anregend und voller
Bezüge zwischen Bericht, Reaktion, Aufarbeitungs- und
Orientierungsversuch. Dazwischen die Gefühlsausbrüche oder ironischen
Kommentare. Wie Anna Matwejewa in einem Abriß zur Situation feststellt,
habe das "Erwachsenwerden" der zeitgenössischen Kunst in ihrem Land
begonnen, "als sie den Untergrund und das Inoffizielle verlassen" habe.
Postpubertäres fließt dennoch ein.
Matwejewa spricht auch vom "Wahnsinn innerhalb des
alltäglichen Lebens" (wie es sich auf den Betrachter überträgt), den
"Schwachsinn zerfallender Ideologie". Das Material bezeuge ein Überleben
in der Identitätskrise, die zur Folge hat, daß es keinen gemeinsamen
Ansatz gibt, ausgenommen den, über nichts Verbindliches, Einigendes zu
verfügen.
Die vorgestellten "Laboratorien" rekrutieren sich aus
weit auseinanderliegenden Regionen zwischen den Zentren Moskau und
St. Petersburg und Wladiwostok. Überall wird auf Veränderungen,
Unsicherheiten, Fatalitäten aller Art mitunter auch persiflierend oder
obszön eingegangen, wobei dem daraus entstehenden chaotischen
Gesamteindruck durch ein eher strenges Zusammenführen der Beiträge
ausstellungstechnisch zu begegnen versucht wird.
Eigens für Wien - die Schau war zuvor in Berlin gezeigt
worden - konstruierte Walerij Koschljakow einen mit Objekten aus
Pappkarton bestückten Raum samt Rednerpult - "Orte der persönlichen
Errettung". Die damit verbundene Vieldeutigkeit betrifft auch andere
Einheiten wie Alexander Schaburows zwischen 1996 und 2001 entstandenes
"Wundermuseum" voller künstlerisch angereicherter Verstazstücke.
Photos, Videos, Performances überwiegen im übrigen. Sie
vermitteln einen Eindruck von den Irritationen, denen sich die Künstler
ausgesetzt empfinden - sofern sie sich mittlerweile nicht in den Westen
abgesetzt haben. Dort finden sie für sich möglicherweise einen Markt, den
es im Land selbst für sie nicht gibt. Ihre Identitätskrise könnte sich
dadurch allerdings steigern. Oder zu völlig veränderten Positionen führen.
Bis 22. September, Di. 10 bis 24, Mi.-So. 10 bis 18
Uhr.
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