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27.06.2002 - Ausstellung
Aufbruch zu den Orten persönlicher Erinnerung
Davaj! - Los, vorwärts, heißt es im MAK. Dort wird jetzt "Russian Art Now - Aus dem Laboratorium der freien Künste" des Landes gezeigt. Eine Art Spiegel der Verhältnisse.
VON KRISTIAN SOTRIFFER


Rußland ist groß, und gewaltig ist das politische, soziale, ökonomische und kulturelle Durcheinander im einstigen Zentrum der aufgelösten Sowjetunion. So versteht sich's fast von selbst, daß die Reaktion jüngerer Künstler auf das sie umgebende desolate Leben entsprechend divergent, bunt und agitationsfreudig ausfällt. Die von einem russischen Kuratorenteam (mit)getroffene Auswahl will nicht mehr als eine "Momentaufnahme" vermitteln. Sie besteht aber aus vier Teilen.

Das macht die Ausstellung lebendig, anregend und voller Bezüge zwischen Bericht, Reaktion, Aufarbeitungs- und Orientierungsversuch. Dazwischen die Gefühlsausbrüche oder ironischen Kommentare. Wie Anna Matwejewa in einem Abriß zur Situation feststellt, habe das "Erwachsenwerden" der zeitgenössischen Kunst in ihrem Land begonnen, "als sie den Untergrund und das Inoffizielle verlassen" habe. Postpubertäres fließt dennoch ein.

Matwejewa spricht auch vom "Wahnsinn innerhalb des alltäglichen Lebens" (wie es sich auf den Betrachter überträgt), den "Schwachsinn zerfallender Ideologie". Das Material bezeuge ein Überleben in der Identitätskrise, die zur Folge hat, daß es keinen gemeinsamen Ansatz gibt, ausgenommen den, über nichts Verbindliches, Einigendes zu verfügen.

Die vorgestellten "Laboratorien" rekrutieren sich aus weit auseinanderliegenden Regionen zwischen den Zentren Moskau und St. Petersburg und Wladiwostok. Überall wird auf Veränderungen, Unsicherheiten, Fatalitäten aller Art mitunter auch persiflierend oder obszön eingegangen, wobei dem daraus entstehenden chaotischen Gesamteindruck durch ein eher strenges Zusammenführen der Beiträge ausstellungstechnisch zu begegnen versucht wird.

Eigens für Wien - die Schau war zuvor in Berlin gezeigt worden - konstruierte Walerij Koschljakow einen mit Objekten aus Pappkarton bestückten Raum samt Rednerpult - "Orte der persönlichen Errettung". Die damit verbundene Vieldeutigkeit betrifft auch andere Einheiten wie Alexander Schaburows zwischen 1996 und 2001 entstandenes "Wundermuseum" voller künstlerisch angereicherter Verstazstücke.

Photos, Videos, Performances überwiegen im übrigen. Sie vermitteln einen Eindruck von den Irritationen, denen sich die Künstler ausgesetzt empfinden - sofern sie sich mittlerweile nicht in den Westen abgesetzt haben. Dort finden sie für sich möglicherweise einen Markt, den es im Land selbst für sie nicht gibt. Ihre Identitätskrise könnte sich dadurch allerdings steigern. Oder zu völlig veränderten Positionen führen.

Bis 22. September, Di. 10 bis 24, Mi.-So. 10 bis 18 Uhr.



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