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| 28.06.2006 - Kultur&Medien / Ausstellung | ||
| Rauschfreie Kunst: Soda statt Wein | ||
| VON ALMUTH SPIEGLER | ||
| "Corpus Christi" Light. Eine sanft entschärfte, trotzdem aber mutige Foto-Ausstellung in der Kunsthalle Krems. | ||
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Jesus, Gottes Sohn auf Erden. Mit wem sonst hätten sich die Künstler, diese Narzisse, messen sollen? Dürer stilisier te sich im Pelzrock schon vor gut 500 Jahren als Christus. Anfang der 1990er Jahre nagelte sich Martin Kippenberger in Form seines Alter Ego, einem Frosch mit Bierkrügel in der Pratze, ans Holzkreuz - "Fred the frog rings the bell". Aber Grüß Gott! Irgendetwas anderes am Kreuz als ein sympathischer junger Mann mit langen Haaren und Lendenschurz führt wie das Amen im Gebet zur Rotation konservativer Kreise. So billig kann die Provokation gar nicht sein. Ein Umstand, dem die Kunsthalle Krems in ihrer neuen
Ausstellung "Corpus Christi" nur scheinbar vorschnell Rechnung getragen
hat. Fünf Fotografien sortierte man noch vor der Eröffnung aus, laut
Direktor Tayfun Belgin "nach Rücksprache mit Vertretern der katholischen
Kirche": Ein 1934 von Dada-Poet Georges Hugnet montiertes Sujet aus
Letztem Abendmahl und einer äußerst artistischen Doppel-Fellatio. Einen
Tintendruck des satirischen US-Fotografen Les Krims von 1968, der eine
nackte Frau mit Minnie-Maus-Maske zeigt, die vor einem ebenfalls aus
(aufblasbaren) Mäuse-Köpfen bestehenden Kreuz posiert. Und ein paar
historische Erotik-Fotos aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
mit einem splitternackten Mann am Kreuz sowie sich ähnlich offenherzig
darbietenden Frauen. Feige Selbstzensur? Nein. Im Fall dieser aus Israel
übernommenen Wanderausstellung ging es mehr um eine intelligente
antipopulistische Maßnahme gegen erwartbare Pawlowsche Hechelreflexe.
Immerhin reizt die Gruppenschau "Corpus Christi", die versucht, eine
Tradition christlicher Motivik im Medium der Fotografie aufzuzeigen,
gerade in Krems mit einer doppelt interessanten Konstellation: Sie wurde
von einem in der Türkei geborenen jüdischen Kunsthistoriker
zusammengestellt, der sich selbst allerdings als nicht religiös bezeichnet
(Nissan N. Perez); und der türkischstämmige Direktor der Kunsthalle ist
Muslim. Wie leicht hätte die Herkunft der beiden Wissenschaftler
und Ausstellungsmacher für einen billigen, gar vielleicht rassistischen
Skandal instrumentalisiert werden können - und der Inhalt der Ausstellung
wäre im Geschrei untergegangen. Die sensible Entscheidung zur Rücksprache
zeugt also in erster Linie einmal von Respekt vor einer anderen Kultur in
einer besonders heiklen Zeit, denkt man an die extremen Folgen eines
seichten Karikaturenstreits. Mit religiöser Symbolik muss heute wohl bedachter
umgegangen werden als je zuvor. Noch dazu wird das Kunsthallenpublikum
sonst eher mit Renoir und Salonmalerei verwöhnt. Und mit der Schau will
man niemanden verschrecken, sondern eher sachte bilden - immerhin, mutig
genug. Was jetzt trotzdem nicht heißt, dass in Krems nur mehr
rosige Heiligenbildchen zu sehen sind. Nur um bei den Abendmählern zu
bleiben: US-Künstler Andres Serrano tauchte etwa ein schwarzes Mini-Modell
davon in Soda-Wasser, was einen verzaubert-verschleierten Effekt ergibt.
Der Israeli Adi Nes inszenierte es mit als israelische Soldaten
verkleideten Schauspielern. Und der in Aserbaidschan geborene Rauf Mamedov
ließ Männer mit Down-Syndrome zu Heiligen werden - sehr eindringlich, sehr
verinnerlicht, sehr theatralisch. Die ganze Zusammenstellung der Schau galoppiert quer durch die Religionen, quer durch die Geschlechter - und auch sehr quer durchs ganze Thema. Gemischt werden Zeitungsfotos, Filmstandbilder und Werbeplakate, Andachts-Kitsch und Historisches. Aber auch ikonografisch bleibt Perez zu wenig dicht an Christi Körper, sondern schweift hier zu Maria Magdalena ab, dort zu Johannes dem Täufer oder Madonna mit Kind. Mit nur gut 70 Werken kann dabei gar nichts anderes als ein subjektiver Einblick in die schier unüberblickbare Verwendung christlicher Symbolik entstehen. Konzipiert wurde die Schau allerdings doppelt so groß. Vor dem Hintergrund des noch immer äußerst
diskussionsanregenden Materials der Ausstellung wird die Wahl der
herausgenommenen, vergleichsweise harmlos wirkenden Exponate allerdings
noch interessanter: Regt ein nackter Christus heute wirklich immer noch
mehr auf als eine nackte Maria Magdalena, die - noch dazu vom selben
Fotografen - in der Ausstellung verbleiben durfte? "Es ist Ihre Kultur,
nicht meine", antwortet Belgin darauf nur. Ein Drittel der Fotos hätte er
übrigens auch auf eindringliche Bitte hin nicht weggelassen. "Aber wegen
der paar Bilder", beschwichtigt auch der Kurator. Schließlich wolle er
nicht provozieren um des Provozierens Willen. Ein Grund auch, warum Perez die extrem antiklerikalen
Collagen aus Dada und Surrealismus fast ganz ausgespart habe. Trotzdem
musste er 2004 in den Hamburger Deichtorhallen gegen seine visualisierte
Doktorarbeit eine marianische Mobilisierungs-Aktion erleben. In den USA
lehnten es gleich 40 Museen ab, "Corpus Christi" zu übernehmen -
Kapitulation. Belgin wurde übrigens von Staatssekretär Franz Morak auf
die Schau aufmerksam gemacht, erzählt er. Dieser habe sie 2003 im Israel
Museum in Jerusalem gesehen. |
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