| diepresse.com | ||
| zurück | drucken | ||
|
| ||
| 21.04.2004 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Künstlerhaus: Der 24. Bezirk heißt Karlsplatz | ||
| "Niemandsland" im Wiener Künstlerhaus: eine kluge Ausstellung von Kunst über den - nicht: im - öffentlichen Raum. Eine Begehung. | ||
|
Ungestaltet, unbeaufsichtigt, ungegossen. Unbebaut. Nicht in
Verwendung. Am Gaudenzdorfer Gürtel, dort, wo Wienfluss und Gürtel
einander gerade erst geschnitten und die sportlichen Autos die Spur
gewechselt haben, liegt ein Stück Land, das man Wiese, sicher nicht Rasen
nennen kann. Für eine G'stätt'n ist es zu wenig abenteuerlich. Die Gruppe
BMW Architekten und Partner hat ein Stück, vielleicht drei mal drei Meter,
mit allen Wurzeln ausgestochen, in einer Aktion à la Greenpeace, mit
gehisstem Transparent: "Rettet das Niemandsland". Nun steht - liegt? - das Stück bewachsene Erde im ersten
Stock des Künstlerhauses und lässt sich ansehen. Ansehnlich ist es nicht
geworden: Nackte Erde lugt hervor wie eine Glatze im Anfangsstadium, ein
Stück Plastikpflanze liegt zwischen Gras und (Un-)Kraut, eine Vogelfeder
(die von Kunstbetrachter Jan Tabor stammen soll), ein Zwei-Cent-Stück
unbekannten Besitzes. Und wem gehört das Land? Der Stadt Wien? Der so genannten
Allgemeinheit? Den Künstlern? Dem Künstlerhaus? Niemandem? War die
Ausgrabung eine Aneignung? Eine Privatisierung gar? Unverblümt auf Deutsch
übersetzt: ein Raub? Man wird das Gras nun gießen müssen, wissen die Künstler:
Sie haben, würden Öko-Pathetiker wohl sagen, Verantwortung übernommen,
vielleicht auch für die Regenwürmer in der Erde darunter, die jetzt Teil
einer Ausstellung sind. Ein Zimmer weiter zeigt Barbara Holub "zwischen rollen":
frisch ausgerollten Rasen, umzäunt, darin eine unverputzte Ziegelwand,
darauf ein Bildschirm, auf dem man zwei Menschen auf Gartensesseln sieht,
die über Gärten sprechen, zwischen Zäunen. Hier ist klar, wem die Wiese
(ohne Glatze und Feder!) gehört: kein Niemandsland, betreten verboten.
Stillleben von kleinen, harmlosen Landnahmen. "This Schrebergarten is my
Schrebergarten." Simple, bedenkliche, kluge Land-Kunst. Zur Welt-Kunst
aufgehoben in Markus Wilflings "Does Not Really Exist": Zwei Bilder einer
Weltkugel - so real wie René Magrittes Pfeife - auf metallischem Blau, in
unterschiedlicher Höhe, genügen, unterstützt durch Lichtspiegelung, die
Dreidimensionalität vorgaukelt, um einen Fallversuch zu suggerieren. Im
Vakuum natürlich, sonst reibt es sich. Streng nach Newton. An die populäre Illustration der Einsteinschen
Gravitationstheorie erinnert dagegen "Zeit.Punkt" von heri & salli:
Sie haben ein verunglücktes Auto auf ein Schwarz-weiß-Gitter gestellt;
dieses, schlicht durch Klebebänder materialisiert, ist auf dem Wrack
fortgesetzt - verdrillt, verbogen, als ob das schwere Auto das
Koordinatensystem krümmen könnte. Steht hier die Zeit? Ist dieses Zimmer
ein Niemandsland, weil das Wrack nicht abtransportiert wird? Wohl das
nachdenklichste von allen bisher im Museum geparkten Autowracks. Raum kann schmal und knapp werden, wie das bewachte
Niemandsland zwischen Staaten: So drückt man sich in "NachIhnen" von Span
zwischen zwei Wänden durch: Die eine, glatte trägt ein längst - auch durch
eine Operninszenierung - zum geläufigen Motiv avancierte
Unterwäsche-Werbung, die andere ist selbst kurvig, aber körperlos.
Die wohl merkwürdigste Wand haben Look@us2 aufgestellt:
eine "Niemandswand" mit wild ausgefrästen Mustern wie Kornfeld-Kreise, die
weltraumbesessene Architekten erdacht haben. Dazu Skizzen: marsianische
Städte, venusianische Siedlungen, merkurianische Schrebergärten, für all
die Planeten, die bekanntlich niemanden gehören und auf Besitzergreifung
warten, alles genialisch schraffiert, dazwischen ein aus der "Presse"
geschnittenes Hollegha-Statement: "Die Begabten malen immer noch."
Besonders im direkten Vergleich mit dieser irrwitzigen
Dichte in Form und Inhalt wirken etwa Karl Kaltenbachers
Krawatten-Evangelisten-Tiere-Kombinationen flach und aufgesetzt und Thomas
Redls Collagen und Ausrisse zum Thema Trennungsmauer zwischen Israel und
Palästina ("Niemandsland jetzt") beliebig. Witzig dagegen "wovon die welt
nichts weiß" von den Künstler-Architekten PRINZGAU/podgorschek: Auf einer
Litfasssäule liest man über architektonische Fantastereien wie eine
Kirschblütenallee auf dem Flakturm im Augarten, die Luftstraße über den
Dächern Innsbrucks, und, natürlich, den 24. Bezirk Wiens. Hier wird
das Niemandsland als Hoffnungsgebiet der PR-Strategen, der Konzepttexter
verstanden - und selbstironisch belächelt. Von Selbstironie keine Spur im Begleittext der
Ausstellung: Just am Wiener Karlsplatz, wo man fortwährend über
Installationen, Interventionen etc. stolpert - und zur Not diverse
prosaische Hindernisse zu solchen verklären kann -, just auf dieser
wunderbaren urbanen Abenteuerwiese "den Verlust an Kunst in öffentlichen
Räumen" zu beklagen, klingt erbärmlich bis komisch. So komisch wie die röhrenden Rufe, die in "Art Protects
You" von Jochen Traar ein Handy im "Vibrationsmodus" einer Pauke und diese
wieder einem Lautsprecher übermittelt: eine derbe Travestie auf die
Telefonie. Ihr verdanken wir auch den Kuratoren-Künstler-Dialog des
Jahres, gehört bei der Pressekonferenz. Kuratorin: "Es geht um die
Kommunikation." Künstler: "Um die Nicht-Kommunikation." Genau.
|
||
| © diepresse.com | Wien | ||
|
|