Monet
war ein mächtiger Mann. Er herrschte über ein kleines Imperium: acht
Kinder, eine Frau, vier Dienstboten, sechs Gärtner und 220.000 Blumen.
Und doch war er die meiste Zeit seines Lebens arm.
Geld brachten
seine Bilder erst nach 1890 ein, sie sind sozusagen die Ernte der Jahre
in Giverny. Der Garten dort hat dem Meister Glück gebracht. Doch nicht
nur ihm, auch der kleinen, unbedeutenden Ortschaft – heute sicherlich
die bekannteste Attraktion der Normandie. Mehr als 400.000 Besucher
kommen jährlich, um Monets Garten zu sehen. „An die 800 Leute befinden
sich oft gleichzeitig zwischen den Beeten“, erzählt Iver Hergoualch,
der Gärtner. „Abends ist die Erde festgetrampelt und hart wie Beton.“
An der Erhaltung von Monets Imperium arbeiten neun fix angestellte
Gärtner hart, tagaus, tagein und bei jeder Witterung. „Für Saatgut und
Gehälter gehen pro Jahr 2,5 Millionen Franc drauf – doch wir tun
nichts, als Farben zu mischen“, witzelt Hergoualch.
Denn
Giverny wurde weder durch einen besonderen Entwurf noch durch eine
außergewöhnliche Sammlung von Spezies berühmt, sondern dort der Garten
eines Künstlers ist – eines Malers, der mit Farben und Formen
komponierte. Was Monet gefiel, waren: einzelne Farbtupfer auf
einfarbigem Hintergrund (rote Tulpen in einem Vergissmeinnichtbeet)
oder Komplementärfarben in verschiedenen Abstufungen (dunkelrote
Dahlien und knallrote Kapuzinerkresse nebeneinander) oder aber zarte,
fast durchsichtige Farbflächen (Zierkirsche in Blüte). Er liebte
Rotschattierungen und setzte rosa Rosen zwischen dunkelroten Ziertabak
oder rote Gladiolen neben magentafarbene Lilien. Er kombinierte auch
gern Goldgelb mit Saphirblau und pflanzte Sonnenblumen neben blaue
Herbstastern.
„Mein schönstes Werk ist mein Garten“, soll
Monet einmal gesagt haben. Auf Fotos sitzt er unter einem weißen
Sonnenschirm, steht breitbeinig in der Allee unter den Rosenranken oder
rauchend in seinem Atelier – das Gesicht fast zur Gänze von Hut und
Bart bedeckt. Versonnen, in sich gekehrt, beständig in seinen
Lebensgewohnheiten, hartnäckig im Erreichen seiner Ziele. Die Eltern
planten für ihn eine Karriere als Kaufmann in Le Havre – er ging nach
Paris, um Maler zu werden. Seine Lehrer hielten ihn an, sich an der
Antike ein Beispiel zu nehmen – er malte weiter die Wirklichkeit, wie
er sie sah. Sein Bild „Impression soleil levant“ wurde von der Kritik
verhöhnt – er hielt an seinem Stil fest und schuf eine neue
Kunstrichtung, den Impressionismus.
Als er mit Alice Hoschedé,
die zum damaligen Zeitpunkt noch mit einem anderen Mann verheiratet
war, und deren sechs Kindern 1883 nach Giverny, nicht weit von Paris,
zog, wurde er von den Bauern scheel angesehen. Er blieb vierzig Jahre
in ihrem Dorf, pflanzte fremdartig erscheinende Gewächse und wurde
auch dafür angefeindet. Schließlich setzte er sogar durch, dass man ihm
gestattete, den Fluss umzuleiten, um einen Seerosenteich anzulegen.
Ein Mann, der keine Kompromisse kannte, kein Bohemien, dem es an
Brennholz mangelte, um seine Dachkammer zu heizen, vielmehr ein echter
Bourgeois, der an der Familientafel mit zwölf Personen den Vorsitz
führte. Der gerne gut aß und früh schlafen ging, um vor Tagesanbruch
auf den Beinen zu sein.
Dass er auch Wert auf Komfort legte,
zeigt die Einrichtung seiner Küche. Dort stehen neben den verglasten
Schränken mit dem blassblauen Chinaporzellan sogar ein Eiskasten, für
die damalige Zeit ein Novum, und ein Herd, der gleichzeitig der
Warmwasseraufbereitung diente. Im oberen Stockwerk liegt eine
Zimmerflucht, darunter zwei getrennte Schlafzimmer für Monsieur und
Madame. „Das Geheimnis einer lang anhaltenden Liebe“, kommentiert
schmunzelnd Florence van der Kemp, die Frau des Konservators.
Ihrem
Geschick und ihren Kontakten ist es zu verdanken, dass der Besitz, den
Monets Sohn Michel der Akademie der schönen Künste vermachte,
restauriert werden konnte. Sie fand in Amerika namhafte Geldgeber wie
Lila Wallace, die Erbin des Reader’s-Digest-Imperiums, die Familien
Rockefeller und Rothschild. Schecks mit Dollarbeträgen in Millionenhöhe
trafen ein, und so konnten Haus und Garten, die 50 Jahre lang
verwahrlost waren, 1976 gerettet werden.
Es duftet nach
Bienenwachs, vom Fenster in Monets Schlafzimmer aus sieht man die ganze
Pracht des Gartens. Als in dem weiß lackierten Bett noch der Hausherr
lag, zierten Bilder seiner Freunde Cézanne, Renoir, Manet, Berthe
Morisot und Degas die Wände. Heute hängen im gesamten Haus japanische
Holzschnitte – die wertvollen Gemälde der Impressionisten sind in den
Museen der ganzen Welt verstreut. Wenn Monet gewusst hätte, was sie
einmal wert sein würden! Als er nach Giverny zog, hatte er die
Lebensmitte bereits überschritten, doch immer noch quälten ihn
Geldsorgen. Der durchschlagende Erfolg ließ auf sich warten. Er
konzentrierte sich auf die Gestaltung seines Gartens und auf seine
Malerei, „denn für was anderes bin ich nicht zu gebrauchen“, sagte er.
Entlang
der fünf Meter breiten Mittelachse, über die sich heute sechs mit Rosen
bewachsene Bögen wölben, legte er zwei parallele Beete von je zwei
Metern an. Quer dazu entstanden im Osten 30 kleinere quadratische
Beete, spöttisch „die Malkastenbeete“ genannt; hier setzte er Blüten
der Farben Rosa, Blau, Flieder und Mauve und schuf so eine Harmonie
aus Pastelltönen, die, mit Weiß gemischt, im dunstigen Morgenlicht sehr
stimmungsvoll wirken.
Im westlichen Teil seines Gartens
errichtete er 15 in Nord-Süd-Richtung verlaufende Beete, in denen er
Blumen in warmen Farbnuancen pflanzte, die in der Abendsonne zu
leuchten beginnen: in Gelb, Orange, Rot, Bronze und Braun.
Markenzeichen seines Gartens sind die Glyzinien in Weiß und Blau
geworden, die sich nicht nur am Haus, sondern vor allem über der
geschwungenen Brücke im Wassergarten ranken.
„Wenn Sie die
Augenlider senken und gegen die Sonne blinzeln, haben Sie den gleichen
Effekt wie beim Betrachten von Monets Bildern“, erklärt Gärtner
Hergoualch. Und wirklich: Fixiert man einen Punkt im Meer der Blüten,
erscheint der Rest der Szene nur mehr als flimmerndes Gemisch
zusammenhangloser, fast abstrakter Formen.
Weil die Blumen nicht
nur in Fußhöhe wachsen, sondern den Betrachter auf mehreren Ebenen
rundum umgeben – als Girlanden, die sich um ein Spalier winden, als
blühende Hecken oder als hochgewachsene Topfpflanzen in chinesischen
Vasen –, scheint sich das Gesamtbild in schimmernde Farbflecke
aufzulösen. Verstärkt wird dieses visuelle Erlebnis noch durch das
Schattenspiel, das der Wind erzeugt, wenn er die Blätter der Bäume in
Bewegung versetzt.
Monet wollte mit seiner Malerei
Momentaufnahmen der Natur einfangen, Stimmungen wiedergeben und
Bewegung darstellen. Die Vorlagen dafür lieferte ihm sein Garten. Er
schuf mit Pflanzen lebende Bilder und kreierte Motive, die ihn zum
Malen inspirieren sollten, selbst. Nichts überließ er dabei dem Zufall.
Als es ihm finanziell besser ging, kaufte er ein am Ende seines Gartens
jenseits der Straße gelegenes Grundstück und errichtete dort einen
Wassergarten, für den er von einem Züchter in Südfrankreich Seerosen
kommen ließ.
In Giverny sind über 500 Werke entstanden; hier
begann Monet auch mit seinen berühmten Serien „Die Heuhaufen“, die
„Pappeln“, „Die Kathedrale von Rouen“, „Die japanischen Brücken“, „Die
Glyzinien“ und schließlich „Nymphéas“ – „Die Seerosen“ –, von denen er
zwischen 1903 bis 1908 nicht weniger als 48 Variationen malte.
„Eines
Tages“, berichtet sein Stiefsohn Jean-Pierre Hoschedé, „als Monet
gerade dabei war, ,Die Heuschober‘ zu malen, erfuhr er, dass sein Motiv
am nächsten Tag zerstört werden sollte. Um zu erreichen, dass die
Bauern den Heuschober stehen ließen, musste er ,Zoll‘ bezahlen. Ein
anderes Mal, als er an der Epte entlangruderte, um eine Serie von
Pappeln zu malen, fiel ihm auf, dass alle Bäume an ihrer Basis ein
Zeichen trugen. Die Bäume sollten in Kürze gefällt werden, erfuhr er.
Und wieder musste er, um einen Aufschub zu erwirken, seine Geldbörse
zücken.“ Die Schikanen der Bauern hörten mit der Zeit auf. Man gewöhnte
sich an den schweigsamen Mann mit Bart und Hut, der durch die Felder
zog, einen Tross Kinder hinter sich, die in Scheibtruhen seine
Malutensilien mitführten. Auch die heutigen Bewohner von Giverny haben
keinen Grund, über ihn zu klagen. Von den tausenden Besuchern, die im
Sommer durch den Ort streifen, kehrt jeder irgendwo ein, bleibt
vielleicht über Nacht, kauft zumindest eine Ansichtskarte oder sogar
ein Bild in einem der Ateliers. Und jedes Mal klingeln die Kassen.
Nächstes
Jahr übrigens noch öfter: 2010 findet die erste Auflage des Festivals
„Impressionismus in der Normandie“ in der ganzen Normandie statt.
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