
Pro Jahr rund 1 Million Besucher
Madrid.
Viele Basken schüttelten ungläubig den Kopf, als in der dahinsiechenden
Industriestadt Bilbao vor zehn Jahren das imposante Guggenheim-Museum
eröffnet wurde. "Hätten die Baukosten von umgerechnet 140 Millionen
Euro nicht besser für den Erhalt der Hochöfen und Werften ausgegeben
werden sollen als für ein Museum für moderne und zeitgenössische
Kunst?", fragte so mancher Skeptiker. Immerhin lebten in der
nordspanischen Metropole damals viele Arbeitslose, aber nur wenige
Kunstliebhaber.
Die Skeptiker sollten jedoch nicht recht
behalten. Das Museum der US-amerikanischen Guggenheim-Stiftung in
Bilbao, das an diesem Freitag (19. Oktober) sein zehnjähriges Bestehen
feiert, erwies sich als ein beispielloser Erfolg, der alle Erwartungen
übertraf. Es lockte nicht nur Kunstinteressierte aus aller Welt nach
Bilbao, sondern leitete auch eine wirtschaftliche Wiedergeburt der
Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern ein.
Das Museum zählt pro Jahr etwa eine Million Besucher, davon 60
Prozent aus dem Ausland. Viele von ihnen reisen allein wegen des
Museums nach Bilbao. "Der Erfolg gleicht fast einem Wunder", meinte der
stellvertretende Bürgermeister Ibon Areso. "Wegen des Terrors der ETA
hatte das Baskenland lange Zeit nur für negative Schlagzeilen gesorgt.
Nun geben wir auch mal ein positives Bild ab. Wir haben unsere
Selbstachtung zurückgewonnen."
Das Museum war schon bald nach der Eröffnung durch den spanischen
König Juan Carlos im Oktober 1997 in der Fachwelt auf fast einhellige
Begeisterung gestoßen. Der US-Architekt Philip Johnson bezeichnete das
Gebäude seines aus Kanada stammenden Kollegen Frank O. Gehry als das
"beste Bauwerk unserer Zeit".
Von außen erinnert das architektonische Meisterwerk mit einer
geschwungenen Dachkonstruktion aus silbern funkelndem Titan an ein
riesiges Traumschiff. Im Innern vereint es 19 Galerien. Eine davon hat
die Ausmaße einer Fabrikhalle und ist mit 130 Metern länger als ein
Fußballfeld. Dort können überdimensionale Kunstwerke gezeigt werden,
für die anderswo kein Platz ist.
Anfangs war das futuristische Bauwerk in der von Industriebrachen
und stillgelegten Fabriken geprägten Stadt wie ein Fremdkörper gewesen.
Es sollte für Bilbao jedoch eine heilende Wirkung haben. Experten
sprechen von einem "Guggenheim-Effekt". Wo einst stillgelegte Werften
verrosteten, laden jetzt Grünanlagen und Cafés zum Verweilen ein.
Bilbao erhielt modische Boutiquen und exklusive Hotels. Der Fluss
Nervion, an dessen Ufer das Guggenheim-Museum liegt, ist kein
stinkendes Industriegewässer mehr, sondern ein Ausflugsziel für
Spaziergänger und Radfahrer.
In keiner Stadt der Welt hatte der Bau eines Kunstmuseums eine so
tiefgreifende Wirkung wie in Bilbao. "Das Guggenheim-Museum wurde zu
einem echten Wahrzeichen wie der Eiffelturm in Paris oder die
Freiheitsstatue in New York", schrieb die Zeitung "El Mundo". Architekt
Gehry kann sich den Erfolg selbst nicht erklären: "Ich weiß immer noch
nicht so recht, wie alles passiert ist." Dabei hatte der "Picasso der
Architektur" die Grundrisse für das einzigartige Gebäude in nur zehn
Tagen entworfen.
Neben Gehry trugen auch andere namhafte Architekten dazu bei, Bilbao
zu einem neuen Gesicht zu verhelfen. Norman Foster baute eine U-Bahn,
Alvaro Siza entwarf ein Universitätsgebäude, Santiago Calatrava ein
Flughafen-Terminal und eine Fußgängerbrücke.
So ganz hat die Metropole sich mit dem Guggenheim-Museum allerdings
noch immer nicht arrangiert. Viele Einwohner sehen in der Pinakothek
eine Sehenswürdigkeit, die in erster Linie für die Touristen da ist.
Bilbao scheint sich auch zehn Jahre nach der Eröffnung des Museums in
seinem Selbstverständnis noch immer als eine Industriestadt zu
betrachten.
Mittwoch, 17. Oktober 2007