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Garten in Giverny: Reine Poesie

13.03.2009 | 17:31 | Von Irene Hanappi (Die Presse - Schaufenster)

„Mein schönstes Werk“ nannte Claude Monet seinen Garten in Giverny. Stimmt: Er ist wie ein Gesang ohne Worte, ein Bild ohne Konturen, eine Erzählung ohne Handlung.

Monet war ein mächtiger Mann. Er herrschte über ein kleines Imperium: acht Kinder, ­eine Frau, vier Dienstboten, sechs Gärtner und 220.000 Blumen. Und doch war er die meiste Zeit seines Lebens arm.
Geld brachten seine Bilder erst nach 1890 ein, sie sind sozusagen die Ernte der Jahre in Giverny. Der Garten dort hat dem Meister Glück gebracht. Doch nicht nur ihm, auch der kleinen, unbedeutenden Ortschaft – heute sicherlich die bekannteste Attraktion der Normandie. Mehr als 400.000 Besucher kommen jährlich, um Monets Garten zu sehen. „An die 800 Leute befinden sich oft gleichzeitig zwischen den Beeten“, erzählt Iver Hergoualch, der Gärtner. „Abends ist die Erde festgetrampelt und hart wie Beton.“ An der Erhaltung von Monets Imperium arbeiten neun fix angestellte Gärtner hart, tagaus, tagein und bei jeder Witterung. „Für Saatgut und Gehälter gehen pro Jahr 2,5 Millionen Franc drauf – doch wir tun nichts, als Farben zu mischen“, witzelt Hergoualch.

Denn Giverny wurde weder durch einen besonderen Entwurf noch durch eine außergewöhnliche Sammlung von Spezies berühmt, sondern dort der Garten eines Künstlers ist – eines Malers, der mit Farben und Formen komponierte. Was Monet gefiel, waren: einzelne Farbtupfer auf einfarbigem Hintergrund (rote Tulpen in einem Vergissmeinnichtbeet) oder Komplementärfarben in verschiedenen Abstufungen (dunkelrote Dahlien und knallrote Kapuzinerkresse nebeneinander) oder aber zarte, fast durchsichtige Farbflächen (Zierkirsche in Blüte). Er liebte Rotschattierungen und setzte rosa Rosen zwischen dunkelroten Ziertabak oder rote Gladiolen neben magenta­farbene Lilien. Er kombinierte auch gern Goldgelb mit Saphirblau und pflanzte Sonnenblumen neben blaue Herbstastern.

„Mein schönstes Werk ist mein Garten“, soll Monet einmal gesagt haben. Auf Fotos sitzt er unter einem weißen Sonnenschirm, steht breitbeinig in der Allee unter den Rosenranken oder rauchend in seinem Atelier – das Gesicht fast zur Gänze von Hut und Bart bedeckt. Versonnen, in sich gekehrt, beständig in seinen Lebensgewohnheiten, hartnäckig im Erreichen seiner Ziele. Die Eltern planten für ihn eine Karriere als Kaufmann in Le ­Hav­re – er ging nach Paris, um Maler zu werden. Seine Lehrer hielten ihn an, sich an der Antike ein Beispiel zu nehmen – er malte weiter die Wirklichkeit, wie er sie sah. Sein Bild „Impression soleil levant“ wurde von der Kritik verhöhnt – er hielt an seinem Stil fest und schuf eine neue Kunstrichtung, den Impressionismus.

Als er mit Alice Hoschedé, die zum damaligen Zeitpunkt noch mit einem anderen Mann verheiratet war, und deren sechs Kindern 1883 nach Giverny, nicht weit von Paris, zog, wurde er von den Bauern scheel angesehen. Er blieb vierzig Jahre in ihrem Dorf, pflanzte fremdartig ­erscheinende Gewächse und wurde auch dafür angefeindet. Schließlich setzte er sogar durch, dass man ihm ­gestattete, den Fluss umzuleiten, um einen Seerosenteich anzulegen. Ein Mann, der keine Kompromisse kannte, kein Bohemien, dem es an Brennholz mangelte, um seine Dachkammer zu heizen, vielmehr ein echter Bourgeois, der an der Familientafel mit zwölf Personen den Vorsitz führte. Der gerne gut aß und früh schlafen ging, um vor Tagesanbruch auf den Beinen zu sein.

Dass er auch Wert auf Komfort legte, zeigt die Einrichtung seiner Küche. Dort stehen neben den verglasten Schränken mit dem blassblauen Chinaporzellan sogar ein Eiskasten, für die damalige Zeit ein Novum, und ein Herd, der gleichzeitig der Warmwasseraufbereitung diente. Im ­oberen Stockwerk liegt eine Zimmerflucht, darunter zwei getrennte Schlafzimmer für Monsieur und Madame. „Das Geheimnis einer lang anhaltenden Liebe“, kommentiert schmunzelnd Florence van der Kemp, die Frau des Konservators.

Ihrem Geschick und ihren Kontakten ist es zu verdanken, dass der Besitz, den Monets Sohn Michel der Akademie der schönen Künste vermachte, restauriert werden konnte. Sie fand in Amerika namhafte Geldgeber wie ­Lila Wallace, die Erbin des Reader’s-Digest-Imperiums, die Familien Rockefeller und Rothschild. Schecks mit Dollarbeträgen in Millionenhöhe trafen ein, und so konnten Haus und Garten, die 50 Jahre lang verwahrlost waren, 1976 gerettet werden.

Es duftet nach Bienenwachs, vom Fenster in Monets Schlafzimmer aus sieht man die ganze Pracht des Gartens. Als in dem weiß lackierten Bett noch der Hausherr lag, zierten Bilder seiner Freunde Cézanne, Renoir, Manet, Berthe Morisot und Degas die Wände. Heute hängen im gesamten Haus japanische Holzschnitte – die wertvollen Gemälde der Impressionisten sind in den Museen der ganzen Welt verstreut. Wenn Monet gewusst hätte, was sie einmal wert sein würden! Als er nach Giverny zog, hatte er die Lebensmitte bereits überschritten, doch immer noch quälten ihn Geldsorgen. Der durchschlagende Erfolg ließ auf sich warten. Er konzentrierte sich auf die Gestaltung seines Gartens und auf seine Malerei, „denn für was anderes bin ich nicht zu gebrauchen“, sagte er.

Entlang der fünf Meter breiten Mittelachse, über die sich heute sechs mit Rosen bewachsene Bögen wölben, legte er zwei parallele Beete von je zwei Metern an. Quer dazu entstanden im Osten 30 kleinere quadratische Beete, spöttisch „die Malkastenbeete“ genannt; hier setzte er Blüten der Farben Rosa, Blau, Flieder und Mauve und schuf so ­eine Harmonie aus Pastelltönen, die, mit Weiß gemischt, im dunstigen Morgenlicht sehr stimmungsvoll wirken.

Im westlichen Teil seines Gartens errichtete er 15 in Nord-Süd-Richtung verlaufende Beete, in denen er Blumen in warmen Farbnuancen pflanzte, die in der Abendsonne zu leuchten beginnen: in Gelb, Orange, Rot, Bronze und Braun. Markenzeichen seines Gartens sind die ­Glyzinien in Weiß und Blau geworden, die sich nicht nur am Haus, sondern vor allem über der geschwungenen Brücke im Wassergarten ranken.

„Wenn Sie die Augenlider senken und gegen die Sonne blinzeln, haben Sie den gleichen Effekt wie beim Betrachten von Monets Bildern“, erklärt Gärtner Hergoualch. Und wirklich: Fixiert man einen Punkt im Meer der Blüten, ­erscheint der Rest der Szene nur mehr als flimmerndes Gemisch zusammenhangloser, fast abstrakter Formen.

Weil die Blumen nicht nur in Fußhöhe wachsen, sondern den Betrachter auf mehreren Ebenen rundum umgeben – als Girlanden, die sich um ein Spalier winden, als blühende Hecken oder als hochgewachsene Topfpflanzen in chinesischen Vasen –, scheint sich das Gesamtbild in schimmernde Farbflecke aufzulösen. Verstärkt wird dieses visuelle Erlebnis noch durch das Schattenspiel, das der Wind erzeugt, wenn er die Blätter der Bäume in Bewegung versetzt.

Monet wollte mit seiner Malerei Momentaufnahmen der Natur einfangen, Stimmungen wiedergeben und Bewegung darstellen. Die Vorlagen dafür lieferte ihm sein Garten. Er schuf mit Pflanzen lebende Bilder und kreierte Motive, die ihn zum Malen inspirieren sollten, selbst. Nichts überließ er dabei dem Zufall. Als es ihm finanziell besser ging, kaufte er ein am Ende seines Gartens jenseits der Straße gelegenes Grundstück und errichtete dort ­einen Wassergarten, für den er von einem Züchter in Südfrankreich Seerosen kommen ließ.

In Giverny sind über 500 Werke entstanden; hier be­gann Monet auch mit seinen berühmten Serien „Die Heuhaufen“, die „Pappeln“, „Die Kathedrale von Rouen“, „Die ­japanischen Brücken“, „Die Glyzinien“ und schließlich „Nymphéas“ – „Die Seerosen“ –, von denen er zwischen 1903 bis 1908 nicht weniger als 48 Variationen malte.

„Eines Tages“, berichtet sein Stiefsohn Jean-Pierre Hoschedé, „als Monet gerade dabei war, ,Die Heuschober‘ zu malen, erfuhr er, dass sein Motiv am nächsten Tag zerstört werden sollte. Um zu erreichen, dass die Bauern den Heuschober stehen ließen, musste er ,Zoll‘ bezahlen. Ein anderes Mal, als er an der Epte entlangruderte, um eine Serie von Pappeln zu malen, fiel ihm auf, dass alle Bäume an ihrer Basis ein Zeichen trugen. Die Bäume sollten in Kürze gefällt werden, erfuhr er. Und wieder musste er, um einen Aufschub zu erwirken, seine Geldbörse zücken.“ Die Schikanen der Bauern hörten mit der Zeit auf. Man gewöhnte sich an den schweigsamen Mann mit Bart und Hut, der durch die Felder zog, einen Tross Kinder hinter sich, die in Scheibtruhen seine Malutensilien mitführten. Auch die heutigen Bewohner von Giverny haben keinen Grund, über ihn zu klagen. Von den tausenden Besuchern, die im Sommer durch den Ort streifen, kehrt jeder irgendwo ein, bleibt vielleicht über Nacht, kauft zumindest eine Ansichtskarte oder sogar ein Bild in einem der Ateliers. Und jedes Mal klingeln die Kassen.

Nächstes Jahr übrigens noch öfter: 2010 findet die erste Auflage des Festivals „Impressionismus in der Normandie“ in der ganzen Normandie statt.




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